Porsche Panamera 4S E-Hybrid und Turbo S: ungleiche Brüder

Der Porsche Panamera 4S E-Hybrid will Leistung und Umweltverträglichkeit vereinen. Auf der anderen Seite setzt der Turbo S nur auf Power.

Porsche Panamera 4S E-Hybrid Sport Turismo. Wer sich mit einem so monströsen Namen schmückt, muss unweigerlich  einiges zu bieten haben. Dröseln wir die Bedeutung auf: 4S bedeutet, dass es sich um die sportlichere Basisvariante handelt. E-Hybrid weist auf die Kombination von V6-Biturbo-Motor, einer 100 kW (136 PS) starken Elektromaschine und der Batterie mit 17.9 kWh Kapazität hin. Und ein Sport Turismo, was auch immer das heissen mag, ist im Grunde genommen ein Kombi. Auch wenn Porsche diese Bezeichnung überhaupt nicht gerne hört.

Geradezu zurückhaltend – wenn auch gefühlt das erste und einzige Mal – gibt sich der andere Panamera in dieser modellinternen Gegenüberstellung betreffend Namensgebung: Turbo S. Will heissen, dass es sich hierbei um die Limousine handelt, die mit der fossilen Topmotorisierung an den Start rollt. Mächtige 630 PS und 820 Nm Drehmoment schöpft die Maschine mit Hilfe zweier Turbolader aus acht Zylindern und vier Litern Hubraum.

Erst einmal ein Panamera

Doch bevor wir uns mit den Unterschieden der wahrlich ungleichen Brüder befassen, wollen wir ihre Gemeinsamkeiten besprechen. Denn schliesslich sind sie beide: ein Panamera. Dieser war ursprünglich das ungeliebte, hässliche Entlein im Porsche-Angebot, bis er in seiner zweiten Generation 2016 mit einem attraktiveren Design aufwarten konnte. Das behält er auch mit dem kürzlich erfolgten Facelift bei, wenn auch die optischen Veränderungen diskret ausgefallen sind.

Im Innern überzeugt der Oberklassevertreter mit einer vorbildlichen Verarbeitung und im Grossen und Ganzen auch mit seiner Materialwahl. An einigen verdeckten Stellen gibt es auch billiger wirkenderes Plastik, was auf das doch schon fortgeschrittene Alter des Panamera hindeutet. Unter dem Strich hält er aber gut mit den jüngeren Markenkonkurrenten mit. Einzig auf den Mitteltunnel müssen wir mit dem Finger hinweisen. Allerdings nicht zu nahe, denn die Klavierlack-Oberfläche zieht unschöne Fingerabdrücke beinahe magisch an. Je nach Lichteinfall sind die Symbole auf der Mittelkonsole unlesbar. Das ist der Ergonomie abträglich, zumal viele der Bedienungsfunktionen über die Berührungsoberflächen angesteuert werden müssen. Immerhin behielt Porsche einige physische Knöpfe für die Klimaanlage bei.

Der prominente Touchscreen des Infotainmentsystems mit einer Grösse von 12.3 Zoll überzeugt bei beiden Modellen mit schnellem Ansprechen und guter Auflösung, einzig das Ansteuern der Untermenüs verlangt einige Geduld. Weitere Bildschirme findet man im Cockpit, ohne dass Porsche aber auf den runden Drehzahlmesser verzichtet hätte. Die Tradition (und Ehre) muss nun mal aufrechterhalten werden, was in diesem Fall auch dem Panamera hervorragend bekommt. Ergänzt werden die Informationen durch ein vorzügliches, weil grosses und scharfes Head-up-Display.

Fahrhilfen mit Aussetzern

Ganz so viel Lob kann man für die elektronischen Fahrhilfen leider nicht aussprechen. Zwar sind die Assistenten – teils gegen hohe Aufpreise – üppig mit an Bord, sie verhalten sich in der Regel aber immer noch zu fehlerhaft. Die Kameras erfassen oft die falschen Verkehrsschilder, etwa die Geschwindigkeitsbeschränkungen für eine Ausfahrt, wenn man doch auf der Überholspur unterwegs ist. Die Folge ist ein scharfes Abbremsen, das für den nachfolgenden Verkehr gefährlich sein kann. Auch die Programme des Spurhalte­assistenten dürften einer gründlichen Revision unterzogen werden. Die elektronischen Heinzelmännchen haben grösste Mühe, den Porsche Panamera zwischen den weissen Linien zu halten, und pilotieren ihn wie einen Pingpongball von links nach rechts und wieder zurück. Andere können das, auch wenn Porsche anderes behauptet, beileibe besser.

