«Ich weiss, wie ich ans Äusserste meiner Grenzen gehen kann»

DARIO COLOGNA Auf der Loipe tastet sich der 34-jährige Olympiasieger nahe an sein Limit ­heran – und geht manchmal darüber hinaus. Auf der Strasse aber teilt sich der Bündner den Sprit gut ein.

Das Coronavirus nimmt wieder an Fahrt auf, weshalb Swiss-Ski unerbittlich ist: Auch mit Masken dürfen die Sportler nur während 15 Minuten persönlich interviewt werden. Oder aber das Interview findet telefonisch statt. Der Schweizer Skiverband achtet sehr auf die Gesundheit seiner Athleten, zumal die Wettkampfsaison kurz bevorsteht. In Anbetracht der vielen Fragen, die wir Dario Cologna, dem berühmtesten Schweizer Langläufer, stellen wollen, entscheiden wir uns für die zweite Option. So warten wir am vereinbarten Tag und zu besagter Uhrzeit auf den Anruf des Bündners, der gerade auf dem Weg zu einem Trainingslager in Deutschland ist. Vergebens. Wie erklärt man bloss auf Rätoromanisch, dass man versetzt wurde? Die Pressestelle ist untröstlich. An diesem Tag scheinen ein Videodreh und Staus den Zeitplan durcheinandergewirbelt zu haben. Ein zweites Telefonat wird für den folgenden Tag vereinbart.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist ruhig und sympathisch. Der Bündner hat sein Training mit weiteren Mitgliedern des Schweizer Teams beendet. Dario Cologna, der im Münstertal von Bergen umgeben aufgewachsen ist, ist nicht gerade jemand, den man als redseligen Menschen bezeichnen würde. Aber aufgrund seiner unzähligen Siege erscheint er schon seit geraumer Zeit auf den Titelseiten der Medien. So erfüllt der Athlet seinen Auftrag gekonnt und antwortet freundlich und bedacht auf unsere Fragen.

Umweltbewusstes Fahren
Dario Cologna liebt es, Auto zu fahren. Mit einer Fahrleistung von ungefähr 20 000 Kilometern pro Jahr liegt der Sportler klar über dem Schweizer Durchschnitt. Das ist normal, denn er wohnt in Davos GR und fährt oft mit dem Auto zu Trainings oder Events, die von seinen Sponsoren organisiert werden. An Wettkämpfe fährt er hingegen lieber im VW-Bus des Schweizer Teams, denn so muss er «weniger überlegen». Ist er auf den Strassen denn mit dem gleichen Tempo unterwegs wie an den Wettkämpfen? Er lacht: «Nein, ganz und gar nicht. Auf den Pisten bin ich so schnell wie möglich unterwegs, auf der Strasse hingegen halte ich mich an die Geschwindigkeiten. Ich habe eine vorausschauende und ökonomische Fahrweise.» Dazu muss man sagen, dass der Mittdreissiger Botschafter von Auto Energie Check ist. Mit dem Ziel, die Umwelt durch eine Senkung des CO2-Ausstosses zu schützen und zusätzlich die Kosten für den Autofahrer zu reduzieren. Als Naturliebhaber nimmt sich der Bündner Langläufer seine ökologische Mission zu Herzen: «Dieser Check ist eine gute Sache.» Ja, aber wäre es nicht besser, gleich ganz aufs Auto zu verzichten? «Das wäre in meiner Situation nicht möglich. Tatsächlich finde ich es keineswegs paradox, die Natur zu lieben und zu wollen, dass sie intakt bleibt – und gleichzeitig Auto zu fahren. Man kann auf seine Fahrweise achten. Ich fahre vorausschauend und spare so Treibstoff. Ich vermeide es auch, unnötiges Gepäck dabei zu haben, und überprüfe den Reifendruck. Das sind kleine Sachen, aber sie sind wichtig für die Umwelt.» Da hast du Recht, Dario! Auf der Strasse fährt der Athlet im Energiesparmodus, sobald er aber seine Langlauf- oder Skatingski montiert, legt er den Turbo ein. Und was für einen Turbo!

