McLaren GT: entspannt schnell

Einem Sportwagen Reise- und ­Alltagstauglichkeit einzuhauchen ist keine ­leichte ­Sache. Der McLaren GT meistert diesen ­Spagat aber beeindruckend gut.

Es gibt Autos, bei denen klar ist, wo sie hingehören und was es an ihnen auszusetzen gibt. Und dann gibt es andere Autos, die schon so weit entwickelt und perfektioniert sind, dass es schwierig ist, Kritikpunkte zu finden. Budgetfahrzeuge gehören üblicherweise in die erste Kategorie, Supersportwagen in die zweite. Was aber, wenn das Auto die Einsteigervariante des Supersportwagens ist? Genau das ist nämlich der McLaren GT. Wie der Name schon deutlich macht, ist der McLaren GT ein Gran Turismo. Er soll also den Sportwagen mit Alltags- und Reisetauglichkeit verbinden. Und es stellt sich die Frage, ob er nicht zu sehr Sportwagen ist, um als GT durchgehen zu können.

Platz zum Reisen

Für den im Mai 2019 vorgestellten GT hat McLaren die bekannte Monocell-II-Architektur aus Karbonfaser vor allem im hinteren Bereich stark überarbeitet. Nicht zuletzt um Platz zu schaffen für einen einigermassen nutzbaren Kofferraum hinter den zwei Sitzen. So soll der GT seinem Namen gerecht werden und «continent-crossing capabilities» bieten, also die Möglichkeit, mit dem Auto auch einmal zu reisen. Die riesige Heckklappe öffnet und schliesst auf Knopfdruck, darunter liegen 420 Liter Kofferraum. Genügend Platz für Weekender und Golfbag. McLaren spricht sogar davon, dass zwei Paar Ski Platz finden sollen.

Opfer des Kofferraumes sind die obenliegenden Endrohre geworden. Da sich der Heckdeckel bis kurz vor den Spoiler streckt, mussten diese nach unten in die Schürze wandern.

Geblieben ist das Herzstück: der Vierliter-V8 mit Biturbolader, der unter dem Kofferraum liegt. Im GT leistet der 456 kW (620 PS) und 630 Nm. Und wie es sich bei McLaren gehört, braucht das Aggregat ordentlich Drehzahl, bis etwas geht. Das maximale Drehmoment liegt zwischen 5500 und 6500 U/min an, die maximale Leistung erst bei 7500 U/min. Darunter braucht es Geduld. Bei ­einem Auto, das in 3.2 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt, von langsam zu reden, mag absurd klingen. Gefühlt dauert es aber doch relativ lange, bis der Antrieb wirklich Schub liefert.

Und dann ist da noch der Klang. Dieser kann einfach nicht mit den Grossen mithalten. Der ganze Abgastrakt ist mit Sicherheit wie alles bei McLaren von vorne bis hinten kompromisslos auf Effizienz getrimmt – aber der Sound fehlt. Klar, ein Auto muss heute keinen Lärm mehr machen, um gut zu sein, aber Klang vermittelt eben auch Emotionen.

Federleicht

Das Innere der Monocell-Struktur bietet eine von störenden Einflüssen befreite Kapsel. Geräusche dringen kaum hinein, die Schalensitze sind komfortabel, die Ablenkung ist minimiert. Vielleicht macht ihn gerade das zum Gran Turismo. Dass er nicht immer der Lauteste und Härteste sein muss, sondern sich auch sehr entspannt, sehr schnell fahren lässt, ohne dass er aufdringlich wird. Und dass er sich stundenlang von einer Kurve in die nächsten werfen lässt, ohne dass es irgendwann zu viel werden würde – weder für den Fahrer noch für das Auto. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe unterschtreicht diese Spreizung, wechselt die Gänge sanft, blitzschnell und präzise. Auf Wunsch kann er die Gänge aber auch reinhauen, seine Brutalität beweisen und das Drehmoment über die mächtigen Pirelli-Walzen in den Asphalt brennen.

Damit die Alltagstauglichkeit verbessert wird, hat McLaren die Aufhängug überarbeitet und mit weicheren Federn versehen. Die Dämpfer sind wie gewohnt adaptiv. Trotz der Komfortverstärkung wird er seine sportlichen Gene nicht ganz los, was ein Stück weit den GT-Charakter kompromittiert. Die Fahrwerksabstimmung ist auf der harten Seite, und auf der bergigen Teststrecke zeigte sich ­eine grosse Verbundenheit zur Strasse. Mit einem Gewicht von 1530 Kilogramm gehört der McLaren GT zu den leichtesten Gran Turismo, und mit entsprechender Leichtigkeit lässt er sich um die Kurven dirigieren.

Aber für die Fahrt von Woking (GB) nach Courchevel (F) mit Ski im Kofferraum wäre eine stärker komfortorientierte Abstimmung auch nicht falsch gewesen – und hätte die «continent-crossing capabilities» bestimmt unterstreichen können. Und doch ist der McLaren vielleicht der beste Gran Turismo. Er ist alltagstauglich, wunderschön und teuer. Mindestens 198 000 Euro kostet der kleine McLaren, und die Optionenliste ist schier endlos. Das nötige Budget vorausgesetzt.

Die technischen Daten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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