VW Tiguan R im Test: ein viel gesehener Sportler

Mit der Überarbeitung der zweiten Generation ist der VW Tiguan erstmals in einer sportlichen R-Variante erhältlich. Kann diese halten, was sie verspricht?

Superlative von den Marketingmitarbeitern sind natürlich immer mit etwas Vorsicht zu geniessen. Wolfsburg betitelte den Tiguan bei seiner Präsentation selbst als äusserst aufregend. Dabei schenkte VW der Fahrwerksentwicklung für die zweite Generation des Tiguan tatsächlich viel Aufmerksamkeit, womit beim ersten R-Modell des Kompakt-SUV die Post abgeht. Wenn auch nicht ganz so, wie erwartet.

R für rassig

Der Vierzylinder erwacht auf Knopfdruck mit ­einem vielversprechenden Grollen zum Leben. Der Turbobenziner mit 320 PS und einem Höchstdrehmoment von 420 Nm, das von 2100 U/min bis 5350 U/min zur Verfügung steht, klingt überraschend böse. Was natürlich auch am aufpreispflichtigen Akrapovic-Auspuff (3700 Fr.) liegt.

Trotz beträchtlicher 1.9 Tonnen frisst der Wagen die Geraden zwischen den Kurven gierig, fast atemberaubend weg. Unsere Messinstrumente bescheinigen dem Tiguan R eine Beschleunigungszeit von 0 auf 100 km/h von 5.2 Sekunden. Die Diskrepanz zur Werksangabe von 4.9 Sekunden ist durch die Winterreifen und die kalten Temperaturen zu erklären. Keine Frage also, das rassige SUV ist schnell unterwegs. Und es kommt weit, denn wer erwartet, dass der ordentlich massierte Motor mit unsittlichen Verbrauchswerten bei Laune gehalten werden muss, wird angenehm überrascht. Auf unserer AR-Normrunde konnten wir den Verbrauch auf 7.4 l/100 km drücken. Das ist deutlich weniger als der Durchschnittswert bei den sportlichen SUV, die unser Testprozedere durchlaufen haben (8.5 l/100 km) und klar unter der Werksangabe (10.3 l/100 km). Der Besitzer hat die Wahl, ob er äusserst zügig fahren oder entspannt in aller Ruhe auf der Autobahn dahingleiten will.

Die gewisse Würze

Der Tiguan R ist eine Art Kompromiss. Das kann man ihm als seine grösste Stärke oder als seine grösste Schwäche auslegen. Er gefällt mit hervorragenden Fahrleistungen, gibt diese aber ohne jegliche Begeisterung ab. Denn Leidenschaft und Verzückung sind nicht direkt und auch nicht einzig an Beschleunigungswerte gekoppelt. VW wollte es mit dem Tiguan R allen recht machen, herausgekommen ist etwas beinahe Widersprüchliches. Die Knaller und das Röcheln aus dem Titanauspuff machen Spass, sie können den milden Charakter des Motors aber nicht kaschieren. So ist das Fahrgefühl auch im R-Modus noch etwas glatt, gesittet und schafft es nicht ganz, den Spass eines echten Sportwagens zu vermitteln. Von der Härte und Sportlichkeit eines Mercedes-Benz GLA AMG beispielsweise ist der Tiguan R meilenweit entfernt. Besser vergleichen lässt er sich mit den – ebenfalls etwas weichgespülten – Konzernbrüdern Cupra Ateca und Audi RS Q3.