Als vierfacher Olympiasieger gehört der Bündner gemeinsam mit dem Turner Georges Miez und dem Skispringer Simon Ammann zu den erfolgreichsten Schweizer Sportlern aller Zeiten. Zu seinen Erfolgen zählt er auch 14 Siege im Weltcup, 15 zweite und neun dritte Plätze. 2012 erreichte er mit 2216 Punkten in der Weltcup-Gesamtwertung den höchsten Wert, den ein Langläufer jemals erzielt hat. 2012 wurde Dario Cologna ausserdem zum Schweizer des Jahres gewählt. Im darauffolgenden Jahr holte er sich im Val di Fiemme (I) seinen ersten Weltmeistertitel im Skiathlon (2 × 15 km). Zusätzlich gewann er in vier weiteren Anläufen nochmals drei Medaillen. Seit 2003 stand er insgesamt 140-mal auf dem Podest.

Disziplin und Ehrgeiz
Der Schlüssel zum Erfolg? «Ich weiss, was ich will: erfolgreich sein. Um zu gewinnen, braucht es Disziplin und Ehrgeiz.» Und Training natürlich. Der Bündner trainiert durchschnittlich vier Stunden pro Tag und das an sechs Tagen die Woche: «Um erfolgreich zu sein, muss man hart arbeiten. In meinem Wohnort Davos sind vielleicht die Gebäude nicht schön, die Natur ist es aber umso mehr, und es gibt viele Möglichkeiten zu trainieren.» Cologna erwähnt das nationale Leistungszentrum Langlauf, das 2003 eröffnet wurde: «Es verfügt über ­einen Kraftraum und zwei Rollski-Laufbänder.»

Es bleibt die Frage, in welcher Disziplin er sich denn eigentlich wohler fühlt – im klassischem Langlauf oder Skating? Cologna weigert sich, sich zu entscheiden. Er liebt beides und freut sich über die Vielfalt. Wer selbst Langlauf betreibt oder Wettkämpfe gesehen hat mit Athleten, die auf der Ziellinie zusammenbrechen, der weiss, wie anstrengend dieser Sport ist. Wie kann der Olympiasieger also alles geben, ohne einen Zusammenbruch zu riskieren? «Ich kenne meinen Körper sehr gut, und ich weiss, wie ich bis ans Äusserste meiner Grenzen gehen kann. Das ist eine Kunst.»

Im Training übt Dario Cologna, wie er noch ein bisschen weiter gehen kann: «Der Körper verfügt über viele Reserven, und auch wenn die Beine und die Muskeln sehr wichtig sind, so spielt der Kopf eine entscheidende Rolle.» Apropos: Woran denkt er bei Wettkämpfen eigentlich? «Ich bin zu 100 Prozent konzentriert. Mein einziger Gedanke ist, so schnell wie möglich ins Ziel zu gelangen und der Erste zu sein.» Bis zu den ersten Wettkämpfen Ende November trainiert der Bündner weiter, ohne aber zum jetzigen Zeitpunkt die Bestform anzustreben: «Ich merke aktuell im Training, dass ich noch nicht ganz bereit bin. Ich denke, ich bin noch ein oder zwei Prozent vom Ziel entfernt, aber mir bleibt noch ein bisschen Zeit. Man sollte nicht zu früh bereit sein, denn es ist unmöglich, über den ganzen Winter in Topform zu bleiben.»

Für die kommende Saison hofft der Bündner, dass er an vielen Wettkämpfen teilnehmen kann. Er zielt insbesondere auf eine Medaille an den Weltmeisterschaften in Oberstdorf in Deutschland ab. Auf welche? «Gold ist immer die schönste.» Dabei vergisst er aber nicht, dass das Corona-­Virus noch da ist: «Im Winter geben wir immer auf die Grippe acht. Mit Covid-19 müssen wir nun äusserst vorsichtig sein. Probleme mit den Lungen zu haben, ist für einen Langläufer sehr schlimm. Ich habe keine Angst, aber ich habe Respekt. Ich hoffe, dass die Saison normal verlaufen wird, aber alles kann sich sehr schnell ändern.»

