«Mein Auto ist mein zweites Zuhause»

GÉRALDINE RUCKSTUHL Im Alter von 22 Jahren hält sie den Schweizer Rekord im Siebenkampf. Ihre Sportausrüstung füllt ihr Auto, das ihr erlaubt, die verschiedenen Trainingsorte zu erreichen.

In grauen Leggins, die ihre langen Beine betonen, einem Girlie-Shirt von Puma und weissen Turnschuhen erscheint Géraldine Ruckstuhl dynamischen Schrittes zu unserem Treffen. Mit einer Viertelstunde Verspätung. Sie lacht strahlend und winkt mit beiden Armen, das Warten ist sehr schnell vergessen. Die junge Frau kommt gerade vom Training aus Zürich, und der Verkehr war dicht. Die Gefahren und Tücken des Verkehrs kennt die 22-jährige Athletin nur zu gut. On the road again ist eine treffende Beschreibung ihres Alltags. Doch das trifft sich gut, denn sie liebt das Autofahren: «Unter der Woche trainiere ich an vier verschiedenen Orten: in Zürich, Luzern, Magg­lingen und Bern. Zwischen Luzern und Biel gibt es viele Staus.» Vor einer heissen Schokolade auf der Terrasse der Bar Grand Hotel in Magglingen BE sitzend – mit fantastischer Sicht auf Biel und das ferne Seeland –, beginnt sie, von sich zu erzählen. Sie ist gleichermassen sympathisch wie spontan und geniesst das Leben in vollen Zügen. Man sieht es sofort, und es ist erfrischend. Auf den ersten Blick gleicht Géraldine Ruckstuhl, die von allen Geri genannt wird, den jungen Frauen in ihrem Alter, wären da nicht ihre muskulösen Arme, die aus ihr eine herausragende Speerwerferin machen – nicht umsonst hält sie den Schweizer Rekord in dieser Disziplin.

Podcasts am Steuer
Aber bevor wir ausführlicher auf ihre sportlichen Leistungen eingehen, sprechen wir über Autos. Das Auto ist für sie nicht nur als Fortbewegungsmittel unentbehrlich, sondern dient ihr auch als  Sporttasche. Ein gigantisches Gepäckstück ganz im Sinne der Siebenkämpferin: «Ich habe immer meinen Speer, meine Kugeln, meine ganze Ausrüstung und etwa fünfzehn Paar Sportschuhe dabei – sprich ein Paar pro Disziplin plus Turnschuhe. So vergesse ich nichts. Mein Auto ist mein zweites Zuhause.» Das Raumangebot eines Fahrzeugs ist für die Luzernerin offensichtlich ein wichtiges Kriterium. Ein weiteres Muss: ein Automatikgetriebe. «Nach dem Training bin ich jeweils müde. Dann ist es eine Erleichterung, wenn ich in den Staus keine Gänge schalten muss.» Auch wenn sie oft unterwegs ist – sie fährt mehr als zehn Stunden pro Woche –, so nutzt Géraldine Ruckstuhl ihre Zeit optimal. Sie hört viele Podcasts über alle möglichen Themen, lauscht englischsprachigen Radiosendern und Sprachkursen, um ihr Französisch zu verbessern. Und wenn sie sich nicht weiterbildet, dann ruft sie ihre Familie, Freunde und Bekannte an: «Oft warte ich nur darauf, um am Steuer ein paar Anrufe zu machen.»

Ruckstuhl schätzt ihr Auto sehr. Noch nicht lange ist es her, dass sie bei ihren Eltern in Altbüron im Kanton Luzern wohnte und mit Bus und Zug inklusive dreifachem Umsteigen pro Strecke zu ihren Trainings fuhr. «Deshalb habe ich sofort meinen Führerausweis gemacht», lacht die junge Frau. Aufgrund ihrer sportlichen Resultate und ihrer positiven Persönlichkeit hat ihr die Garage unweit ihres Elternhauses einen Opel Grandland X angeboten. Wie zahlreiche Leute sorgt sich Géraldine Ruckstuhl natürlich um die Umwelt und das Klima: «Aber ohne Auto könnte ich meinen Sport nicht ausüben. Ich muss mobil sein.» Die Lösung? «Ich würde gerne ein Elektroauto fahren, dann würde ich mich noch besser fühlen. Bei meinen Eltern in Brügg nahe Biel, wo ich wohne, fahre ich mit dem Velo von A nach B.» Eine unterschwellige Botschaft an ihren Garagisten? In der Zwischenzeit fährt die junge Frau weiterhin ihren Diesel und gestaltet ihren Terminkalender mithilfe von strengen Wochenplänen. Diese lassen ihr nur einen einzigen Tag frei, den Sonntag. Auf dem Wochenprogramm stehen zwischen 20 und 25 Stunden Training mit drei Coaches, die jeweils auf zwei Disziplinen spezialisiert sind, Physiotherapiesitzungen, Massagen und eine Teilzeitstelle von 20 Prozent als kaufmännische Angestellte bei Swiss Krono. Und dann sind da noch ungefähr zwanzig Wettkämpfe pro Saison. Denn zu den Wettkämpfen im Siebenkampf kommen die Wettkämpfe im Speerwerfen, Hürdenlauf oder in weiteren Disziplinen dazu, die Teil der sieben Prüfungen sind. Die Teilnahme in allen diesen Bereichen ist eine ideale Vorbereitung für die Siebenkämpferin. Wenn immer möglich, fährt sie mit dem Auto zu den Wettkämpfen: «Entweder fahre ich, meine Eltern oder meine Geschwister. So kann ich schlafen, mich entspannen – oder diskutieren.»