Dazu stellt sich auch die Frage, ob die einfache R-Line-Ausstattung für die meisten Kunden nicht gar die bessere Wahl darstellen würde. VW bietet damit ein optisch fast identisches SUV mit dem gleichen Zweiliter-Turbo, der auch in sanfter Form noch 245 PS leistet. Diese Version, ebenfalls mit blitzschnell schaltenden Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, kostet 14 300 Franken weniger, was natürlich aber auch in einer geringeren Ausstattung gründet. Allerdings sind schon alle Varianten des normalen Tiguan sehr vielseitig. So basiert denn der R auf einem der meistverkauften Familienwagen der Welt. Auch dieses Jahr wieder steht der Tiguan in den Top Drei der Schweizer Verkaufshitparade, selbst wenn die Zulassungszahlen hinter den Vorjahreswerten zurückliegen. Das Grundmodell überzeugt seit Langem Eltern, welche ein fahrsicheres Auto wollen. Nun haben sie die Möglichkeit, mit dem Modellzusatz R einen guten Schuss Würze in ihren Alltag zu mischen. Und abseits von zusätzlichen PS bietet der echte R natürlich auch noch einen überarbeiteten Allradantrieb. Dennoch mögen Sportfahrer kritisieren, dass die R-Version nicht weit genug geht.

Aufwendiger Allradantrieb

Trotz der um zehn Millimeter tiefer gelegten Karosserie, der steifen Stossdämpfer, der Niederquerschnittreifen und der wählbaren Fahrmodi bleibt der Tiguan unter dem Strich immer noch ein SUV. Das bedeutet, dass der Fahrer bei zügiger Kurvenfahrt das ansehnliche Gewicht zu spüren bekommt, zumal die strafferen Stossdämpfer trotz allem noch einen Restkomfort bieten und damit die Handlichkeit einschränken. Die gekonnte Fahrwerksabstimmung garantiert allerdings ein sicheres Fahrverhalten in allen Situationen diesseits der Rennstrecke. Die Lenkung ist – für einen VW – überdurchschnittlich kommunikationsfreudig, wenn auch nicht ganz auf dem Niveau der Klassenbesten.

Bei der technischen Ausstattung fällt der ungewöhnlich aufwendige Haldex-Allradantrieb auf. Die Differenziale steuern die Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse sowie zwischen linkem und rechtem Hinterrad. Das weiterentwickelte System mit den beiden Differenzialsperren vermag nun das Antriebsdrehmoment von null bis 100 Prozent (nur bei vollem Schlupf) für jedes einzelne Rad zu variieren und sorgt für ein deutlich leichtfüssigeres Kurvenverhalten. Es stellt einen markanten Fortschritt gegenüber dem einfachen Haldex-Allradantrieb des Vorgängers dar, bei dem die Antriebskraft gleichmässig zwischen links und rechts verteilt wurde. Die Techniker hielten sich dennoch etwas zurück und beschränken den Kraftfluss für die Hinterachse auf höchstens 50 Prozent, der Wagen kann also nicht mit einem Hecktriebler-Charakter aufwarten. Die Priorität galt dem sicheren Fahrverhalten, der Spassfaktor muss hintanstehen, wie es sich für ein Familienauto schliesslich gehört.

Modern und geräumig

Ähnlich steht es um das Interieur. Wer vom normalen Tiguan umsteigt, ist mit der Bedienung sofort vertraut. Alle Insassen finden genügend Bewegungsfreiheit, was hinten mit der geteilten, längs verschiebbaren Sitzbank mit einstellbarem Lehnenwinkel besonders auffällt. Die Kopffreiheit überzeugt mit 92 Zentimetern, selbst bei ganz hinten positionierten Vordersitzen bleibt noch ausreichend Knieraum übrig.

Als Fahrernaturen müssen wir dem Tiguan R aber wiederum vorhalten, dass er seinen Sportcharakter vernachlässigt: Der Fahrersitz ist zu hoch angebracht, die Seitenpolster stützen den Oberkörper nur ungenügend. Andererseits wären echte Schalensitze in einem Familienauto wohl doch fehl am Platz. Wie oft ist schliesslich Papa in Rallye­manier unterwegs, mit den Bambini auf der Rücksitzbank und dem Kinderwagen und den Einkäufen im Gepäckraum? Als Zweiplätzer kann der ­Tiguan übrigens bis zu 163 Zentimeter lange Gegenstände schlucken. Bei abgesenktem Gepäckraumboden ergibt sich eine Ladehöhe von 95 Zentimetern. Die Breite ist mit 100 Zentimeter nicht spektakulär, aber dank der bauchigen Flanken findet man an manchen Stellen in der Breite bis zu 139 Zentimetern Platz.

