Dem Namen gerecht?

Für den Mustang Mach-E gebraucht Ford einen ikonischen Namen. Abgesehen davon schlägt sich der SUV aber ganz gut.

Mit der Verbreitung der Elektroautos hat sich bei den meisten Herstellern ein Trend eingeschlichen: Irgendwie vergessen die Entwicklungsabteilungen alles, was man dort in den letzten Jahrzehnten bei allen Automobilen versucht hat zu verbessern und zu perfektionieren.

Wie oft mussten wir eine Fahrdynamik kritisieren, die zu wünschen übrig lässt, eine Sitzposition, die unnatürlich ist, mangelnde Verarbeitung und Materialqualität oder zweifelhafte Ergonomie? Nicht selten hat man das Gefühl, dass das Kriterium Elektroantrieb automatisch alle anderen Kriterien aussticht. Wenn dieses abgehakt werden kann, wird der Rest obsolet. Auf der ersten Fahrt mit dem Ford Mustang Mach-E waren wir deshalb positiv überrascht.

Hommage an den Mustang

Für seinen ersten Vollstromer hat sich Ford eines geschichtsträchtigen Namens bedient. Was das bringen soll, versteht niemand so recht, die Parallelen zwischen dem Pony-Car aus den 1960ern und einem Elektro-SUV sind marginal. Wenn man wirklich eine finden will, ist es allenfalls diese: So wie die Cool Kids damals Pony-Cars fuhren, fährt man heute ein sportliche Kompakt-SUV. Ist aber weit hergeholt, vor allem wenn man noch den Namenszusatz Mach-E in Betracht zieht, schliesslich waren – und sind – die Mach-Modelle des Mustang ja weniger für die Cool Kids als die Bad Boys. Optisch bietet der Mustang Mach-E dann aber doch ein paar nette Hommagen an einen echten Mustang, beispielsweise die dreiteiligen Rückleuchten. Und dann natürlich die Tatsache, dass am gesamten Auto die Ford-Logos durch das Pony ersetzt worden sind.

Die abfallende Dachlinie kann man gut finden, muss man aber nicht. Insgesamt wirkt das SUV aber bullig und kräftig, trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner kompakten Abmessungen. Die Fahrzeugbreite von 188 Zentimetern bei einer Länge und Höhe von 473 respektive 162 Zentimetern trägt ihren Teil dazu bei.

Im Innenraum bedeutet das: nicht überdurchschnittlich viel Platz. Der Kofferraum fasst 322 bis 1420 Liter, dazu kommen noch einmal 100 Liter vorne unter der Haube. Möglich macht dies die skateboardähnliche Architektur, bei der die Batterien im Unterboden sitzen und die Elektromaschinen direkt auf den Achsen. So kommt der Stauraum «Frunk» bereits eingeteilt, um darin verschiedene Ladekabel zu verstauen. Ein nettes Konzept, dass das Ladekabel seinen festen Platz hat und nicht irgendwo im Kofferraum herumfliegt, wenn man mal mit Kind und Kegel und einem Laderaum voller Gepäck verreist.

Soundbar und Tablet

Ein weiterer Elektroautotrend macht auch vor dem Mach-E nicht Halt: die totale Kontrolle über ein Tablet. Dieses misst 15.5 Zoll in der Bilddiagonale, also knapp 40 Zentimeter, und ist im Hochformat montiert. Das Gute an diesen Displays ist ja, dass sich die Interiordesigner keine Gedanken mehr machen müssen über eine schöne Integra­tion verschiedener Bedienelemente. Ein hübsches Detail ist aber der Drehregler für die Lautstärke, der direkt auf dem Bildschirm verbaut ist.

Die Interieurgestalter wurden aber glücklicherweise nicht weggespart, sondern konnten sich auf andere Bereiche konzentrieren. Die Materialkombination aus solidem Kunststoff, Leder mit Ziernähten und dem grossflächigen Stoffbezug wirkt hochwertig. Der Clou: Der Stoffüberzug, der sich quer über den Armaturenträger zieht, ist nicht nur Deko, sondern verbirgt eine Soundbar von Bang & Olufsen. Natürlich gegen Aufpreis.

Die guten alten Türgriffe waren für Dearborn nicht innovativ genug, sodass sie durch kleine Tasten in den B- und C-Säulen ersetzt wurden. Das ist im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig, aber man gewöhnt sich dran. Die Entriegelung geschieht entweder klassisch über den Handsender oder übers Smartphone. Als Backup, sollte der Telefonakku einmal leer und der Schlüssel zu Hause liegen geblieben sein, gibt es ein Touchpad zur Eingabe eines PIN-Codes.

Dynamisch trotz Masse

Eigentlich haben wir versprochen, dass der Mach-E ein ganz normales Auto sei, deshalb nur noch ein kleines elektrospezifisches Feature: One-Pedal-Driving ist möglich, wenn keine abrupten Manöver nötig sind, auch bis zum Stillstand.

In anderen Segmenten überzeugen die Autos von Ford immer wieder mit dem ausgewogenen Fahrwerk und der sauber abgestimmten Lenkung. Auf der ersten Fahrt enttäuscht in dieser Hinsicht auch der Mustang Mach-E nicht. Während sich andere Hersteller ihre Elektroautos zu fahrenden Wohnzimmern und Büros machen – und sich diese dann auch entsprechend fahren lassen –, fühlt sich der Mach-E an wie ein Auto.

Mit einem Leergewicht von mindestens zwei Tonnen in der leichtesten Variante und von 2.3 Tonnen bei der von uns gefahrenen, ist das SUV natürlich kein Leichtgewicht. In der Längsdynamik gleicht das der (Allrad-)Antrieb locker aus. Die Leistung von 346 PS klingt dabei erst einmal nicht nach übermässig viel in Anbetracht der Masse, aber Elektroautos arbeiten ja vor allem mit ihrem Drehmoment und da stellen die 580 Nm des Mustang Mach-E kein Problem dar. Auch in den Kurven zeigt er sich erstaunlich dynamisch, nicht zuletzt dank des – verhältnismässig – tiefen Schwerpunkts und der direkten und präzisen Lenkung.

Er soll weit kommen

Wie steht es um die Reichweite? Ford steigt hier weit oben ein und liefert entweder 75 oder 99 kWh Batteriekapazität. In der schwächeren Motorisierung mit 198 kW (269 PS) soll der Verbrauch nach WLTP gerade einmal 16.5 kWh/100 km betragen, was eine Reichweite von bis zu 610 Kilometern ermöglicht. In der Praxis wird es sicher weniger sein, aber das ist schon einmal eine ordentliche Ansage. Ein ausgiebiger Test wird noch zeigen, was im Alltag möglich ist.

Die Basisvariante des Ford Mustang Mach-E mit Standardbatterie und Heckantrieb gibt es ab 49 560 Franken, die Variante mit Extended-­Range-­Batterie, starker Motorisierung und Allradantrieb ab mindestens 68 940 Franken.

Die technischen Daten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der AUTOMOBIL REVUE.

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