Auf dem Weg in die Zukunft

Der ID 3 hat für VW den Markteintritt bei den vollelektrischen Kompaktwagen markiert. Mit dem ID 4 geht es ins hart umkämpfte Feld der SUV. Wir sind Volkswagens Hoffnungsträger bereits gefahren.

Volkswagen geht mit dem ID4 einen weiteren Schritt in Richtung Zukunft.

Die ID-Baureihe soll Volkswagen den Weg in die Zukunft ebnen. Nein, sie soll die Zukunft sein. Nachdem sich der Marktstart des Erstlings ID 3 wegen verschiedener, primär softwareseitiger Probleme verzögert hat, startet der Kompaktstromer jetzt durch und ist das meistverkaufte Elektroauto in Europa. Mit dem ID 4 steht nun das nächste Modell in den Startlöchern, mit dem die Wolfsburger den Marktanteil bei den Vollelektrischen weiter ausbauen wollen.

Die Basis für die gross angelegte Modelloffensive ist der Modulare Elektro-Baukasten (MEB), der die Universalplattform für die ID-Baureihe werden wird und auch in anderen Konzernmarken den Grundstein fürs Elektrozeitalter bildet, beispielsweise im Cupra El-Born oder im Škoda En­yaq iV. Bei VW selber heissen die Modelle ID Buzz, das den Bulli ablösen soll, ID Roomzz, ein geräumiger Familien-Van, und ID Space Vizzion, ein praktischer Kombi. Den nächsten Schritt nach dem ID 3 wagt VW jetzt mit dem ID 4 im starken, und immer noch stark wachsenden Segment der Kompakt-SUV.

Schon auf den ersten Blick zeigt sich: Technisch halten sich die Unterschiede zum Kompaktbruder ID 3 in Grenzen, schliesslich hat sich Volkswagen den Plattform- und somit Gleichteil-Gedanken zum ökonomischen Erfolgsrezept gemacht. Es erscheint also nur logisch, dass dies bei einem Milliardenunterfangen wie der Transformation der gesamten Modellpalette hin zur Elektromobilität noch deutlicher zum Tragen kommt.

Der ID 4 kommt vorerst wahlweise mit einer 55-kWh- oder einer 82-kWh-Batterie (jeweils Netto­angaben). Die kleine Batterie kann mit einem 109-kW- oder einem 125-kW-Drehstrommotor kombiniert werden, die grosse Batterie mit einem 128-kW- oder einem 150-kW-Motor. Der Antrieb erfolgt in jedem Fall ausschliesslich über die Hinterachse. Die MEB-Plattform ermöglicht aber auch eine Bauweise mit Allradantrieb, und für den ID 4 steht diese Version auch schon bald in den Startlöchern. Noch in der ersten Jahreshälfte soll mit dem Volkswagen ID 4 GTX eine leistungsstarke Variante (225 kW) mit Allradantrieb folgen. Auch für die schwächeren, günstigeren Varianten braucht es noch etwas Geduld, vorerst ist erst die Version Pro Performance erhältlich mit 82 kWh (brutto) und 150 kW – derselben Leistung wie im ID 3.

Die Qualität wird besser

Bei den Elektroautos – nicht bei allen natürlich, aber bei vielen eben doch – scheint sich die Überlegung eingeschlichen zu haben, dass diese bloss Mittel zum Zweck seien und das Mobilitätsbedürfnis befriedigen müssten. Entsprechend bleiben dann Qualitätsansprüche auf der Strecke. Auch der ID 3 litt ein Stück weit unter diesem Problem mit teilweise wenig hochwertigen Materialien im Interieur und einer Verarbeitung, die nicht der sprichwörtlichen deutschen Qualitätsarbeit entsprechen. Der ID 4 macht in dieser Hinsicht einiges an Terrain gut. Gerade im Fond wirkt das Auto dank mehr geschäumter Oberflächen anstelle von Hartplastik deutlich hochwertiger als der ID 3.

Als Kompakt-SUV hat der ID 4 einen direkten Markenkonkurrenten: den Tiguan. Im Fond zeigt sich der Stromer gefühlt sogar geräumiger als das bisherige Erfolgsmodell. Der ID 4 hat den grossen Vorteil der Skateboard-Architektur, sodass ein störender Kardantunnel entfällt. Auch was das Ladevolumen angeht, muss sich der ID 4 nicht verstecken: 543 bis 1575 Liter gross ist der Kofferraum. Zum Vergleich: Der Tiguan bietet bis zu 1655 Liter. Der Platzgewinn gegenüber dem ID 3 findet vor allem hinter der Hinterachse statt, denn mit 2.77 Metern weisen die beiden VW-Stromer den identischen Radstand auf. Das heisst, dass die sehr kurzen Überhänge, die dem ID 3 seine einzigartige Silhouette verleihen, wachsen und die Proportionen stimmig werden. Das erzwungen Andersartige, das bei der Aussenansicht des ID 3 irgendwo noch mitschwingt, ist beim ID 4 verschwunden.