Bei allen Tiguan der zweiten Generation stören wir uns an einigen ergonomischen Fehlgriffen. Die wenigen verbleibenden Knöpfe und Schalter sind nicht unbedingt praktisch. Die Klimaanlage wird neu über eine Berührungsleiste angesteuert, welche viel weniger alltagstauglich ist als die physischen Knöpfe im Vorgänger. Die Touchpads in den Lenkradspeichen bieten zwar eine Rückmeldung, dennoch aktivierten wir mehrmals ungewollt die eine oder andere Funktion.

Gute Ausstattung, fairer Preis

Insgesamt stellt sich für die Interessenten die Frage, ob der Tiguan R seiner aufregenden Präsentation gerecht wird und das Zeug dazu hat, Herzen zu erobern. Sein Preis von 66 650 Franken scheint angesichts der gebotenen 320 PS nicht übertrieben. Allerdings muss sich der Kunde bei den Optionen zurückhalten, denn wie bei den deutschen Marken üblich kann die Summe schnell nach oben klettern. Selbst der R-würdige Titanauspuff kostet einen happigen Aufpreis. Ohne ihn verliert der Tiguan allerdings noch mehr vom eigentlichen R-Charakter. So verzerrt sich der anfänglich gute Gegenwert etwas, beim Testwagen stieg der Preis bis auf 83 687 Franken.

Testergebnis

Gesamtnote 78/100

Antrieb

Bewertung: 4.5 von 5.

Das DSG arbeitet vor allem im Sport-Modus hervorragend mit dem Vierzylinder-Turbomotor zusammen. Letzterer schiebt hart an, es fehlt ihm aber trotz auffallenden Klangs etwas an Charakter.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Mit dem tiefergelegten und adaptiven Fahrwerk und dem überarbeiteten Haldex-Allradantrieb, der das Drehmoment mechanisch verteilt, fährt sich der Tiguan R sportlich, bleibt dabei aber komfortabel.

Innenraum

Bewertung: 3.5 von 5.

Die Verarbeitung ist dem VW-Standard würdig. Es gibt viel Platz, allerdings strahlt nicht alles absolute Sportlichkeit aus.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Der Tiguan R ist mit zahlreichen modernsten Fahrhilfen, Allradantrieb und überzeugenden Bremsen mit 18-Zoll-Scheiben ausgestattet.

Budget

Bewertung: 4 von 5.

Erhältlich ab 66 650 Franken ist der R natürlich der teuerste der Tiguan-­Baureihe. Dafür sind viele Funktionen bereits Serie.

Fazit 

Die R-Variante des Tiguan bringt ein grosses Plus an Sportlichkeit in eines der beliebtesten Kompakt-SUV. Optisch und bezüglich Leistung ein richtiger R behält der Tiguan trotz stark veränderten Allradantriebs viel Restkomfort. Für den flotten Wochenendauflug in die Berge mag das genügen, auf der Rennstrecke hat der Tiguan R nichts zu suchen. Was nicht weiter schlimm ist, denn schliesslich bietet auch der R alle Vorteile des herkömmlichen Tiguan.

Die technischen Daten und unsere Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paperder AUTOMOBIL REVUE.

1 Kommentar

  1. Guten Tag. Mein Auto ! VW Tiguan Diesel. 3jährig. Alle Optionen, ausser Schiebedach. Reifen 255/ 40 x 20. Ich fahre mein Tiguan in Griechenland, vorwiegend auf der Insel Rhodos. Ich fahre sehr gern auf einer Bergstrecke. Dort kann ich mein Tiguan an die Leistungsgrenze bringen. Der bleibt Spurtreu und mit seinen 400 Nm, ohne Gegner. Mein Tiguan kann aber auch sehr sittig gefahren werden. Sollten Ziegen auf der Strasse sein, habe ich ein spezielles Horn eingebaut, dann sind die Ziegen schneller als mein Tiguan ! Ich bin 73 Jahre alt überzeugender Autofahrer ohne je einen Unfall. Mein Tiguan ist das beste Auto, dass ich je hatte. Grüsse von der Insel Rodos! Ruedi L.

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