«Die Freiheit im Auto ist ein schönes Gefühl»

AUTOMOBIL REVUE: Wer ist Prost für Sie?

Dario Cologna: Ein ehemaliger Rennfahrer. Zu seiner Zeit schaute ich mir die Rennen häufig an.

Ihr erstes Mal im Auto?

Ich fuhr mit meinem Vater auf der grossen Wiese vor dem Haus meiner Grossmutter, die auf der anderen Seite der Grenze im Südtirol in Italien lebt. Ich war noch nicht einmal 18 Jahre alt.

Ihr erstes Auto?

Der alte Mitsubishi meiner Mutter. Er war gut für den Anfang. Ich teilte ihn mit meiner Schwester, die dann aber in Zürich zu studieren begann und jeweils mit dem Zug dorthin fuhr. So hatte ich das Auto für mich allein.

Was fahren Sie heute?

Einen Audi A6. Wir bekommen von Swiss-Ski jedes Jahr ein neues Auto. Nächstes Jahr wird es ein Audi Q5 sein.

Ihr Traumauto?

Ich habe nicht wirklich ein Traumauto. Vielleicht ein SUV, denn ich mag es, Platz im Auto zu haben.

Ihre beste Fahrt im Auto?

Als ich 18 oder 19 Jahre alt war, fuhren wir zu viert mit dem Auto eines Kumpels nach Kroatien. Wir unternahmen den Roadtrip mit einem Volvo-Kombi. Wir entschieden Tag für Tag, wie unsere Reise weitergehen sollte, ohne etwas vorauszuplanen. Dann nahmen wir die Fähre nach Ancona in Italien und fuhren anschliessend nach Rimini. Heute könnte ich nicht mehr so reisen.

Ein Alptraum im Auto?

Ein Unfall. Ich hatte bisher einen einzigen Unfall, bei dem nur ein Sachschaden entstand. Es war im Winter, und ich war allein unterwegs. In einer Kurve geriet ich ins Rutschen und krachte in einen Metallpfosten. Das passiert schnell.

Am Steuer Ihres Autos fühlen Sie sich …

… sicher und frei, denn mit dem Auto kann ich überall hinfahren. Das ist ein schönes Gefühl. Vom Val Müstair aus, wo ich aufgewachsen bin, braucht man eine Stunde bis in die benachbarten Täler.

Ein Leben ohne Auto?

Das wäre kompliziert. Als Sportler bin ich immer unterwegs und habe fünf oder sechs Paar zwei Meter lange Ski – im Swiss-Ski-Lastwagen sind es gar 40 Paar –, mein Gepäck und eine Menge Rollski dabei.

Ein Tempolimit von 30 km/h in allen Schweizer Städten, wäre das eine gute Idee?

Meiner Meinung nach ist das nicht nötig. Unbestritten gibt es viel Verkehr und viele Gefahren, man muss umsichtig fahren. Aber 50 km/h reichen dafür  aus.

Selbstfahrende Autos: Lust oder Frust?

Frust. Ich liebe es, Auto zu fahren, das ist etwas Schönes. Bei selbstfahrenden Autos braucht es ­eine ordentliche Portion Vertrauen. Zurzeit bevorzuge ich es, selbst am Steuer zu sitzen. Es gibt doch schon einige zuverlässige Fahrassistenten, und das ist gut.

Wen würden Sie am Strassenrand auf jeden Fall mitnehmen?

Vorzugsweise niemanden – wegen Corona.

Und wen würden Sie nicht mitnehmen?

Eine Person mit viel Gepäck. Das ist nicht sehr angenehm.

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