Hyundai Bayon: eigenwilliger Spross

Hyundai hat noch einen Platz in seinem SUV-Angebot entdeckt und füllt ihn mit dem Bayon. Technisch ­basiert er auf dem i20, optisch geht er seinen eigenen Weg.

Etwas verwirrend ist es schon. In der automobilen Neuzeit werden die Modelle von einer einheitlichen Designsprache geprägt, die sich durch alle Baureihen zieht; eine Markenidentität, die man schon von Weitem erkennt. Und dann kommt Hyundai und macht alles anders. Nicht, dass die Koreaner in den letzten Jahren keine spezifische Designphilosophie gehabt hätten. Doch die neusten Modellreihen unterscheiden sich deutlich, um nicht zu sagen krass voneinander.

Da ist etwa der Ioniq 5, der in seiner futuristischen Formgebung einen ganz eigenen Look trägt. Gut, werden Sie sagen, Ioniq ist schliesslich eine neue Submarke von Hyundai, das eigene Design ist damit gerechtfertigt. Einverstanden. Das erklärt aber nicht die Gestaltung des neuen Staria: Der Van wirkt ebenfalls wie aus einem Science-Fiction-Film, gleicht dem Ioniq 5 aber nicht einmal entfernt und hat auch mit dem übrigen Hyundai-Design so rein gar nichts am Hut. Dann gibt es da den neuen Tucson, der mit dreieckigen Leuchtelementen im Kühlergrill wieder eine komplett neue Richtung einschlägt. Und nun folgt mit dem Bayon der nächste Querschläger: Der kleine Crossover passt mit seinem eigenwilligen Heck ebenfalls überhaupt nicht ins Familienalbum.

Für den Hersteller indes scheint das alles schlüssig zu sein. «Mit seinem scharfen Look und der Integration der typischen Schlüsselelemente eines Hyundai-SUV festigt der Bayon unsere SUV-Designrichtung», ist sich Chefdesigner Luc Donckerwolke sicher. «Wir sind überzeugt, dass sein einzigartiges und selbstbewusstes Design mit den klaren Linien und der pfeilförmigen Lichtsignatur eine hervorragende Basis für das florierende europäische SUV-B-Segment bietet.» Nun ist das Streiten über Design natürlich müssig – entscheiden Sie also selbst, ob Ihnen der Bayon gefällt. Wir empfinden das gezackte Heck mit den ebenfalls gezackten Rückleuchten (Hyundai nennt sie pfeilförmig), die mit einer LED-Leiste miteinander verbunden sind, als unharmonisch, es passt so gar nicht zur schnittigen Frontpartie.

Fast gleich gross wie der Kona

Und noch etwas ist verwirrend: Der neue Bayon ist nur 2.5 Zentimeter kürzer als der etablierte Kona. Hyundai war also im B-Segment bereits gut vertreten und hat zusammen mit Tucson, Santa Fe und dem wasserstoffgetriebenen Nexo ein umfangreiches SUV-Portfolio. Wieso die Koreaner dem Kona nun den Bayon zur Seite gestellt haben, ist auf den ersten Blick unklar. Aus wirtschaftlicher Sicht lässt es sich aber wohl rechtfertigen: Auf einer bestehenden Basis eine weitere Karosserievariante aufzubauen, ist vergleichsweise kostengünstig, sorgt für zusätzliches Volumen und könnte neue Kundschaft zur Marke locken.

Der Bayon gibt also zu reden – technisch sorgt er hingegen kaum für Gesprächsstoff. Als Crossover-Variante des Kleinwagens i20 übernimmt er auch dessen Technik, und die ist hinlänglich bekannt. Für Vortrieb sorgt ein Ein­liter-Dreizylinder-Turbobenziner, der mit 74 kW (100 PS) oder, als 48-Volt-Mildhybrid, mit 88 kW (120 PS) sowie mit manueller Sechsgang-Schaltung oder mit Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (DCT) angeboten wird. Wir fuhren die stärkere Mildhybridvariante mit DCT.

Wer schon einmal im aktuellen i20 sass, wird sich im Bayon sofort zurechtfinden, tatsächlich unterscheiden sich die Innenräume der beiden kaum voneinander. Wie im i20 fällt auch im Bayon der grosszügige Einsatz von Hartplastik auf, etwa an der Tür-Innenseite oder an der Mittelkonsole, der wegen seiner geriffelten Struktur sogar noch stärker auffällt als er eigentlich müsste. Seis drum, im B-Segment ist das verzeihbar, sofern der Preis stimmt und der Rest des Interieurs ansprechend und solide ist – und das erfüllt Hyundai in beiden Modellen. Überhaupt zählen heute ja in erster Linie die digitalen Möglichkeiten, und in dieser Beziehung lässt sich der Bayon nicht lumpen: Das Cockpit ist komplett digital mit einem 10.25-­Zoll-­Bildschirm hinter dem Lenkrad sowie einem Acht-Zoll-Touchscreen für das Infotainmentsystem, welches kabellos mit Android Auto und Apple Car Play vernetzbar ist (optional). Damit die portablen Geräte auch geladen werden können, gibt es vorne zwei USB-Anschlüsse sowie ­eine induktive Lademulde, hinten müssen sich die Passagiere um den einen USB-Anschluss streiten.

