Der Visionär

Im Laufe der 43-jährigen ­Firmengeschichte von Rinspeed hat sich das kleine Zürcher Unternehmen weltweit einen Namen gemacht. Ein Gespräch mit dem Gründer Frank M. Rinderknecht.

Gründer Frank M. Rinderknecht

Die Automobilindustrie befindet sich derzeit im Umbruch. Und Teil dieses Wandels ist es auch, über künftige Mobilitätsformen nachzudenken. Auch Rinspeed gehört dazu. Das Unternehmen, das einst eine Customizing-Werkstatt war, ist zu einem wahren Thinktank der Automobilindustrie geworden. Aber wie ist das kleine Schweizer Unternehmen, das keine eigene Produktion besitzt und nur zwei Mitarbeitende beschäftigt, weltweit bekannt geworden?

«Offiziell gegründet wurde Rinspeed 1979, ich war damals 24 Jahre alt. Entstanden ist das Unternehmen aber gut ein Dutzend Jahre früher, als ich zwölf Jahre alt war», erzählt Frank M. Rinderknecht. «Damals kam der Film ‹Easy Rider› von Dennis Hopper ins Kino.» Darin wurde das Motorrad von Peter Fonda in einen Chopper mit ­einem erhöhten Lenker umgewandelt, das blieb vom jugendlichen Frank Rinderknecht nicht unbemerkt: «Ich wollte sofort den gleichen Lenker für mein Fahrrad haben, aber natürlich gab es solches Zubehör nicht einfach zu kaufen. Deshalb musste ich es nach Mass fertigen lassen. Ich habe also Pläne gezeichnet und einen Schweisser gebeten, mir so einen Lenker anzufertigen. Es war das erste Mal, dass mich jemand als verrückt bezeichnete. Das letzte Mal war es aber nicht.»

Rinderknecht und Speed

Dennoch dauerte es noch ein paar Jahre, bis der Name Rinspeed im Handelsregister auftauchte: «Ich war kaum alt genug, um ein Mofa fahren zu dürfen, da frisierte ich schon den Motor auf mehr Leistung und eine höhere Maximalgeschwindigkeit. Natürlich wurde dadurch auch die Polizei auf mich aufmerksam. Ich musste deshalb zur Kontrolle: Dort prüften die Mechaniker die Höchstgeschwindigkeit der Maschine, bevor sie alle nicht originalen Bauteile in einer grossen Hydraulikpresse vernichteten.» Das war ein harter Schlag für den jungen Mann: «Nicht nur hatte ich meine ganze Liebe in dieses Mofa gesteckt, sondern auch sehr viel Geld.» Der Schweizer wollte aber die Leistung seines Mopeds zurück, und so wälzte er Teilekatalog um Teilekatalog. Schliesslich erklärte ihm ein Freund, dass er attraktive Rabatte auf die Teile bekäme, wenn er eine Garage besässe. So gründete Rinderknecht im Alter von 15 Jahren sein eigenes Unternehmen: «Rinderknecht war kein einfach auszusprechender Name. Deshalb habe ich Rinspeed erschaffen, eine Zusammensetzung von Rinderknecht und Speed.»

«Nach dem Studium ging ich nach Los Angeles, um Englisch zu studieren. Dort arbeitete ich für ein Start-up, das Behindertenfahrzeuge herstellte. In den USA konnte ich meine ersten Erfahrungen sammeln und Wissen erwerben. Es war das Ende des Vietnamkriegs, und es gab viele Veteranen mit Kriegsverletzungen in den USA. Wir stellten Vans her, die speziell auf körperlich behinderte Menschen ausgerichtet waren. Eines Tages kam in den USA das Schiebedach auf den Markt. In Europa war es völlig unbekannt, also hatte ich die Idee, eines davon zu importieren und es auf meinem Auto zu installieren. Alle, die es sahen, kamen auf mich zu und fragten, ob sie bei mir ein Schiebedach kaufen könnten. Zuerst habe ich zwei, drei, dann fünf, zehn, 50 und schliesslich 500 davon bestellt!»

