Früher war alles besser – oder so

Lewis Hamilton im Mercedes dominiert seit vielen Jahren. Diese Überlegenheit langweilt Formel-1-Fans. Dabei war die Königsklasse des Autorennsports schon öfter zum Gähnen.

Ein gewohntes Bild: Lewis Hamilton bejubelt einen seiner mittlerweile fast 100 GP-Siege.

Es ist nachvollziehbar, dass Lewis Hamilton noch nie eine Saison so sehr dominiert hat wie die vergangene, als er den nunmehr siebten Titel holte. Es ist aber fast unfassbar, dass der Brite mit elf Siegen aus 17 Grand Prix oder der Siegquote von 64.71 Prozent nur die Nummer sechs ist. Alberto Ascari fuhr 1952 mit der Rekord-Siegquote von 75 Prozent weitaus beeindruckender zum WM-Titel – genauso wie nach ihm Juan Manuel Fangio 1954, Jim Clark 1963, Michael Schumacher 2004 und Sebastian Vettel 2013.

Dominanz gab es in der Formel 1 immer. 23 Titel – fast jeder dritte – gingen in der 70-jährigen Geschichte an den Fahrer, der mindestens die Hälfte aller GP gewonnen hatte. Hamilton schaffte das bei seinen bisher sieben Titeln fünfmal, einmal weniger als Michael Schumacher. Umso mehr dürfte es ihn geärgert haben, dass er 2016 nahezu die Hälfte aller GP gewann – zehn von 21 –, der Titel aber trotzdem an Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg mit nur neun Siegen ging.

Minimalist Rosberg

Keke Rosberg, der Vater von Nico, wurde 1982 mit der bisher niedrigsten Siegquote von 6.25 Prozent Weltmeister. Der Finne im Williams-Ford feierte den einzigen Sieg bei 16 Rennen beim GP der Schweiz, damals im französischen Dijon gefahren. Dabei gewannen Didier Pironi (Ferrari), John Watson, Niki Lauda (beide McLaren-Ford), Alain Prost und René Arnoux (beide Renault) 1982 jeweils zweimal. Und überhaupt: Warum hatte 1958 Stirling Moss mit Cooper-Climax/Vanwall das Nachsehen, wo er doch vier von elf GP gewann, sein Widersacher und Weltmeister Mike Hawthorn im Ferrari aber nur einmal siegte (Siegquote 9.09%)? Das Leben ist eben nicht immer gerecht.

Weltmeister in extremis wie Keke Rosberg und Mike Hawthorn, die höchstens jeden vierten GP gewannen oder eine Siegquote von 25 Prozent aufweisen, sind in der Formel-1-Historie nicht in der Unterzahl. Immerhin wurden so 16 Titel vergeben. Aber solche Titelschlachten sind lange her, es gab sie allesamt in den 1950er- bis in die 1980er-Jahre. Nur Sebastian Vettel musste in der Neuzeit zittern, als er 2012 im Red Bull-Renault mit nur fünf Siegen bei 20 GP gegen Fernando Alonso (Ferrari, 3 Siege) den Kopf aus der Schlinge zog.

Der Grund für mehr Abwechslung in der Vergangenheit waren allem voran die Rennwagen. Früher gab es mehr Unfälle, die Autos blieben haufenweise vor der karierten Zielflagge liegen, meist mit technischem Defekt. Im Vergleich dazu sind die Rennwagen von heute wahre Marathon-Weltmeister. Wehe, du kommst nicht über die Runden! Für Designguru und Aerodynamikgenie Adrian Newey, dessen Formel-1-Boliden seit den 1990er-­Jahren je zehn Fahrer- und Konstrukteurstitel gewannen, zuletzt 2013 mit Red Bull, ist diese Entwicklung erschreckend. Der Autoweltverband FIA mit seinen Regeln, vorab seit Einführung der Hybrid-Ära 2014, ist es, der für Langeweile sorgt. «Es wird immer schwieriger, über das Chassis einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu erzielen, und wegen all dieser Vorschriften sehen inzwischen alle Wagen gleich aus», schreibt Newey, der sich zu Karrierebeginn in den frühen 1980ern noch austoben konnte, in seiner Biografie «Wie man ein Auto baut» von 2017. Mercedes habe seine Aufgaben gemacht und ganz einfach den besten Motor gebaut. Aber in der Formel 1, beim Kampf von Mensch und Maschine und Technik, dürfe nicht allein der Motor entscheidend sein.

Als die Formel 1 noch von engen Meisterschaften und zahlreichen Saisonsiegern geprägt war: ein Bild aus den 1960er-Jahren.

Auf zu noch mehr Langeweile?

Sicher hat Newey nicht Unrecht, wenn er Einschränkungen und Verbote kritisiert. Aber es war auch sein Bestreben, stets der Beste zu sein: An seinen Geniestreichen haben sich viele Konkurrenten die Zähne ausgebissen. Oder denken wir nur an die brillianten McLaren-Jahre von 1984 bis 1992 zurück: 14 von 18 Titeln und 64 GP-Siege gingen an die Briten, die Hälfte der 128 Rennen in diesen Jahren! Und die Ferrari-Ära zwischen 1999 und 2004: elf von zwölf Titeln und 63 Siege bei 101 GP! 

Womit wir wieder beim derzeit besten Fahrer sind, Lewis Hamilton. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er stets andere übertreffen und neue Rekorde aufstellen will, die für viel Applaus sorgen. Doch der scheint im Fall von Hamilton zumindest bei der Formel-1-Fangemeinde zu verhallen. «Schon wieder der!», tönt es oft. Scheinbar ewige Rekorde wie die Anzahl der Polepositions, derzeit 98, hat Hamilton längst geknackt. Vergangenes Jahr hat er sich unter anderem auch die meisten GP-Siege (95) und Podestplatzierungen (165) gekrallt. Weitere Bestmarken wird der Brite zweifellos noch brechen, und vermutlich wird er bald vor Schumacher alleiniger Rekordweltmeister mit acht Titeln sein. Da darf man vor Hamilton getrost den Hut ziehen – zumal Queen Elizabeth II. ihn jüngst zum Ritter geschlagen hat. Wir sprechen nun von Sir Lewis Carl Davidson Hamilton.

Die Schweizer Formel-1-Legende Marc Surer sagte während der Schumacher-Ära, als der Deutsche die Formel 1 über die Jahrtausendwende mit Ferrari dominierte: «Sehen wir es doch so, dass wir dereinst mal behaupten können, wir haben dieses Phänomen Schumi erlebt.» Auch im Fall von Hamilton ist Surer begeistert: «Lewis hört einfach nicht auf, besser zu werden. Er versucht stets, sich im Detail zu perfektionieren. Deshalb ist er der Beste.» In der laufenden Mercedes-Ära haben Nico Rosberg und Valtteri Bottas aus dem identischen Auto deutlich weniger herausgeholt.

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