«Ich habe zwei Autos. Das kleine fahre ich, das grosse fährt mein Chauffeur»

CHRISTOPH BLOCHER Auch im Alter von 80 Jahren ist Christoph Blocher noch in Topform. Wenn er in der Region unterwegs ist, setzt er sich selbst ans Steuer, für längere Strecken hat er einen Chauffeur. Dann verwandelt sich sein Fahrzeug in ein Büro.

An diesem Montagmorgen im Oktober scheint die Sonne über Herrliberg ZH, einer reichen Gemeinde an der Goldküste des Zürichsees. Die Luft ist frisch und belebend. Das ist gut, denn der Wohnsitz von Christoph Blocher, dem wohl bekanntesten Schweizer Politiker, liegt ganz oben auf dem Hügel. Je weiter wir das Dorf erklimmen, desto grösser werden die Villen, und die Strassen gleichen der Wisteria Lane – in Hanglage natürlich. Endlich haben wir den Gipfel erreicht. Und die Aussicht – ist trüb. Die riesigen Villen ganz oben auf dem Hügel sind von Mauern oder dichten Hecken umgeben.

Der Ort für das Gespräch wurde zwei Stunden vor dem Treffen nochmals geändert: Wir wurden an den Wohnsitz des Milliardärs eingeladen. Die Einrichtung seiner neuen Büros sei noch nicht abgeschlossen. Wir stehen vor einer Tür in Tannengrün, das Anwesen wird von einer Mauer geschützt. Weder auf der Türklingel noch auf dem Briefkasten steht ein Name: Wir sind zweifellos am richtigen Ort. Wir klingeln. Eine Kamera prüft uns, dann meldet sich eine weibliche Stimme über die Sprechanlage, die Tür zu einem riesigen gepflasterten Innenhof öffnet sich. Auf der rechten Seite steht ein bronzefarbener Stier in Lebensgrösse. Er scharrt mit dem Huf am Boden und hält den Kopf gesenkt – bereit zum Angriff. Links steht Christoph Blocher in weissem Hemd, Anzug und mit bordeauxfarbener Krawatte auf der Türschwelle. Er grüsst uns freundlich: «Guten Tag!» Und erklärt: «Der Stier war ein Geschenk meiner Frau. Sie sagt, er sehe mir ähnlich.» Das klingt vielversprechend.

Wir folgen dem Hausherrn ins Innere. Schon der Gang ist deutlich grösser als eine Zweizimmerwohnung. Christoph Blocher bringt uns ein Stockwerk tiefer. Gemälde von Anker und Hodler schmücken die Wände der gewaltigen Marmortreppe, die Sicht aus dem Salon auf den Zürichsee ist grandios. «Wir setzen uns in den Wintergarten», erklärt der Hausherr und stösst eine weitere Türe auf. Eine Hausangestellte tischt Kaffee auf, und Christoph Blocher beginnt zu erzählen: «Ich wurde in einer armen Familie geboren. Wir waren elf Kinder und hatten kein Auto. Mein Vater war Pfarrer in einer grossen Gemeinde und fuhr jeweils mit dem Fahrrad zu den Gemeindemitgliedern. Er arbeitete viel – genau wie meine Mutter, die sich um uns Kinder und zusätzlich um ältere und kranke Personen in der Gemeinde kümmerte.»

«Ich bin kein grosser Fan von Autos»
Seine ersten Fahrerfahrungen sammelte er am Steuer eines Traktors. Er war 16 Jahre alt: «Bevor ich meinen Doktor in Rechtswissenschaften machte, absolvierte ich eine Lehre als Landwirt. Mein Diplom erhielt ich von der Landwirtschaftsschule in Wülflingen.» Der junge Christoph verbrachte auch sechs Monate in Pampigny VD oberhalb von Morges: «Aber ich hatte nicht oft die Gelegenheit, Französisch zu sprechen. Ich musste mich alleine um die Schweine und die Pferde kümmern.» Später nahm der Zürcher das Studium in Rechtswissenschaften auf und arbeitete nebenbei von 20 Uhr bis ein Uhr morgens bei der Post. Sein erstes Auto kaufte der Zürcher Unternehmer im Alter von 28 Jahren, als er anfing, bei Ems-Chemie in Domat/Ems im Kanton Graubünden zu arbeiten: «Anfangs arbeitete ich 50 Prozent in der Rechtsabteilung und schrieb nebenbei meine Doktorarbeit. Ich brauchte ein Fahrzeug, um von A nach B zu kommen. Aber eigentlich mochte ich das Fahren noch nie wirklich. Als junger Mann hatte ich keine Gelegenheit dazu gehabt.» Es war nicht seine Absicht, Karriere in diesem Unternehmen zu machen, sondern vielmehr die Funktionsweise der Wirtschaft zu verstehen.

