Verweile doch! Du bist so schön!

Doch, für einmal darf Goethe zitiert sein. Denn diese Ausfahrt mit dem Elva brennt sich für ewig ein in die Erinnerung.

Der Elva vermittelt das pure Fahrgefühl: Keine Windschutzscheibe, kein Dach und nur die nötigste Ausstattung.

Es ist eine miese, fiese italienische Raststätte, auf der ich mich mit Ralf Kelleners verabredet habe. Es ist noch frisch an diesem Februarmorgen an der Riviera dei Fiori, doch als der der zweimalige Fast-Le-Mans-Gewinner mit dem McLaren Elva vorfährt, wird mir sofort warm ums Herz, ich habe ihn schon gehört, als er noch mindestens einen Kilometer entfernt war. Wir plaudern noch ein bisschen – nicht über Le Mans –, doch ich habe einen Plan, wir müssen los, in die Berge. Es mag ein bisschen irr sein, den komplett offenen McLaren bei etwa fünf Grad über eine berühmte Sonderprüfung der Rallye San Remo zu scheuchen, aber der Elva ist ja auch total absurd, das wird er schon packen.

Die komplette Antithese

Die Heizung steht auf 25 Grad, ich trage einen Schal, aber keinen Helm. Es gibt ein Active Air Mangement System (AAMS), das den Fahrtwind über die beiden Insassen leiten soll, dazu klappt bei 40 km/h eine Art Frontspoiler hoch. Bis 60 km/h ist das ganz O. K., ab Tempo 80 wird der Windstrom heftig, bei 120 ist das AAMS völlig unnütz, da kann man sich auch die Hand vor die Augen halten, das bringt mehr. Meine Mütze verabschiedet sich schon bald. Einfach, damit das klar ist: Der Elva ist vollkommen offen, es gibt kein Dach, nie, es gibt keine Frontscheibe, nie. Es ist mehr als Rennwagenfeeling, denn die Rennwagen haben eigentlich alle noch so einen kleinen Windabweiser, der den Fahrtwind ab- oder umleitet. Bei einem Motorrad würde man von completely naked sprechen, doch da trägt man ja auch einen Helm. Wir machen trotzdem die Strecke Apricale–San Romolo, ohne Mütze, aber mit Schal.

Ralf Kelleners taugt nicht zum Rallyebeifahrer. Ansagen kann er ja eh nicht, aber er wundert sich wiederholt, warum es denn keine Leitplanken habe. Ich spüre, dass er sich etwas sperrt. Er meint ausserdem, dass wir genügend Zeit hätten, dass ich es nicht «zu heiss» treiben solle, dass da auch Eis sein könnte. Da ist kein Eis, zu heiss treibe ich es nie, mit einem 1.5-Millionen-Auto schon gar nicht. Ich freue mich bloss, wie wunderbar direkt die Lenkung des Elva ist, wie perfekt die Schaltübergänge des Siebengang-Doppelkupplungsgetriebes sind, wie grob die Bremsen zupacken, wie wunderbar sensibel die Vierliter-V8-Doppelturbomaschine auf allerfeinste Berührungen des Fahrpedals reagiert. Wie unfassbar herrlich es ist, die komplette Antithese zur aktuellen Entwicklung in der Automobilindustrie zu bewegen.

Ja, da ist ein Touchscreen. Ja, da gibt es auch ESP und andere Helferlein (die sich komplett deaktivieren lassen, was allerdings auf öffentlichen Strassen so rein gar überhaupt nicht zu empfehlen ist). Doch ansonsten bewegen wir uns hier in einer Welt der absoluten Selbstverantwortung: Mensch fährt, Auto führt aus. Und das in einer Form von Präzision, die unvergleichlich ist. Es ist dieses so wundersame Zusammenführen von Auge, Hirn, Händen, Fuss, man sieht die Kurve, schätzt sie ein, Winkel, mögliche Geschwindigkeit, Ausgangsrichtung – und der Wagen setzt die Sinne samt Handwerk genau so um, wie der Fahrer sich das in einer perfekten Welt vorstellt.

Denn es ist dies der Gipfel eines Hypercars. Reduziert auf genau das, was man will und braucht, lenken, bremsen, unfassbarer Vortrieb. Der Elva bringt das mit einer Souveränität (800 Nm), mit ­einem Übermass an Möglichkeiten (815 PS), mit der wahren Leichtigkeit des Seins (es dürften weniger als 1.2 Tonnen sein). Und weil man so richtig draussen sitzt, sind die Sinne noch viel geschärfter als sonst in einem übermotorisierten Sportwagen. Man hört die Beschaffenheit der Strasse, ohne Dach ist der (eigene) Horizont viel grösser, man sieht weiter, man riecht den Frühling (und den Geissbock auf dem Bauernhof). Man braucht definitiv kein Infotainment (gibt es auf Wunsch kostenlos dazu, bringt aber nichts), man braucht eigentlich nicht einmal einen Beifahrer (ausser, man schreit sich gerne an), man braucht nur eine Kreditkarte (für Benzin und Mittagspause) und so etwas wie ein Ziel. Wobei bei diesem Fahrzeug nie nur der Weg das Ziel sein kann, es müssen Umwege sein, je weitläufiger, desto fröhlicher. In unter drei Sekunden auf Tempo 100, in weniger als sieben auf 200. Dann ist auch gut.

Das Automobil als Kunstwerk?

Die Sitze sind grossartig, wie immer bei McLaren die bequemsten Schraubstöcke überhaupt. Das darf man für 1 592 823 Euro (Preis für die Schweiz, inkl. Mwst.) auch erwarten. Es gibt zudem eine wunderbare Menge an liebevollen Kleinigkeiten, die aber den Rahmen dieses Berichts sprengen würden, nur zwei seien genannt: Da ist unter einem leichtgewichtigen Tonneau so etwas wie einen Kofferraum mit Platz etwa für einen Helm. Und es gibt den allerschönsten sowie unnützesten Rückspiegel aller Zeiten. Das passt zu einem Auto, das weit mehr Kunstwerk ist als ein reines Fortbewegungsmittel. Böte es nicht unendlichen Fahrspass, könnte man es auch an die Wand hängen.

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