Wenig zu bemängeln gibt es hingegen hinsichtlich des Komfortangebots. Es überrascht bei diesen Dimensionen – 5.05 Meter Länge und 2.95 Meter Radstand – kaum, dass die Raumverhältnisse auch auf der Rückbank fürstlich ausfallen. Mindestens 19 Zentimeter Platz für die Knie und 94 Zentimeter Kopffreiheit finden die Passagiere auf den Rücksitzen vor. Die Sitze sind beheizt, gekühlt und verfügen über eine Massagefunktion, nur hätten wir gerne auch noch einige elektrische Verstellungsmöglichkeiten gesehen (vor allem in der Länge). Vorne, bevorzugt hinter dem Sportlenkrad, findet man schnell die ideale, tiefe Sitzposition mit viel Bewegungsfreiheit für die Beine. Perfekt. Ein Detail hat uns aber fast zur Weissglut getrieben: Der Fahrersitz rückt für ein leichteres Ein- und Aussteigen automatisch nach hinten, fährt dann aber nicht in die ursprüngliche Position zurück. Hat man seine Lieblingseinstellungen per Memorytasten vorprogrammiert, ist das zwar schnell behoben. Trotzdem, ganz zu Ende gedacht wirkt das nicht.

Bestnote mit kleinen Abzügen

Womit wir bei den Unterschieden angelangt sind. Das Offensichtlichste zuerst: Die Kombikarosserie (wir sind unverbesserlich) sorgt für etwas mehr Gepäckraum. Das Ladevolumen beträgt 515 Liter, bei der Limousine sind es 467 Liter. Diese Werte beziehen sich auf die Verbrennerversionen, die unter dem Kofferraumboden verbaute Batterie der Hybridmodelle reduzieren die Ladekapazität um jeweils rund 100 Liter. Aber auch mit seinen 418 Litern schluckt der Porsche Panamera 4S Sport Turismo 4S E-Hybrid doch einen Satz Golfschläger und einige kleine Koffer. Die grössere Laderaumöffnung erleichtert das Verstauen sperriger Güter. Wer mehr Stauraum braucht, kann per Knopfdruck die Rücksitzlehnen umklappen und profitiert dann von rund 1300 Litern Ladevolumen.

Grösser als beim Kofferraum sind die Differenzen beim Fahrverhalten. Der Panamera Turbo S stürmt in nur 3.1 Sekunden von 0 auf 100 km/h und erreicht ­eine Höchstgeschwindigkeit von 315 km/h. Da kann der Panamera 4S E-Hybrid mit seiner Systemleistung von 560 PS nicht mithalten, die 3.7 Sekunden von null bis 100 und eine Spitze von 293 km/h sprechen dennoch für sich. Der Plug-in-Hybrid tut sich zudem mit der Eigenschaft hervor, 50 Kilometer weit und mit bis zu 140 km/h rein elektrisch fahren zu können. Der Dank gebührt dem E-Motor mit einer Leistung von 136 PS und der Batterie mit 17.9 kWh Kapazität. Der bullige Durchzug der Elektromaschine überbrückt im unteren Drehzahlbereich auf ideale Weise das Turboloch. Im oberen Drehzahlbereich übernimmt der kraftvolle Sechszylindermotor. Das Zusammenspiel ist zwar einigermassen linear und deshalb nie derart emotional wie beispielsweise im Turbo S, hat aber ­einen gewichtigen Vorteil: Trotz dieser Leistungskompetenz wirkt der 4S E-Hybrid zeitweilen gar sanft. Die Motoren und das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe arbeiten geschmeidig und harmonisch zusammen, Übergänge zwischen den Gängen oder Antriebsarten sind kaum wahrnehmbar. Während der Turbo S (630 PS, 820 Nm) stets auffordernd und nervös mit den Hufen scharrt, gibt sich der 4S E-Hybrid kultiviert, ohne dabei im Alltag spürbar langsamer unterwegs zu sein. Mit dem Pluspunkt, dass – vorausgesetzt, der Besitzer lädt pflichtbewusst – Staus, Innenstädte oder gar der gesamte Arbeitsweg sprit- und emissionsfrei bestritten werden können, während unter zehn Litern beim V8 im Turbo S kaum etwas geht.

