Der Liebenswerte

In der dritten Generation wird der Fiat 500 erwachsen. Als erstes Elektroauto von FCA beweist der Kleinwagen seinen ungebrochen hohen Stellenwert im Konzern.

Länger und breiter ist er geworden, der Fiat 500. Die dritte Generation des Kleinwagens aus Turin wirkt somit erwachsener als der Vorgänger.

Man muss ihn einfach mögen, den Fiat 500E. Auch wer weder auf Italiener noch auf Kleinwagen noch auf Elektroautos steht – diesen muss man einfach gern haben.

Noch versuchen sich die Hersteller ja an verschiedenen Strategien, um ihre Elektroautos an den Mann und an die Frau zu bringen. Für die ­einen muss es besonders futuristisch sein, andere bringen Elektroautos ganz beiläufig als die neue Normalität und wieder andere versuchen Elektromobilität als Lifestyle zu vermarkten. Dass Fiat mit dem 500 letzteren Weg gehen würde, überrascht wenig, schliesslich ist ein kultiges Auto wie der Fiat 500 sowieso schon Lifestyle pur. 

Zwei Motorvarianten, zwei Batterien

Auf den ersten Blick könnte er auch einfach ein Facelift sein, dieser neue 500, so eng angelehnt ist er an seinen Vorgänger. Aber nein, alles ist neu. Bloss vier Prozent der Bauteile seien von der zweiten Generation in die dritte übernommen worden, sagt Fiat. Und auf den zweiten Blick sieht man es dann auch: Er hat zugelegt, vor allem am Hintern (plus 5.6 cm in der Breite), und die unschuldigen Kulleraugen sind verschwunden und einem bösen Blick gewichen. Damit wirkt er erwachsener als sein Vorgänger und macht klar, dass er ein ernstzunehmender Konkurrent auf dem Markt der Elektroautos sein will. Nicht, dass jemand Zweifel daran haben könnte, schliesslich ist der 500 seit Jahren das meistverkaufte Modell im A-Segment. Da die neue Generation konsequent nur als Elektroauto kommen wird und der bisherige deshalb als Verbrenner noch auf dem Markt verbleibt, wird das wohl auch noch eine Weile so bleiben.

Was die Motorvarianten des 500 angeht, so bietet Fiat zwei Möglichkeiten an: einerseits eine Variante mit 70 kW (95 PS) in Verbindung mit einer 23.8-kWh-Batterie, anderseits den stärkeren 87- kW-Motor (118 PS) mit einer 42-kWh-Batterie. Unser Testwagen war mit der grösseren Batterie ausgestattet, die gemäss Werksangaben 13.9 kWh/ 100 km verbrauchen soll, was eine Reichweite von rund 320 Kilometern ermöglicht. Im Test bewies der 500, dass diese Werte nicht unrealistisch sind. Auf der AR-Normrunde betrug der Verbauch 15.8 kWh/100 km. Um die Reichweite zu maximieren, bietet der 500 drei verschiedene Fahrmodi: Normal, Range oder Sherpa. Vor allem über den letzten lohnt es sich, noch einige Worte zu verlieren. Während der Modus Normal mit Beschleunigen über das Gaspedal und Bremsen über das Bremspedal das Gefühl eines konventionellen Autos vermitteln soll, aktiviert Range das One-Pedal-Driving und verstärkt die Rekuperation. Im Sherpa-Modus wird das Fahrzeug auf maximale Reichweite optimiert, um das im Navi programmierte Ziel oder die nächstgelegene Ladestation zu erreichen. So wird die Höchstgeschwindigkeit (von normalerweise 150 km/h) auf 80 km/h gedrosselt, die Klimaanlage und Heizung deaktiviert und die Verzögerungsrate beim Loslassen des Gaspedals noch einmal verstärkt, was einiges an Angewöhnungszeit braucht, bis damit elegant gefahren werden kann. Dass auch bergab das Gaspedal betätigt werden muss, um überhaupt vorwärts zu kommen, ist auch für One-Pedal-Gewohnte ungewohnt.

Autonomes Fahren Level 2

Wie üblich bei Elektroautos ist auch beim Fiat 500 das Milieu die entscheidende Komponente für den Verbrauch. Im Stadtverkehr zeigt er sich noch einmal deutlich ressourcenschonender und schafft zwischen zwei Ladestopps bis zu 350 Kilometer. Dank dem CCS-Stecker mit 85 kW Ladeleistung dauert ein Ladestopp 35 Minuten (für die Ladung auf 80 Prozent). In der Praxis zeigten sich diese Werte als äusserst optimistisch, gerade bei kalten Temperaturen lag die Ladeleistung eher im Bereich von 50 kW, was die Kaffeepause natürlich entsprechend in die Länge zieht.

Wenn der 500E aber fährt, dann ziemlich agil. Im Stadtverkehr ist natürlich das direkte Ansprechverhalten der permanenterregten Synchronmaschine dafür verantwortlich, dass der Fahrspass nicht zu kurz kommt, auch wenn die Beschleunigung weniger ruckartig erfolgt als bei gewissen Elektrokonkurrenten. Aber eben: Von 0 bis 50 km/h in knapp über drei Sekunden sind ein Wert, von dem so mancher grosse Verbrenner nur träumen kann.