Wir wissen, wie es weiterging: Ein paar Jahre später wurde er Geschäftsführer, nahm einen Kredit auf und kaufte schliesslich das grösste Unternehmen im Kanton Graubünden. «Ich habe den 20-Millionen-Kredit in drei Jahren zurückbezahlt.» Heute gehen 60 Prozent der Produkte von Ems-Chemie in die Automobilindustrie: «Wir produzieren Kunststoffkomponenten für Fahrzeuge. Ich kenne Automobilexperten in Asien und in den USA. Ich selbst bin aber kein grosser Fan von Autos.»

Kontraste in der Garage
In seiner Garage finden wir, wenig überraschend, keine auffälligen Autos. Da steht ein Daihatsu Sirion – und daneben ein Audi A8. Mit dem Sirion fahre er in der Region, erzählt Christoph Blocher: «Mein Freund Walter Frey hat mir diesen empfohlen. Für weitere Strecken nehme ich den Audi, und ein Chauffeur fährt mich.» Der Zürcher legt rund 40 000 Kilometer pro Jahr zurück. «Mein Auto ist mein Büro. Ich habe da drin ein echtes Telefon, so wie in den Filmen. Das ist besser als im Zug, da weiss man nie, ob jemand zuhört oder zuschaut, was man sich notiert. Ich lade die Leute auch mal auf eine Fahrt ein, um mit ihnen zu diskutieren.»

Auch wenn er seine vier Unternehmen seinen vier Kindern übergeben hat, ist er weiterhin Präsident des Verwaltungsrates von Robinvest und Mitglied im Verwaltungsrat verschiedener Unternehmen. Worauf ist er in seinem Leben besonders stolz? «Ich bin kaum jemals stolz. Alles, was wir tun und was uns geschieht, ist nicht einzig und allein unser Verdienst. Manche Dinge im Leben passieren aus Glück, und man selbst spielt dabei nicht immer eine grosse Rolle. Mir gefällt, dass meine vier Kinder gute Unternehmer sind.» Der Zürcher kennt viele Unternehmer, deren Geschäfte florierten, aber später in den Händen der Nachfolger nicht mehr funktionierten. Welche Werte hat er seinen Kindern vermittelt? «Wenn es Schwierigkeiten gibt, muss man sie bewältigen, und wenn es Probleme gibt, muss man sie lösen.»

Wenige Tage vor unserem Gespräch feierte der alt Bundesrat zu Hause mit seiner Familie, mit den entsprechenden Abstandsregeln, seinen 80. Geburtstag. Was war das schönste Geschenk? «Dass meine Enkelkinder da waren. Ich habe zwölf Enkel im Alter von drei bis 19 Jahren.» Ob er Angst habe vor dem Tod? «Nein, ich habe keine Angst. Der Mensch ist niemals verloren. Gott lässt die Menschen nicht im Stich.» Er glaubt also an Gott? «Es ist nicht wichtig, ob ich an Gott glaube. Es ist wichtig, dass er an mich, an uns, glaubt. Ich habe die Gnade Gottes, so wie wir alle.»

«Ich fand es aussergewöhnlich, überall hinfahren zu können!»

Automobil Revue: Wer ist Prost für Sie?

Christoph Blocher: Ich kenne ihn nicht, ich bin kein grosser Autofan.

Ihr erstes Mal im Auto?
Ich fuhr zusammen mit meinem Onkel. Ich war ungefähr vier Jahre alt, als er uns vorschlug, mit seinem Käfer einen Ausflug aufs Land zu machen. Ich fand es aussergewöhnlich, überall hinfahren zu können, so wie es einem gerade gefiel.

Ihr erstes Auto?
Ein sehr robuster Gebrauchtwagen von Volvo, den ich im Alter von 28 Jahren kaufte. Damals begann ich, bei Ems-Chemie zu arbeiten. Noch heute fährt meine Frau ein Cabrio der gleichen Marke.

Was fahren Sie heute?
In der Region fahre ich einen Daihatsu Sirion, längere Strecken mit meinem Chauffeur im Audi A8 L.

Ihr Traumauto?
Das habe ich nicht. Ich habe andere Träume wie zum Beispiel das Gemälde «Schulstube» von Albert Anker. Es zeigt eine Dorfschule. Es gehört Novartis, und sie wollen es mir nicht verkaufen.

