Kontaktloser Handel funktioniert nicht

Der Gargistenverband, Auto-Schweiz und der Gewerbeverband bitten den ­Bundesrat, die Showrooms sofort öffnen zu dürfen. Sonst drohe dem Verkauf 2021 der totale Fehlstart.

Schon bald sollen die Showrooms der Schweizer Autohäuser nicht mehr leer stehen, zumindest nicht, wenn es nach Auto-Schweiz und dem Auto Gewerbe Verband Schweiz geht.

Die Schweiz mit ihrem weltweit einzigartig von 4×4, SUV und grossen Motoren geprägten Automarkt beziehungsweise -geschmack hat im Corona-Jahr 2020 im europäischen Vergleich durchschnittlich abgeschnitten, minus 24 Prozent Neu­immatrikulationen gegenüber 2019 waren es (hier zum Beitrag). Zuletzt war indes ein Turnaround hin zum Guten erkennbar. Exponenten der Branche wollen sich freilich noch nicht zu früh freuen. «Wir gehen trotz des verhaltenen Jahresstarts davon aus, dass wir unser Jahresziel von 270 000 neuen Personenwagen erreichen werden. Damit lägen wir zwar nach wie vor deutlich unter der 300 000er-Marke, die wir vor der Corona-Krise regelmässig übertroffen haben. Aber immerhin wäre das ein Plus von 14 Prozent gegenüber 2020», sagt Auto-Schweiz-Direktor Andreas Burgener. «Für eine Entwarnung gibt es leider keine Grundlage», meint Hildegard Müller. Die Präsidentin des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie (VDA) erwartet für 2021 ein Absatzplus von nur acht Prozent. «Wir gehen von einer langsamen Verbesserung aus, auch mit besonderem Blick auf die Zulieferindustrie.» Ohnehin wird das Ergebnis stark vom Erfolg bei der Pandemiebekämpfung abhängen.

Autos kauft man nicht wie einen Mixer

Damit es zu einer Erholung kommt, müssen die Händler ihre Autos jetzt auch an den Mann und die Frau bringen können. Das geht beim Auto trotz Digitalisierung nach wie vor vornehmlich via direkten Kundenkontakt. Autos kauft man nicht wie einen Mixer per Mausklick. Schliesslich ist das Auto nach dem Eigenheim die zweitteuerste Anschaffung von Herrn und Frau Schweizer. Coronabedingt sind die Showrooms jedoch noch bis 28. Februar geschlossen. Warum das so ist, ist für Otto Normalverbraucher schwer nachzuvollziehen. Schliesslich sollte man die Wirtschaft wenigstens da am Laufen halten, wo das selbst unter viraler Zwangslage möglich scheint, darf man das Gefühl haben. Banken, Versicherungen, Bau- und Gartenartikelverkäufer und viele andere Dienstleister dürfen ja auch eingeschränkt wirtschaften oder zumindest Beratungsgespräche auf Termin vereinbaren. Abgesehen davon, dass Menschen kaum gleichzeitig rudelweise in die Showrooms von Autohäusern latschen, Corona hin oder her. Ein sauberes Distancing ist kaum einfacher einzuhalten als in einem geräumigen, gut gelüfteten Verkaufsraum eines Autohauses.

Aus diesem Grund haben sich Auto-Schweiz und der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) zusammengetan – es geschehen noch Zeichen und Wunder – und in ihrem sowie dem Namen des Schweizerischen Gewerbeverbands dem Bundesrat einen Brief geschrieben. Darin wünschen sie die sofortige Öffnung der Verkaufsräume. Sollte dies trotz allem nicht möglich sein, so sollen die Händler doch bitte sehr wenigstens wieder wie andere Verkaufsgespräche auf Termin vereinbaren dürfen. «Wenn der Zugang zum Zahl- und Abholbereich etwa für Ersatzteile und Verträge erlaubt ist und auch die Waschanlagen offen sein dürfen, müssten die Verkaufsräume eigentlich auch öffnen dürfen», sagt die AGVS-Juristin Olivia Solari.

Onlineverkäufe machen in der Autobranche nur einen verschwindend kleinen Anteil aus. Und wenn doch ein Verkauf via Cyberspace stattfindet, «sind die Kunden später nicht selten nicht wirklich zufrieden, weil es dann eben doch nicht genau das Richtige war». «Bei einer grossen Anschaffung wie einem Auto möchten die Kundinnen und Kunden nach wie vor probesitzen und Fragen stellen, das ist doch nur verständlich», sagt Auto-Schweiz-Direktor Andreas Burgener. Ein Auto müsse man vor Ort beim Garagisten berühren, riechen, fühlen, sich alles genau erklären und zeigen lassen – und fahren können. Nur so kommt ein stimmiger Kauf zustande, zumindest, was den Privatbereich betrifft. Das Schlechteste was einem Garagisten – und als Konsequenz davon natürlich auch dem Importeur – passieren kann, sind Kunden, die das Gefühl haben, nicht das für sie Passende bekommen zu haben. Just Corona sorgt hier für massiv höhere Ansprüche an den Handel als während der letzten Jahrzehnte. Die Pandemie sorgt für ein Revival des Individualverkehrs, ein sich gleichzeitig extrem wandelndes automotives Umfeld kommt aber noch hinzu. Darum besteht genau jetzt ein ausserordentlich hohes Beratungs- und Informationsbedürfnis. Ein elektrisch oder zum Teil elektrisch angetriebenes Auto und dessen Bedienung, dessen Unterhalt sowie die modernen Assistenzsysteme erfordern ­eine viel intensivere und fachkundige Besprechung und Vorführung als frühere, weniger komplexe Fahrzeuge.

Andreas Burgener, Direktor von Auto-Schweiz, spricht über die Probleme, die sich für den Autohandel durch die Schliessung der Show-Rooms ergeben.

Brauchen jetzt ein Signal

«Die erneute Schliessung der Läden und somit der Showrooms ist für unsere Mitglieder nicht tragbar. Die Möglichkeit, die Fahrzeuge online zu kaufen, wird von den Kunden kaum genutzt», heisst es in dem Brief, den AGVS-Präsident Urs Wernli, Auto­Schweiz-Direktor Andreas Burgener und Fabio Regazzi, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands, gemeinsam unterzeichnet haben. Auch das oft anfallende Eintauschgeschäft könne online nicht seriös durchgeführt werden, steht in dem Schreiben. «Sollte die Schliessung der Showrooms länger dauern als bis Ende Februar, wäre erneut das Frühlingsgeschäft und damit auch dieses Ziel in Gefahr», erklärt Andreas Burgener. Und: «Natürlich haben wir spätestens in der ersten Welle gelernt, wie kontaktlose Probefahrten und Fahrzeugübergaben funktionieren. Aber es muss trotzdem möglich sein, maximal fünf Personen ein Auto zeigen und mit ihnen ein kurzes Verkaufsgespräch inklusive möglicher Eintauschofferte für ein bestehendes Fahrzeug führen zu können.»

Offenbar ist man beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) gegenüber dem Wunsch aus der helvetischen Automobilbranche nicht à tout prix negativ eingestellt. Man braucht aber in diesem Fall ­eine vom Bundesrat erlassene Direktive, um die Verkaufsregeln ändern zu können. «Wir brauchen jetzt ein Signal der Hoffnung, dass dieses Jahr besser werden kann als 2020. Sonst sind noch mehr Jobs in unserer Branche in Gefahr, als bereits durch die Corona-Krise weggefallen sind», warnt Burgener.

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