Opel Mokka im Test: Bünzlischreck mit Charme

Mit seinem Vorgänger hat der neue Opel Mokka gar nichts mehr am Hut. Sein selbstbewusstes Styling kontrastiert mit einem gepflegten Innenraum.

Es ist lange her, seit Opel die meistverkaufte Marke in der Schweiz war. Die Rüsselsheimer überzeugten die Schweizer einst mit ihrer Zuverlässigkeit, Einfachheit und Unauffälligkeit. Aber das erwies sich wohl langfristig auch als Handicap, denn heute setzen die Kunden andere Prioritäten, etwa Stil und Image. Gute Voraussetzungen also für den neuen Mokka, denn Stil hat er im Überschuss.

Markanter Auftritt und neues Design

Für ihre zukunftssichernde Neubelebung will die deutsche Marke Autos mit mehr Charakter bauen. Das neue Kompakt-SUV erhält als erster Opel das eckige Vizor-Design am Bug und avanciert somit – intern – zum Trendsetter. Alle anderen Modelle werden folgen. Der neue Look bricht klar mit dem Design des Vorgängers. Die jüngste Generation ist bei quasi gleichem Radstand kürzer, niedriger und wirkt gelungener.

Aus jedem Blickwinkel entdeckt man markante Stilelemente, das Ganze ist meilenweit von den bieder gestalteten Autos der Vergangenheit entfernt. Am augenfälligsten ist die Front mit den nach aussen abgewinkelten Lufteinlassöffnungen und dem maskengleichen, schwarz lackierten Vizor, welcher die scharfkantigen Scheinwerfer noch mehr zur Geltung bringt. Im Fahrzustand verleihen die Tagfahrlichter dem Mokka eine gewisse Frechheit und machen ihn zum Bünzlischreck. Die schmalen Rückleuchten nehmen das Thema nochmals auf und verleihen dem Heck ebenfalls einen selbstbewussten Auftritt. In der Seitenansicht dominieren die fast horizontale Motorhaube und die aufrechte Windschutzscheibe.

Das auffällige Design stellt eine Herausforderung für die Aerodynamiker dar, sie mussten viel Feinarbeit leisten, damit sich der Mokka nicht wie ein Bagger gegen den Wind stemmt. So erreicht der Mokka dennoch einen cW-Wert von 0.32. Dazu tragen auch die Kühlergrill-Jalousien bei, welche im geschlossenen Zustand den Wind unter das Fahrzeug statt in den Motorraum leiten. Gut durchdacht ist auch die Anordnung der erwähnten Lufteinlasskiemen: Sie machen nicht nur optisch viel her, sondern leiten den Luftstrom glatt an den Rädern vorbei.

Stärken und Schwächen im Innenraum

Der gute Eindruck des Aussendesigns lässt sich, mit gewissen Vorbehalten, auf das Interieur übertragen. Die Auslegung des Armaturenbretts ist ­eine der Neuheiten im Mokka. Die Entwickler nennen es Pure Panel und setzten sich den Nutzwert und die einfache Bedienung als Priorität. Der Fahrer soll entspannt seiner Aufgabe nachkommen. Wir finden es durchaus gelungen, wie der Innenraum das Thema des Kühlergrills wieder aufnimmt. Die Instrumentenanzeige erfolgt über einen Zwölf-Zoll-Bildschirm, dazu kommt ein Touchscreen mit sieben Zoll Bilddiagonale (10 Zoll mit der Option Multimedia Navi Pro). Die beiden Bildschirme liegen auf der gleichen Ebene, was bedeutet, dass der zum Fahrer hin abgewinkelte Mittelbildschirm gut im Sichtfeld liegt und leicht zu bedienen ist. Zum Glück müssen nicht alle Funktionen über den Bildschirm angesteuert werden. Die physischen Schalter beschränken sich zwar auf das Nötigste, aber das ist auch genug. Vor allem die Klimaregelung ist so stets problemlos zu bedienen. Unnötige Komplexität sucht man auch bei den Kombiinstrumenten vergebens. Anders als bei den französischen Marken mit dem gleichen Infotainmentsystem gibt es im Opel keine Angeberei, kein Mäusekino, keine Neonlichter, kein Schnickschnack. Alles ist klar und deutlich geregelt. Man könnte beinahe sagen: typisch deutsch.