Die Tuning-Ära

«Im Alter von 21 Jahren begann ich, Handel zu betreiben, ohne dass ich wirklich eine Ahnung davon gehabt hätte. Aber ich habe dazugelernt, und es hat gut funktioniert.» Und Rinspeed begann, an der Seite anderer grosser Namen der Branche wie Brabus oder AMG Geschichte im Fahrzeug-Customizing zu schreiben. «Das waren unsere Tuning­jahre», resümiert Frank M. Rinderknecht. In dieser Zeit machte sich der Mann einen Namen, indem er Fahrzeugikonen wie den Volkswagen Golf Turbo, ein Fahrzeug aus dem Jahr 1979, zusammenbaute. Zwei Jahre später machte Rinderknecht erneut von sich reden, als er den Aliporta enthüllte, einen Golf (noch immer der ersten Generation), der über beeindruckende Gullwing-Türen verfügte. 1985 erregte Rinderknecht mit einem Schweizer Porsche Aufsehen – dem R69 Turbo, der auf dem 911 Turbo basierte und gleichzeitig vom Ferrari Testarossa inspiriert war.

In der Folge wurde Rinspeed zum exklusiven Importeur von AMG und AC Schnitzer in der Schweiz. Anfang der 1990er-Jahre, als das Unternehmen nach Zumikon ZH umzog, wo es noch heute seinen Sitz hat, begannen die farbigen Jahre des Unternehmens: 1993 erschien der knallig-grüne Viper Veleno und 1994 der blaue Bugatti Cyan, ein personalisierter EB 110 GT. Das Beste zum Schluss, könnte man sagen, denn der EB 110 GT markierte das Ende der Tuning-Ära von Rinspeed. Von da an begann man sich auf die Herstellung von Prototypen zu konzentrieren.

Paradigmenwechsel

Mitte der 2000er-Jahre wurde sich der Visionär Frank M. Rinderknecht bewusst, dass die Industrie bald mit grossen Umweltproblemen konfrontiert sein würde. «2001 fuhr ich bereits ein Auto, das mit Biogas betrieben wurde. Wieder einmal hielten mich viele für verrückt. Benzin war günstig und CO2 noch kein Thema. Dennoch wurde es zu einer meiner Prioritäten, der Umwelt Sorge zu tragen.» So mauserte sich Rinspeed Schritt für Schritt vom Tuner zu einem Thinktank der Automobilindustrie. Eine Arbeitsphilosophie, die zu einem systematischen Hinterfragen auffordert, wie der Gründer erklärt: «Ich war immer stolz darauf, einen offenen Geist zu haben, auch heute noch mit 65 Jahren.» So verkaufte Rinspeed 2008 seine gesamten Tuning-Aktivitäten an Mansory Switzerland. In der Folge produzierte Rinderknecht den Rinspeed Squba, einen tauch­fähigen Prototyp mit Elektroantrieb, der auf einem Elise-Chassis basiert. Dieses Auto sollte eine entscheidende Rolle für den Ruf des Unternehmens spielen: «Das Fahrzeug ist noch heute unsere Ikone. Wir erhalten enorm viele Anfragen, um es fotografieren zu dürfen. Der Hauptgrund für den Erfolg des Squba ist, dass er an den Lotus Esprit aus dem zehnten James-Bond-Film ‹Der Spion, der mich liebte› erinnert.»

Zur Lancierung des Squba reisten Rinderknecht und seine Teams in den US-Bundesstaat Florida und drehten dort einen Werbefilm. Das Interesse der Presse war riesig, mehr als 45 Journalisten aus der ganzen Welt waren vor Ort, um über den Dreh zu berichteten. «Die beste Schlagzeile hätte es natürlich gegeben, wenn das Auto nicht mehr aufgetaucht wäre. Wir standen unter einem enormen Druck. Wir konnten keinen Schritt machen, ohne beobachtet zu werden. Glücklicherweise ging alles gut, das Auto kam problemlos wieder an die Oberfläche.»

