Das Märchen von der klimaneutralen Mobilität

CO2 Alle reden von «Klimaneutralität». Die Umweltlobby propagiert vor allem «klimaneutrale» Elektroautos – und die EU will gar bis 2050 die gesamte Wirtschaft «klimaneutral» gestalten. Doch mit der ökologischen Realität hat dies nichts zu tun.

Die jüngste Meldung kam von der Carsharing-Anbieterin Mobility. Sie stelle «komplett auf Elektroautos» um und werde «klimaneutral», kündigte die Genossenschaft Ende August an. Die Klimaneutralität ist derzeit in aller Munde. Selbst Erdölfirmen wie Shell versprechen ihren Kunden «klimaneutrales» Tanken. Und die EU fordert sogar ein «klimaneutrales Europa» bis 2050.

Doch was steckt dahinter? Sind E-Autos wirklich klimaneutral? Kann es so etwas wie eine klimaneutrale Mobilität und Wirtschaft geben? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht hier nicht darum, Elektroautos schlechtzureden oder gegen Verbrenner auszuspielen. Die verschiedenen Antriebsmodelle haben ihre Berechtigung, ihre Stärken und Schwächen. Doch um vernünftige Lösungen für die Mobilität der Zukunft zu finden, ist es unabdingbar, alle relevanten Fakten einzubeziehen.

Schwindel mit dem E-Auto
Dass Elektroautos klimaneutral seien, davon geht zum Beispiel die Europäische Union in ihrer CO2-Verordnung vom 17. April 2019 aus. Bei oberflächlicher Betrachtung mag das zwar so aussehen: Da Elektroautos hinten kein Loch haben, können sie ja auch keine Treibhausgase ausstossen. Aber das ist natürlich viel zu kurz gedacht. Der Auspuff von E-Autos liege halt einfach ein bisschen weiter weg im Kraftwerk, bemerkte der renommierte deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn treffend. Er spricht deshalb vom «grossen Schwindel mit dem E-Auto». Wie viel CO2 die Elektrischen letztlich ausstossen, hängt vom Energiemix und den Herstellungsbedingungen ab. Öl, Kohle und Gas machen global gesehen noch immer den Löwenanteil aus. Wasserkraft und erneuerbare Energien sind im Weltmassstab vernachlässigbar. 

Zwar produziert die Schweiz mehr Strom aus Wasserkraft als andere Länder, doch auch hierzulande stammen rund zwei Drittel des Endverbrauchs aus fossilen Energieträgern. Selbst wenn heute auf einen Schlag nur noch E-Autos auf Schweizer Strassen fahren würden, würde dies also noch lange keine Klimaneutralität bedeuten. 

Hinzu kommt, dass auch die Produktion der E-Autos Energie frisst und somit CO2 verursacht. Das gilt insbesondere auch für die Batterieherstellung in China, wo fossile Energie in gigantischen Mengen eingesetzt wird. 

Nichts ist klimaneutral
Eine Analyse ohne Scheuklappen muss schliesslich auch mitbedenken, dass die Auswirkungen auf das Klima bei Weitem nicht das einzige ökologische Kriterium sind. Klimaverträglichkeit ist nicht gleichzusetzen mit der Gesamtökobilanz. Bei den E-Autos ist beispielsweise zu beachten, dass die Batterien im Sondermüll landen. 

Und schliesslich sind in der Energiepolitik neben Umweltaspekten immer auch Faktoren wie Wirtschaftlichkeit, Sozialverträglichkeit, langfristige Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit von Importen zu berücksichtigen. Ein zentraler Punkt, den die Verkünder einer Klimaneutralität gerne ausblenden, sind die Kosten. Bis heute haben europäische Firmen nach Angaben des Carbon Disclosure Project mehr als 124 Milliarden Euro in die Reduktion des CO2-Ausstosses investiert. Um das von der EU ausgerufene Ziel der Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, müssten die Unternehmen diese Summe verdoppeln. Das würde manche in den finanziellen Ruin treiben. 

Allerdings gibt es auch innerhalb der Ökoszene Stimmen, die das Ganze durchaus kritisch beurteilen. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe sagte in einem Radiointerview: «Nichts ist klimaneutral. Weil wir alles, was wir tun, alles, was wir produzieren, von A nach B bewegen.» Klimaneutralität sei darum eine Illusion. «Ich denke, darüber sollten wir ehrlich diskutieren», so der Umweltexperte. 

Wohlstand in Gefahr 
Am Ende des Tages müssen wir mit Sachverstand und Augenmass entscheiden, welche Priorität wir dem Umwelt- und Klimaschutz beimessen. Und welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind. ­Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Deutschen Bank zeigt, dass der Wohlstand eines Landes noch immer mit den CO2-Emissionen pro Kopf korreliert. Denn Wohlstand hängt mit dem Energieverbrauch zusammen, und der basiert zu rund 80 Prozent auf fossilen Energieträgern. 

Radikale Klimaschützer gehen heute so weit, dass sie sogar einen Stopp des Kinderkriegens fordern, um die Klimaziele zu erreichen. Gestützt werden sie dabei von einer schwedischen Studie aus dem Jahr 2017, die behauptete, dass der Verzicht auf ein Kind mehr als zehnmal so viele CO2-Emissionen einspare wie der Verzicht auf ein Auto. So absurd die Forderung nach einem «Kinderstreik» auch klingen mag, so hat sie doch eine entlarvende Logik. Leben ist Energie, Bewegung, Mobilität. So gesehen, gibt es tatsächlich nur eine Lösung: Die Menschheit muss sterben, damit das Klima leben kann. Willkommen in Absurdistan.

2 Kommentare

  1. Sehr schöner Beitrag Herr Gut, lösungsorientiert, konstruktiv und sehr informativ: Leben ist Autofahren, wenn Klimaschützer uns das verbieten werden wir sterben!
    So einen Schwachsinn habe ich noch selten gelesen.
    Wirklich beunruhigend scheint mir aber der 1:1 Zusammenhang zwischen CO2 und Wohlstand: Seit Jahrzehnten wird die Heiz- und Motorentechnik verbessert und trotzdem holen wir nicht mehr Wohlstand aus einem kg CO2 raus? Das wäre ja mal ein spannendes Thema für einen Beitrag, in dem die Rolle des Autos ein wenig beleuchtet wird…

  2. Die Menschheit sterben zu lassen um uns Umwelttechnisch zu verbessern ist einfach eine dämliche Aussage.
    Mobilität ist ein grosser Einflussfaktor in der Umweltfrage. Wir wissen schon lange, dass wir die Umweltbelastung dringend massiv reduziern sollten, aber die Fahrzeuge die wir fahren werden immer noch grösser und schwerer!
    Ganz banal gesehen, sollten wir uns eher mit dem begnügen, was wir wirklich benötigen, andererseits werden unsere Nachkommen noch weniger geniessen können (müssen) als wir uns selber zumuten würden.

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