Der Komfort profitiert von den gut stützenden, dabei aber sehr angenehmen Sitzen. Die vorne Sitzenden finden viel Bewegungsfreiheit und stossen mit den Knien nie gegen Mittelkonsole oder Türverkleidungen, die Kopffreiheit ist zumindest vorn grosszügig.

Als SUV muss der Mokka auch höheren Ansprüchen genügen, was den Komfort und das Platzangebot auf den Rücksitzen angeht. Die hinteren Passagiere haben nichts zu klagen, solange sie nicht zu breit oder zu gross sind. Ab Gardemass wird es mit der Kopffreiheit etwas knapp. Kommt dazu, dass die Sitzbreite auf dem Mittelsitz recht eng ausfällt, auf ein zweites Dessert verzichtet man besser. Anders gesagt: Der Mittelsitz ist für Erwachsene nicht geeignet.

Der Mokka ist ein kompaktes SUV, und die Käufer dürfen nicht mehr als 350 Liter Laderaumvolumen erwarten, was doch etwas knauserig ist. Die Rücksitzbank ist zweiteilig umklappbar, sodass das Kofferraumvolumen auf 1105 Liter zunimmt. Längs verschieben lässt sich die Rückbank aber nicht, die Variabilität ist damit sehr rudimentär. Immerhin sind die Sitzlehnen in Griffnähe und lassen sich somit leicht auch vom Kofferraum aus umklappen. Mehr störten wir uns am nicht ganz flachen Kofferraumboden und vor allem an der vergleichsweise hohen Ladekante (78 cm). Aufgepasst also beim Stemmen schwerer Ladung: Der Hexenschuss ist vorprogrammiert!

Damit sind wir mit der Kritik leider noch nicht am Ende. Die Verarbeitung ist ganz ansehnlich, aber die Materialwahl lässt doch zu wünschen übrig. Harte Kunststoffe findet man auch im oberen Bereich des Armaturenbretts und in den Türen. Bei umgeklappten Rücksitzen fielen uns schlecht eingepasste Plastikblenden auf. Ein weiteres Detail: Beim Öffnen und Schliessen der vorderen Türen kratzen diese an den Isoliermatten in den Kotflügeln. Ausserdem bemängelten einige der Tester die Sitzposition, die ihnen unnatürlich erschien.

Eine Frage der Abstimmung

Der technische Aufbau ist bekannt. Der Mokka erhält den 1.2-Liter-Dreizylinder mit 96 kW (130 PS), wie man ihn unter anderem auch vom Peugeot 2008 her kennt. Das automatische Getriebe mit acht Stufen stammt ebenfalls aus dem Konzernregal. Das ist aber gut so, denn das Powerteam arbeitet effizient und äusserst harmonisch. Freunde der mechanischen Getriebe werden mit Erleichterung feststellen, dass auch eine Sechsgang-Handschaltung im Angebot ist. Für die 100-PS-Version und für den 1.5-Liter-Diesel mit 110 PS ist sie übrigens die einzige Wahl.

Anders als das hübsche Design vermochten die 130 PS in unserem Testwagen das Blut der Tester nicht gerade  in Wallung zu versetzen. Es fehlt dem Antrieb an Charakter – was aber natürlich nicht heisst, dass er nicht auch seine starken Seiten hat. Besonders gefallen hat uns der Dreizylinder im Stadtverkehr mit seinem sanften Lauf und einem geringen Laufgeräusch. Auch auf der Autobahn kann man mit seiner Drehwilligkeit und dem spontanen Antritt zufrieden sein. Das Getriebe hilft beim Überholen, wenn per Kick-down auch einmal vier Gänge heruntergeschaltet werden. Die Getriebesteuerung hält die Drehzahl im angenehmen Bereich um 2000 Umdrehungen, womit ein geschmeidiges Fahren gewährleistet ist. Das Power­team verdient sich also gute Noten, zumal es beim Verbrauch nicht über die Stränge schlägt. Auf der AR-Normrunde begnügte sich der Opel Mokka mit 4.4 l/100 km.