Die Zukunft des Automobils

Auch heute noch produziert Rinspeed Studien für die automobile Zukunft. Gleichzeitig steht man aber auch den grossen Firmen der Branche zur Seite: «Wir machen auch enorm viel Consulting für Hersteller und Zulieferer. Wir versuchen zu verstehen, in welche Richtung die Mobilität geht. Es gibt nicht viele Firmen wie uns. Wir sind fast einzigartig.» Aber in welche Richtung geht denn die Mobilität in der Zukunft? «Es ist unmöglich vorherzusagen, wann es die autonome Mobilität auf unsere Strassen schafft. Das hängt von zahlreichen Parametern ab wie zum Beispiel dem Strassentyp, ihrem Zustand oder auch dem Wetter. Im Schnee zu navigieren, stellt ein autonomes Fahrzeug vor sehr grosse Probleme.» Hinsichtlich der Zukunft der Autos erklärt Frank M. Rinderknecht, dass die Rolle der grossen Techfirmen im Bereich der individuellen Mobilität immer wichtiger werde: «Sie verfügen über die Ressourcen, das Wissen und das Know-how über künstliche Intelligenz. Und ausserdem über enorme finanzielle Mittel.»

«In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir mehr Veränderungen sehen als in den letzten 120 Jahren. Das wird eine sehr interessante Zeit werden für die Branche. Aber es besteht kein Anlass zur Sorge, denn es wird ein sehr spannende Reise werden», verspricht der CEO von Rinspeed. Er fährt fort: «Die Veränderungen in der urbanen Mobilität werden besonders bedeutend sein. Die grösste Herausforderung wird darin bestehen, umweltfreundliche und effiziente Transportmittel für Lieferservices zu entwickeln. Der Onlinehandel ist explodiert, und es gilt, deutlich effizientere Liefermöglichkeiten zu finden, um die Städte zu entlasten. Klar, viele Menschen könnten ihr Auto gegen ein ­Velo eintauschen, aber im Transportwese geht das nicht.» Deshalb sind die verschiedenen Snap-Prototypen (2018 Snap, 2019 Micro Snap, 2020 Metro Snap, 2021 City Snap), die Rinspeed in den letzten Jahren enthüllt hat, äusserst wichtige Konzepte, denn damit hatte Rinspeed die Idee des Skateboards entwickelt: Eine Plattform, welche die Achsen, Motoren und Getriebe sowie die Technik für das autonome Fahren beherbergt, wird wahlweise mit Fahrgastzellen oder Cargo­modulen zum Transport von Waren gepaart.

Wie auch ihre Vorgänger könnten diese Prototypen den grossen Namen der Industrie sicherlich Inspiration liefern. Der Visionär Rinderknecht gibt auch ohne Umschweife zu: «Die Automobilindustrie schaut mit einem sehr wachsamen Auge auf alles, was Rinspeed tut. Wir sind für sie eine Quelle für Innovation und Inspiration.» Dass sich ein kleines Unternehmen aus der Schweiz in der riesigen Automobilbranche ein solches Renommee schaffen konnte, scheint fast unglaublich. «Tatsächlich sind wir nur zwei Mitarbeitende. Aber ich denke, dass unsere bescheidene Grösse gerade unsere Stärke ist. Dadurch sind wir sehr flexibel und können uns schnell anpassen. Ausserdem betreiben wir enorm viel Outsourcing. Unser Vorteil ist, das wir auf ein hervorragendes Netzwerk zurückgreifen können. Wir konkurrieren in keiner Weise mit Bosch oder anderen grossen Zulieferern», schliesst der CEO. 

Schweizer Automobilhersteller – Teil 4
Im Rahmen unserer Serie über Schweizer Automobilhersteller wird die AUTOMOBIL REVUE als nächstes die Firma Stimbo in Zermatt VS besuchen. Diese baut die bekannten Elektrogefährte, die im autofreien Ferienort unterwegs sind. Lesen Sie den nächsten Teil unserer Serie in der AUTOMOBIL REVUE Ausgabe 11 vom 18. März 2021.

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