Schon als Kind übte Ruckstuhl alle möglichen Sportarten aus: Badminton, Schwimmen, Kunstturnen, Laufen, Fahrradfahren und Leichtathletik. Die ganze Familie ist sportlich: Ihr Vater fährt Rennrad, ihre Mutter läuft Marathon, ihr Bruder macht Kunstturnen und ihre Schwester Leichtathletik. Im Laufe der Zeit konzentrierte sich das junge Mädchen auf die Leichtathletik, und da sie in mehreren Disziplinen gute Resultate erzielte sowie Änderungen und Herausforderungen liebte, entschied sie sich für den Siebenkampf. Ihre Wahl erwies sich in Anbetracht ihrer Resultate als goldrichtig. Bei den Jugendweltmeisterschaften 2015 wurde sie Weltmeisterin im Siebenkampf. Drei Jahre später schlug sie den Schweizer Rekord der (Elite-)Disziplin und holte ausserdem den ersten Platz bei den U23-Europameisterschaften. Und 2019 platzierte sie sich bei den Weltmeisterschaften in Doha mit 6159 Punkten auf dem neunten Platz. Die Zukunft der jungen Luzernerin scheint vielversprechend, zudem vergisst sie nicht die Freuden des Lebens: «Ich schätze es, dass ich reisen kann. Ich bin schon nach Kolumbien, Schweden und Katar gereist und in die Nachbarländer der Schweiz. Manchmal habe ich nach den Wettbewerben ein bisschen freie Zeit zur Verfügung, um das Land zu entdecken.» Und wie schafft sie es, Tag für Tag ihren Enthusiasmus zu behalten, selbst mit acht oder neun Trainings pro Woche? «Ich habe Spass daran, ich bewege mich gerne. Und wenn ich einmal weniger Lust aufs Training habe, dann denke ich an mein Ziel: die Olympischen Spiele! Ich hoffe, dass sie 2021 stattfinden. Als ich hörte, dass sie für dieses Jahr abgesagt würden, tat das weh. Alle Sportler waren enttäuscht.» Doch sie hat Glück, denn das langersehnte Ereignis wurde schliesslich vom IOK bestätigt. Jetzt muss sie sich nur noch dafür qualifizieren. Eine Leistung, die in Reichweite dieses grossen Nachwuchstalents liegt.

Für Géraldine Ruckstuhl ist das Auto ein unverzichtbares Transportmittel. Umso mehr, wenn es ein Automatikgetriebe hat.

«Nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre
mein Sport nicht möglich»

Automobil Revue: Wer ist Alain Prost für Sie? 

Géraldine Ruckstuhl:  Ein Formel-1-Pilot. Als wir klein waren, schauten wir oft die Rennen im Fernsehen. Und mein Vater drehte auch mit seinem Ford Runden auf dem Nürburgring.

Ihr erstes Mal im Auto?
Ich fuhr mit meinem Vater auf einem Parkplatz.

Ihr erstes Auto?
Ein Volvo, den ich nur ein paar Monaten fuhr.

Was fahren Sie heute?
Einen Opel Grandland X. Ich habe ihn im November 2019 von der Garage Arnet in Willisau bekommen. Sie liegt in der Nähe meines Elternhauses.

Ihr Traumauto?
Ein Porsche 911, ein Ford Mustang oder ein Citroën 2CV. Ich finde diese Autos supercool.

Ihre beste Fahrt im Auto?
Das war 2018. Ich machte mit meiner besten Freundin Olivia einen Roadtrip durch Spanien. Wir fuhren nach Barcelona, Madrid und Valencia. Wir haben so viele Sachen und Landschaften gesehen. Das war super.

Ein Alptraum im Auto?
Das wäre ein Unfall, aber ich hatte noch nie einen. 

Am Steuer Ihres Autos fühlen Sie sich …
Sicher, denn ich fahre viel.

Ein Leben ohne Auto?
Nicht möglich. Wäre ich allein auf den ÖV angewiesen, könnte ich meinen Sport nicht ausüben.

Ein Tempolimit von 30 km/h in allen Schweizer Städten, wäre das eine gute Idee?
Ja, wenn Kinder in der Nähe sind, oder in belebten Stadtquartieren. Aber an Orten, an denen es fast keine Fussgänger gibt, ist das keine gute Idee. Mit 30 km/h ist man weniger konzentriert: Da man sich langsam vorwärtsbewegt, schaut man überall um sich, und das Unfallrisiko steigt.

Selbstfahrende Autos: Lust oder Frust?
Diese neue Technologie ist interessant, aber zum jetzigen Zeitpunkt vertraue ich ihr nicht, man denke nur an die mögliche Manipulation aus der Ferne. Aber ich bin neugierig zu sehen, wo wir in zehn Jahren stehen werden.

Wen würden Sie am Strassenrand auf jeden Fall mitnehmen? 
Roger Federer. Es wäre grossartig, ihn zu treffen und ein normales Gespräch mit ihm zu führen.

Und wen würden Sie nicht mitnehmen?
Ich würde jeden mitnehmen, wenn ich sicher wäre, dass mir nichts passiert.

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