Mit Sportlichkeit hat der Mokka nicht viel am Hut. Die Opel-Techniker haben ihn eher auf Komfort abgestimmt und nur eine Prise Dynamik hinzugefügt. Das Fahrwerk steckt grobe Unebenheiten sehr gut weg, auch wenn es der Konzernbruder von Peugeot noch besser kann. Bei Kurvenfahrt hält sich die Seitenneigung der Karosserie in Grenzen. Für unseren Geschmack ist das deutsche SUV etwas zu straff gefedert, kurze Stösse dringen bis zu den Insassen durch. Die Entwickler konnten das Gewicht gegenüber dem Vorgänger um 120 Kilogramm verringern und die Steifigkeit der Struktur erhöhen, was einer besseren Handlichkeit zuträglich ist. Aber das Resultat passt nicht sonderlich gut zur Philosophie dieses Wagens, der zwar ein gutes Fahrverhalten bietet, dabei aber zu steif, gelegentlich sogar hart abrollt.

Guter Gegenwert

Unter dem Strich stellt der Mokka aber ein sehr attraktives Angebot dar, vor allem wegen seiner äusserst kompletten Ausstattung. Mit seinen Fahrhilfen wie dem adaptiven Tempomaten, dem Spurhalteassistenten und der Toter-Winkel-Warnung ist er ein angenehmer Begleiter auf langen Reisen. Die meisten elektronischen Helfer arbeiten gut und zuverlässig, nur die Verkehrszeichenerkennung hatte im Test gelegentlich Aussetzer. Aber das klappt bekanntlich auch bei der Konkurrenz nicht immer zuverlässig. Die grosszügige Serienausstattung umfasst sogar einige Posten, die im B-Segment noch selten zu finden sind: Kollisionswarnung mit Fussgängererkennung, einen automatischen Notbremsassistenten oder etwa die Matrix-LED-Scheinwerfer, bei Opel Intellilux genannt. Diese von der Oberklasse übernommene Technologie erlaubt es dem Fahrer, das Fernlicht permanent eingeschaltet zu lassen, denn die Steuerung verhindert das Blenden entgegenkommender Fahrzeuge. Der Mokka bietet natürlich auch gängige Komfort­eigenschaften wie beheizte Sitze, Induktionslademöglichkeit für das Smartphone und ähnliche Optionen.

Opel hält sich bei der Preispolitik bewusst zurück. Die Preise fangen bei 24 490 Franken an. Für dieses Geld bekommt man aber noch nicht alle Zückerli, die den Mokka zu einem attraktiven und modernen Auto machen (zum Beispiel 18-Zoll-Räder oder die Matrix-LED-Scheinwerfer). Mit seinem wettbewerbsfähigen Preis, einer breiten Auswahl an Motoren, dem markanten Design und ­einer umfassenden Ausstattung könnte der Mokka durchaus den Verkaufserfolg erreichen, den sich die Rüsselsheimer von ihm erhoffen.

Testergebnis

Gesamtnote 76.5/100

Antrieb

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Antriebsstrang des Mokka stammt aus dem Regal von PSA beziehungsweise Stellantis. Es fehlt ihm an Charakter, aber er läuft effizient.

Fahrwerk

Bewertung: 3.5 von 5.

Das Fahrwerk ist nicht sehr komortabel abgestimmt und wirkt stellenweise deutlich zu hart, was nicht mit dem wenig sportlichen Antrieb harmoniert.

Innenraum

Bewertung: 4 von 5.

Das Armaturenbrett ist aufgeräumt und beinahe minimalisitisch. Dass gewisse haptische Tasten erhalten bleiben, wird viele Kunden freuen. Die Materialien könnte stellenweise noch etwas hochwertiger sein.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Der Mokka ist nicht schlecht ausgestattet, was die Assistenzsysteme angeht. Die (aufpreispflichtigen) Matrix-LED-Scheinwerfer sind in diesem Segment nicht selbstverständlich.

Budget

Bewertung: 4 von 5.

Angesichts der umfangreichen Ausstattung bietet der neue Mokka viel fürs Geld. Und sein Dreizylindermotor ist nicht sehr spritdurstig.

Fazit 

Der Mokka hat fast alles, um zu gefallen. Sein moderner und attraktiver Stil hebt ihn von seinen Mitbewerbern ab. Darüber hinaus bietet er viel Technologie zu einem attraktiven Preis. Allerdings ist der Platz im Fond sehr knapp bemessen, und der Fahrkomfort könnte noch angenehmer ausfallen. Das B-Segment bekommt es aber mit einem vielversprechenden Newcomer zu tun.

Die technischen Daten und unsere Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.