Im Kurvengeschlängel nähern sich die zwei Panamera einander wieder an. Erstaunlich, wie leichtfüssig so grosse und schwere Geschütze fahren können. Die Lenkung dürfte etwas mehr Rückmeldung bieten, direkt und präzise ist sie aber. Beim Herausbeschleunigen aus den Kurven ist die Stabilität ein Gedicht. Selbst wenn man einen leichten Hüftschwung provoziert, ist dieses Übersteuern schnell eingefangen. Doch auch wenn der Porsche Panamera beim Kurvenräubern sehr talentiert ist, darf man keine Wunder erwarten. Der Bug taucht beim scharfen Bremsen stark ab. Auf welliger Fahrbahn kann sich die Vorderachse in schnellen Biegungen aufschaukeln. Von solchen Extremsituationen abgesehen, muss man dem Porsche Panamera Bestnoten verteilen. Er versteht es, den Komfort einer Toplimousine (Vorteil: E-Hybrid) mit den Fahrleistungen eines Sportwagens (Vorteil: Turbo S) zu vereinen.

Testergebnis Porsche Panamera Turbo S

Gesamtnote 85/100

Antrieb

Bewertung: 4.5 von 5.

Erstaunliche Leistung von Anfang bis Ende. Der Twinturbo-V8 verleiht dieser Limousine die Leistung eines echten Sportwagens.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Die Agilität ist in Anbetracht der Grösse des Autos aussergewöhnlich. Durch das hohe Gewicht wird der Vorderwagen manchmal überlastet.

Innenraum

Bewertung: 4 von 5.

Obwohl einige Kunststoffe das Alter des Panamera verraten, ist das Gesamtniveau sehr hoch. Der Innenraum ist auf allen Plätzen sehr geräumig. Das Kofferraumangebot könnte etwas grösser ausfallen.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Die Fahrhilfen sind zahlreich, aber bei diesem Preis dürfte man erwarten, dass sie auch tadellos funktionieren.

Budget

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Porsche Panamera Turbo S ist mit Preisen ab 232 800 Franken natürlich einer Elite vorbehalten. Schade trotzdem, dass die Liste der Optionen so lang ist.

Fazit 

Der doppelt aufgeladene V8 im Porsche Panamera Turbo S verleiht dieser Luxuslimousine eine nervtötende, aber berauschende Wildheit. Für den Preis einer Viertelmillion bietet der Panamera beinahe alles, was man sich zu wünschen vermag.


Testergebnis Porsche Panamera 4S E-Hybrid

Gesamtnote 80/100

Antrieb

Bewertung: 4 von 5.

Der V6 und der Elektromotor arbeiten harmonisch zusammen und beeindrucken mehr durch ihre Laufruhe als durch ihre Brutalität.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Schwerer als der Turbo S schafft es der 4S E-Hybrid, sich zu behaupten, wenn sich die Strasse anfängt zu winden.

Innenraum

Bewertung: 4 von 5.

Obwohl man den Kunststoffen teilweise das Alter ansieht, ist die Qualität insgesamt sehr hoch. Der Innenraum ist auf allen Plätzen sehr geräumig. Das Kofferraumvolumen ist begrenzt, selbst im Sport Turismo.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Die Fahrhilfen sind zahlreich, aber bei diesem Preis dürfte man auch erwarten, dass sie einwandfrei funktionieren. Das ist nicht immer der Fall.

Budget

Bewertung: 3.5 von 5.

Wenn man 200 000 Franken für ein Auto bezahlt, tritt der Treibstoffverbrauch in den Hintergrund. Dennoch ist es Balsam für das Gewissen, ab und an auch lokal emissionsfrei unterwegs zu sein.

Fazit 

Der Panamera 4S E-Hybrid Sport Turismo bietet alles: von beinahe geräuschloser Sänfte bis zu faszinierender Performance.Das Zusammenspiel zwischen den Motoren und dem Getriebe ist einwandfrei und verleiht dem Fahrer eine grosse Entspanntheit.

Die technischen Daten und unsere Testdaten zu diesen Modellen finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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