Apropos Rückbank: Hier ist das Platzangebot deutlich luftiger als im i20, auf dem der Bayon technisch basiert. Man sitzt bequem mit ausreichend Raum für Beine, Knie, Schultern und, sofern man nicht aussergewöhnlich gross gewachsen ist, auch für den Kopf. Kleine Kinder sehen indes kaum über die hohe Fensterlinie und müssen deshalb mit Chasperlitheater via Bose-Soundsystem bei Laune gehalten werden. Erwachsene können hingegen problemlos die Aussicht geniessen, was sich auch empfiehlt, denn optisch geht es im Fond ziemlich trist zu und her.

Der Antriebsstrang, den wir bereits aus dem i20 kennen, bedarf nicht vieler Worte. Der Drei­zylinder werkelt munter, klingt unter Last nach Rasenmäher und beschleunigt ordentlich und elastisch genug. Wir notierten einen Schnitt von sechs Litern auf 100 Kilometern – das kann sich sehen lassen. Das Doppelkupplungsgetriebe verrichtet seinen Dienst so dezent im Hintergrund, dass man es kaum wahrnimmt.

Vorbildliche Sicherheitsausstattung

Ein dickes Lob verdient der kleine Crossover für seine vorbildliche Sicherheitsausstattung, da kann sich der Bayon auch mit hochpreisigen Mittelklassemodellen messen lassen. Unter dem Begriff Smart Sense zusammengefasst finden sich ein Spurhalte- und -folgeassistent samt adaptivem Tempomaten, der sich auch am Kartenmaterial des Navigationssystems orientiert, ein automatisches Notbremssystem mit Frontkollisionswarner mit Fussgänger- und Velofahrererkennung samt Abbiegefunktion, ein Querverkehrswarner hinten mit aktivem Bremseingriff im Fall einer drohenden Kollision sowie eine ganze Reihe an üblichen Helfern wie automatischem Fernlicht, Aufmerksamkeitsassistent, Warnung vor Fahrzeugen im toten Winkel, Parksensoren und dergleichen mehr.

Nicht immer zuverlässig funktioniert hat der Spurfolgeassistent: Während das System oft die Fahrspur erkannte und ihr ruckelfrei folgen konnte, machte es zwischendurch auch einmal Pause und erkannte selbst dicke Autobahnmarkierungen nicht. So fehlt einem das Vertrauen in ein System, was dieses letztlich überflüssig macht, weil nicht mehr davon Gebrauch gemacht wird.

Bei der Namensgebung hat sich Hyundai übrigens, wie schon bei den anderen SUV-Modellen Tucson und Santa Fe auch, durch eine Stadt  inspirieren lassen (dass der Nexo diesbezüglich aus dem Rahmen fällt, ist hier nur eine Randnotiz). Der Name Bayon ist von der südwestfranzösischen Stadt Bayonne bei Biarritz an der Atlantikküste abgeleitet. Eine so lange Strecke sind wir mit dem kleinen SUV zwar nicht am Stück gefahren, es wäre aber problemlos möglich, denn der kleine Hyundai ist durchaus ein kommoder Begleiter. Böse Zungen könnten sogar behaupten: In diesem Auto sitzt man gerne drin – weil man es dann nicht von aussen sehen muss. Nun denn.

Testergebnis

Gesamtnote 76.5/100

Antrieb

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Dreizylinder reicht fürs Mitschwimmen im Verkehr völlig aus. Bergauf und beim Überholen stösst der kleine Turbobenziner aber an seine Grenzen. Das Doppelkupplungsgetriebe verrichtet seinen Job unauffällig.

Fahrwerk

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Bayon ist gutmütig untersteuernd ausgelegt, wie man es in diesem Segment erwartet. Der Federungskomfort ist absolut langstreckentauglich, ein gewisses Rumpeln muss man in dieser Klasse in Kauf nehmen.

Innenraum

Bewertung: 4 von 5.

Die schwarze Hartplastiklandschaft im Cockpit ist nichts für haptik­vernarrte Ästheten, die Verarbeitung erscheint hingegen solide. Im Fond herrscht optische Tristesse bei angenehmen Platzverhältnissen.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Die lange Liste der Assistenzsysteme zeigt es: Punkto Sicherheit kann man dem Koreaner nichts vorwerfen. Aber die Rundumsicht könnte besser sein.

Budget

Bewertung: 4 von 5.

Billig ist der Bayon nicht, preiswert aber auf jeden Fall.

Fazit 

Der Bayon ist die SUV-Variante des i20, bietet entsprechend die gleiche Technik bei einem besseren Raumangebot. Allerdings steht mit dem nur 2.5 Zentimeter längeren Kona bereits ein SUV des gleichen Segments in der Palette, der mit einem umfangreichen Antriebsangebot bis hin zur Elektrovariante das spannendere Modell ist. Mit seinem Design polarisiert der Bayon – für viele dürfte genau das der Kaufgrund sein.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.