Vom Dunkel ins Licht

Mit dem Mittelmotor-Supercar MC20 will Maserati zurückkehren zu den ganz Grossen. Die AUTOMOBIL REVUE hatte einen exklusiven Termin.

Der Maserati MC20 in Aktion auf der Rennstrecke von Modena.

Neptun ist wieder da. Die Rede ist nicht nur vom Nettuno genannten Biturbo-V6 mit 630 PS unter der Haube des MC20, sondern genauso vom Geiste der Marke Maserati. Die Sportler aus Modena (I) sehen nach einem dunklen 2019 dieses Jahr endlich etwas Licht am Ende des Tunnels. Im Vorjahr verkauften sie bloss 26 000 Autos, weit hinter dem vor fünf Jahren angekündigten Ziel von 75 000. Zum Glück liessen sich die Verantwortlichen beim FCA-Konzern nicht von solch schwachen Ergebnissen in ihrem Glauben an Maserati beirren und verabschiedeten ein Investitionsprogramm von fünf Milliarden Dollar für Infrastruktur und neue Produkte.

Nonplusultra

Dank der Finanzspritze brachte uns 2020 neben dem Ghibli Hybrid und dem Trofeo-Modellprogramm jetzt auch noch ein neues Spitzenmodell: den MC20. Von der äusserst limitierten Produktion des MC12 von 2005 einmal abgesehen, muss man einen Blick weit zurück werfen, ins Jahr 1979, um mit dem Merak SS den letzten Maserati mit Mittelmotor ausfindig zu machen. Der MC20 hat allerdings die Sphären der Supercars im Visier und baut auf einem Kohlefaser-Monocoque auf. Ähnlichen Aufwand treibt nur die Konkurrenz aus England (McLaren), selbst der grosse Konzernbruder aus Maranello (I) beschränkt sich auf Alustrukturen. Die technischen Highlights umfassen ausserdem den neuen Biturbo-V6 mit 630 PS, der so ausgeklügelte Lösungen aufweist wie die aus der Formel 1 abgeleiteten Vorverbrennungskammern.

Aber genug der grauen Theorie, wie fährt sich der Supercar? Die AUTOMOBIL REVUE war zum historischen Sitz der Firma an der Viale Ciro Menotti in Modena eingeladen. Gespannt warten wir im Vorhof, dann zerreisst Motorengebrüll die Morgenstille. Der grosse Auftritt des MC20. Die lange Dachlinie unterstreicht die gestreckte Form, die Linien sind wunderbar unkompliziert, was eine erfrischende Abwechslung zu den verspielten Barockgeschwülsten der etablierten Konkurrenz in diesem Segment darstellt. Die Flügeltüre schwebt hoch, und Federico Landini, der Produktverantwortliche, schält sich aus dem Cockpit. Er hütet den MC20 wie seinen Aug­apfel und übernimmt für die Fahrt zum Autodromo di Modena nochmals das Steuer.

«Furchteinflössendes» Aufgabenheft

Der MC20 steckt alle Herausforderungen des städtischen Dschungels locker weg. Verschlissener Asphalt, Temposchwellen: Nichts rüttelt die Insassen übermässig durch, auch die tiefe Sitzposition macht keine Probleme. «Das Lastenheft für dieses Auto war ziemlich furchteinflössend», gesteht Federico Landini. «Das Management gab uns vor, dem Auto gute Alltagseigenschaften anzuerziehen, aber natürlich mit dem feurigen Temperament für die Rennstrecke.» Sein Charakter als Dr. Jekyll scheint jedenfalls gelungen, so unsere Erfahrungen vom Beifahrersitz. Aber wie steht es um die Seite des Mr. Hyde?

Das Interieur des MC20.

Wir setzen uns auf der Rennstrecke von Modena selber ans Steuer. Das Vierpunkt-Gurtsystem hält den Körper beim Herantasten an die Strecke und an das Auto stramm im Sitz. Wir versuchen es im Sport-Modus. Bereits damit begeistert der Bolide in den Kurven des Autodromo mit einer extrem direkten Lenkung und perfekter Balance. Aber – was ist das? Der MC20 neigt zum Untersteuern. Wir schieben die Schuld daran auf die noch kalten Reifen. Beim Herausbeschleunigen auf die Gerade können wir erstmals die bösen Geister des Nettuno zum Leben erwecken. Die 630 PS verpassen dem Auto mächtigen Schub, die Drehzahlnadel klettert flott nach oben. Mit 730 Nm (zwischen 3000 und 5500 U/min) verzeiht der MC20 auch grobe Fahrfehler und bringt alles mit Nachdruck wieder ins Gleichgewicht. Untermalt vom Trompeten des Auspuffs ist das Glück komplett.

Leichtfüssigkeit vor Explosivität

Der Motor ist eine Naturgewalt, hat aber nicht das explosive Temperament, dass wir erwartet hätten. Er gibt seine Kräfte sehr gleichmässig ab. Der Bolide ist extrem schnell, daran soll niemand zweifeln. Aber die Maserati-Techniker wählten eine lineare, geschmeidige Leistungskurve, was zu einem berechenbaren Fahrverhalten beiträgt. Das hat nichts mit der Turbo-Gedenkpause mit dem anschliessenden, hektischen Donnerwetter gemein, das etwa einen McLaren auszeichnet. Bleibt es beim Umschalten auf den Modus Corsa bei den gutmütigen Reaktionen auf Lastwechsel? Mit fast allen Fahrhilfen ausser Betrieb verwandelte sich der MC20 in einen leichtfüssigen Balletttänzer. Ein leicht beherrschbares Ausschwenken des Hecks ist dann möglich, aber es braucht keinen Profirennfahrer und keine abgehobenen Geschwindigkeiten, um Freude am Fahren zu erleben. Auch wenn der mächtige MC20 in einer hohen Liga spielt: Er setzt die Fahrfreude vor die besten Rundenzeiten.

Es gibt aber doch noch ein oder zwei Haare in der Suppe zu finden. Einerseits wäre da, dass sich die Vorderachse etwas zu leicht anfühlt. Ausserdem erschwert eine fehlende Rückmeldung des Bremspedals ein feines Dosieren der Karbon-Keramik-Anlage.

Generell werden wir den Eindruck nicht los, dass der MC20 noch ordentlich Reserven hat, und wir wären nicht überrascht, wenn Maserati eine schärfere Version nachschieben würde. Aber schon der Bolide, den wir kennenlernen konnten, ist ein strahlender Stern für Maserati. Der MC20 spricht Fans an, die einen echten Supercar suchen, der im Alltag genauso überzeugt wie auf der Rennstrecke. Der Weg ans Licht hat begonnen.

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