Klar anders ist dafür das Anzeigenkonzept. Nicht anders als beim ID 3, aber doch anders als die Entwicklung in der Branche. Denn während die Mehrheit der Konkurrenz konsequent auf noch mehr, noch grössere Bildschirme setzt, geht VW bei den ID-Modellen in die entgegengesetzte Richtung. Das Kombiinstrument, das als freistehendes Display direkt auf der Lenksäule sitzt, ist für heutige Verhältnisse winzig. In Kombination mit dem Head-up-Display ist das aber nicht wirklich ein Problem. Alle relevanten Informationen werden direkt auf die Windschutzscheibe projiziert, sodass sich der Blick aufs Kombiinstrument eigentlich erübrigt. Die Geschwindigkeit, Daten von Tempomat, Fahrassistenten und Navigationssystem werden direkt im Sichtfeld eingeblendet. Noch praktischer: Erstmals kommt im ID 4 eine Augmented-­Reality-ähnliche Technologie zum Einsatz, die über das herkömmliche Head-up-Display hinausgeht. So können Abbiegehinweise so im Sichtfeld des Fahrers eingeblendet werden, dass der Eindruck entsteht, sie schwebten am richtigen Ort über der Strasse. Dass diese Technologie in einem Grossserienauto zum Einsatz kommt, wirkt tatsächlich sehr futuristisch. Zusätzlich zieht sich zwischen Windschutzscheibe und Armaturenbrett auf der ganzen Breite das sogenannte ID Light hin – ein LED-Band, das zusätzliche Informationen vermitteln kann. Die komplette Bedienung des Fahrzeuges geht natürlich auch im ID 4 über Touchbuttons oder das Zwölf-Zoll-Infotainment vonstatten. Darüber, wie gut oder schlecht dies funktioniert, haben wir in anderen Berichten schon genügend Worte verloren. Das ist auch keine Eigenheit des ID 4 oder der ID-Reihe, sondern Teil der neuen Software des Volkswagen-Konzerns, die auch im Golf oder Leon vorhanden ist und nach und nach in der ganzen Modellpalette Einzug halten wird.

Klein aber fein: Das Kombiinstrument verschwindet fast hinter dem Lenkrad, dank der Projektion der wichtigen Daten auf die Windschutzscheibe geht der Überblick dennoch nie verloren.

Es wird stärker und günstiger

Wenig aussergewöhnlich gibt sich der ID 4 auf der Strasse. Mit einem Leergewicht von fast 2.2 Tonnen ist das SUV zwar deutlich schwerer als vergleichbare Verbrennermodelle, die MEB-Architektur bietet aber einen grossen Vorteil: Die Batterie im Unterboden hält den Schwerpunkt tief, und die Massenverteilung zwischen den Achsen ist nahezu ausgewogen. So ergibt sich ein ziemlich neutrales Fahrverhalten mit wenig Wankneigung. Bei zügiger Fahrweise wird der ID 4 weder auf der Vorder- noch der Hinterachse auffallend nervös, wenn überhaupt, dann schiebt er über beide Achsen gleichermassen. Dazu kommt es aber so gut wie gar nie, dafür sorgt die Elektronik frühzeitig. Ausschalten lässt sich diese übrigens nicht. Mit dem direkten und drehmomentstarken Antritt des Elektromotors (310 Nm) sowie dem adaptiven Fahrwerk kommt trotzdem so etwas wie ein sportliches Fahrgefühl auf. Ansonsten gibt sich der ID 4 ganz entspannt. Im Verkehr fährt sich der Stromer äusserst angenehm und ruhig, egal ob in der Stadt, über Land oder auf der Autobahn.

Auch auf einer Testfahrt macht der ID4 eine gute Falle und weiss zu gefallen.

Dass VW auf einen echten One-Pedal-Modus verzichtet, überrascht zwar nicht – das galt nämlich bereits für den ID 3 –, ist aber trotzdem schade. Wenn die Motorsteuerung am kleinen Gangwahlknubbel auf B gestellt wird, wird zwar stärker rekuperiert, ein Verzicht aufs Bremspedal ist aber trotzdem nicht möglich. Den Verbrauch gibt VW offiziell mit 22 kWh/100 km an. Die netto 77 kWh Batteriekapazität würden also für rund 350 Kilometer ausreichen. Wie praxisnah dieser Wert ist, wird ein ausführlicher Test zeigen müssen.

Aktuell bestellbar ist der ID 4 in der Motorisierung Pro Performance ab 51 600 Franken. Ab Frühling sollen dann auch die günstigeren Varianten Pure, Pure Performance und Pro zu einem Preis ab rund 39 000 Franken auf den Markt kommen. Richtig spannend – vor allem für uns Schweizer Kunden – wird es Mitte Jahr, wenn die starke Allradvariante ID 4 GTX kommen wird.

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