Ihre beste Fahrt im Auto?
An einem Sonntag musste ich für eine Fernsehdebatte nach Lugano fahren. Anlässlich meines Geburtstags hatte mir mein Freund Walter Frey einen Oldtimer zur Verfügung gestellt, den ich nutzen konnte, wie ich wollte. Ich entschied mich dazu, am Steuer dieses alten Jaguar über den Gotthardpass ins Tessin zu fahren. Welche Attraktion waren wir, als wir einen Kaffeestopp einlegten! Als wir im Tessin ankamen, fanden es natürlich einige unerhört, dass ich mit einem solchen Auto spazieren fahre. Wir haben zwei wunderschöne Tage verbracht.

Ein Albtraum im Auto?
Ich habe noch nie einen Albtraum erlebt wie zum Beispiel einen Unfall. Einmal, als ich mit meiner Frau in Südfrankreich war, fuhren wir im Sand nahe am Meer und steckten plötzlich fest. Damals gab es noch keine Handys und wir liessen das Auto zurück und gingen los. Nach eineinhalb Stunden kamen wir zu einem Haus. Zum Glück hatten die Bewohner einen Traktor und boten uns an, uns herauszuziehen. Noch heute erinnert mich meine Frau an diese Anekdote und sagt: «Du machst immer Sachen, die man nicht machen sollte!»

Am Steuer Ihres Autos fühlen Sie sich…
Ich fahre nicht gerne, denn dann muss ich mich auf die Strasse konzentrieren. Ich konzentriere mich lieber auf wichtigere Dinge.

Ein Leben ohne Auto?
Ich habe ohne Auto gelebt, bis ich 28 war, und es hat funktioniert. Heute wäre das zu kompliziert, da wir an einem etwas abgelegenen Ort ganz oben auf dem Hügel wohnen. Ich habe noch Sitzungen in den Verwaltungsräten meiner ehemaligen Unternehmen, und es ist angenehm, mit dem Auto dort hinzufahren. Und meine Frau macht die Einkäufe mit dem Auto.

Ein Tempolimit von 30 km/h in allen Schweizer Städten, wäre das eine gute Idee?
Das ist nicht auf allen Strassen notwendig. In Zürich machen sie 30er-Zonen, um die Autofahrer zu schikanieren: An bestimmten Orten gibt es auf beiden Strassenseiten Trottoirs und so gut wie keine Fussgänger. Aber wenn die Strasse sehr eng ist und viele Menschen unterwegs sind, dann ist ein Tempolimit von 30 km/h gut.

Selbstfahrende Autos: Lust oder Frust?
Das ist ein Fortschritt, aber ich kann noch nicht glauben, dass ein Computer am Steuer besser ist als ein Mensch. Vor vielen Jahren glaubte man noch nicht an GPS, und es funktioniert. Wir werden sehen.

Wen würden Sie am Strassenrand auf jeden Fall mitnehmen? 
Wenn ich jemanden kenne, dann nehme ich ihn mit. Bei schlechtem Wetter halte ich manchmal an, wenn ich eine ältere Dame sehe, die schwere Einkäufe trägt. Ich finde das zu hart. Ich schlage ihr dann vor, sie nach Hause zu fahren.

Und wen würden Sie nicht mitnehmen?
In der heutigen Zeit ist Autostopp zu gefährlich geworden. Als ich jung war, habe ich das oft gemacht. Ich erinnere mich an eine Fahrt von Montpellier nach Marseille auf dem Anhänger eines Lastwagens, da es in der Kabine keinen Platz mehr gab. Auf der Fahrt sah ich die ganze Camargue an mir vorbeiziehen. Eine tolle Erinnerung!

4 Kommentare

  1. Man kann Christoph Blocher mögen oder nicht, Tatsache ist aber, er hat aus der serbelnden EMS-Chemie ein hervorragendes Unternehmen gemacht. Und auch im Militär habe ich ihn im grossen Manöver vor vielen, vielen Jahren als bescheidenen Hauptmann kennen gelernt und danach hat er es immerhin zum Obersten gebracht. Der letzte Coup mit der Rente habe ich wirklich nicht begriffen. Das hätte er – nach seinem seinerzeitigen Verzicht – nicht machen sollen.

  2. Sehr irritierend, jemand der sich nicht für Autos interessiert erhält ein 2-seitiges Interview in einer Autozeitung? Da scheint es doch noch andere Interessen zu geben.

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