Stolz sind die Turiner auch darauf, dass sie dem 500E autonomes Fahren nach SAE-Level 2 spendieren konnten. Und, egal, wie häufig Tesla von vollautonomem Fahren träumt, Level 2 ist State of the art – und nicht alle Konkurrenten bekommen das hin. Gerade im preissensiblen A-Segment ist das eher die Ausnahme als die Regel. Aber da für den 500E der Preis nicht als Kaufargument dienen kann, hat Fiat alles an Technologie hineingepackt, was geht: adaptiven Tempomaten mit Verkehrszeichenerkennung, Spurhalter, Stauassistent, 360-Grad-Kamera und so weiter. Auch beim Infotainment beweist ­Fiat, dass der 500E nicht einfach ein weiterer Kleinwagen sein soll. Normalerweise werden neue Technologien und Systeme von oben nach unten eingeführt, zuerst in den teuren Modellen und nach und nach auch in den günstigeren Segmenten. Der neue Fiat 500 erhält jetzt als erstes Modell von ­Fiat das neue Infotainment Uconnect 5. Bis auf einige Schnitzer wie die zu kleinen virtuellen Buttons für Funktionen, die man gerne blind bedienen können möchte, oder die Sitzheizung hat die Ergonomie ­einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Auch das Navi überzeugt und plant bei langen Fahrten selbständig Ladestopps ein.

Im Innenraum kombiniert Fiat ein 10.25-Zoll-Infotainment mit haptischen Knöpfen für die Klimabedienung und Gangwahl.

Ein Auge fürs Detail

Apropos längere Fahrten: Der Fiat 500 ist natürlich ein Stadtauto. Wer sich aber trotzdem über die Stadtgrenzen hinauswagt, wird positiv überrascht sein. Das Fahrwerk mit Einzelradaufhängung vorne und Verbundlenkerachse hinten bietet viel Komfort, kaschiert Unebenheit in der Fahrbahn auch auf der Autobahn ohne grosse Probleme. Im Gegensatz zu seinem – mehr oder weniger – direkten Konkurrenten, dem Honda E, setzt der Fiat 500 auf den konventionellen Frontmotor/Frontantrieb. Dadurch ist im Italiener weniger Gokart-Feeling angesagt als im Japaner, er fühlt sich aber gesitteter und ausgewogener an. Auch der Wendekreis ist konstruktionsbedingt mit 9.7 Metern nicht ganz so eng wie beim Honda E mit 8.6 Metern.

Der im Mirafiori-Werk in Turin montierte ­Fiat 500 überzeugt mit seiner Liebe zum Detail, etwa den filigranen Seitenblinkern in Anlehnung an das Original von 1957, dem Logo an der Front oder den «Made in Torino»-Schriftzügen in den Türen. Schade, dass diese Detailverliebtheit an den Türverkleidungen endet, die aus wenig wertig anmutendem Hartplastik (Recyclingmaterial) gefertigt sind. Den neuen Fiat 500 gibt es in drei Karosserievarianten: als dreitürige Limousine, als Cabriolet sowie als 3+1 mit zwei gegenläufig öffnenden Türen auf der Beifahrerseite. Den 500 Action gibt es ab 26 990 Franken, die von uns getestete Ver­sion 500 La Prima mit 10.25-Zoll-Infotainment, Panoramadach und Lederausstattung kostet mindestens 36 990 Franken.

Testergebnis

Gesamtnote 80.0/100

Antrieb

Bewertung: 4 von 5.

Der Anzug des Elektromotors ist im Fiat 500 gesitteter als bei anderen Elektroautos. Im Stadtverkehr geht es trotzdem zügig – und vor allem sparsam – vorwärts.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Der Fahrkomfort ist erstaunlich hoch für einen Kleinwagen, der primär als Stadtauto dienen soll. Auch längere Autobahnfahrten sind somit kein Problem.

Innenraum

Bewertung: 4 von 5.

Der Platz ist natürlich beschränkt, aber der Fiat 500 überzeugt mit seiner Liebe zum Detail. In den höheren Ausstattungsvarianten gibt es ein modernes Infotainmentsystem. Die Türverkleidungen aus Hartplastik geben einen Abzug.

Sicherheit

Bewertung: 4.5 von 5.

Diverse Sicherheitssysteme und autonomes Fahren Level 2: Der Fiat 500 überzeugt mit seiner fortschrittlichen Technologie, die im Kleinwagensegment alles andere als selbstverständlich ist.

Budget

Bewertung: 4 von 5.

Lifestyle kostet. Mit der Basisversion gibt es für rund 26 000 Franken schon ein hübsches E-Auto, wer aber die Topausstattung will, muss gegen 40 000 Franken hinlegen.

Fazit 

Nicht umsonst war der neue Fiat 500 hoch gehandelt als Kandidat für den Titel Car of the Year. Die Fusion von Elektroantrieb, italienischem Flair und modernen Technologien passt perfekt.

Die technischen Daten und unsere Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der AUTOMOBIL REVUE.

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