Dritte Absage – Autosalon vor dem Ende?

Der Autosalon Genf findet auch 2022 nicht statt. Die ­Organisatoren ­versprechen nach der jüngsten Absage zwar eine Rückkehr für 2023, aber ob die Autoshow dann ­tatsächlich stattfinden wird, steht in den Sternen.

Die Verlängerung der Anmeldefrist war schon ein Vorbote. Der ursprüngliche Termin von Mitte Juli wurde erst auf Mitte August und schliesslich auf Mitte September verschoben. Die Organisatoren des Autosalons Genf hegten die Hoffnung, noch die letzten unentschlossenen Automarken zu überzeugen, im Februar 2022 Präsenz zu zeigen an der Geneva International Motor Show (GIMS). Passiert ist das Gegenteil. «Vor zwei Wochen hatten wir noch 60 Aussteller mit 30 000 Quadratmetern belegter Ausstellungsfläche. Wir gingen davon aus, dass die Repräsentativität der Marken korrekt war», sagt Sandro Mesquita, Direktor des GIMS.

Leider erfolgte vonseiten der Unentschlossenen keine Bestätigung, sondern die Entscheidung, auf die GIMS 2022 zu verzichten. Diese Absagen stellten die Organisatoren vor ein Dilemma, wie Sandro Mesquita erklärt: «Es bestand das Risiko, einen Salon mit unzureichender Qualität für die angemeldeten Marken und die Besucher auszurichten.» François Launaz, Präsident von Auto-­Schweiz und Vizepräsident der ausrichtenden GIMS-Stiftung, behauptet sogar, dass in Anbetracht einer so geringen Teilnehmerzahl die GIMS 2022 «von der Presse kritisiert worden wäre». Anstatt also einen schlechten Salon ausrichten zu müssen, zog man es vor, die Veranstaltung 2022 auszulassen und 2023 mit einem «schlagkräftigeren» Event zurückzukehren. «Wenn die Aussteller nicht kommen wollen, dann wollen sie nicht. Das muss man akzeptieren», so Launaz’ lakonische Kommentar.

Laut unseren Informationen hatten nur die Marken des Volkswagen-Konzerns, Renault und einige Kleinhersteller die Absicht, 2022 nach Genf zu kommen. Dino Graf, Leiter Kommunikation bei der Amag-Gruppe, bedauert die Entscheidung: «Vor zwei Wochen waren die Zeichen noch positiv. Aber Genf lebt von seiner internationalen Ausrichtung, mehr noch als München oder Paris. Es bestand das konkrete Risiko, einen Event mit geschlossener Gesellschaft auszurichten.»

Territorialkampf

Die Organisatoren sehen die Ursache für das reihenweise Fernbleiben in einer immer noch nicht beherrschten Pandemie und im Mangel an Halbleiterbauteilen als indirekte Konsequenz von Covid-19. «Dieser Mangel führte zu einer Verspätung bei der Entwicklung neuer Modelle, und wenn die Marken keine Neuheiten vorzustellen haben, dann kommen sie nicht an unseren Salon», erklärt Sandro Mesquita die Absagen der Marken.

Die IAA München verzeichnete Anfang September unter vergleichbaren Voraussetzungen allerdings 400 000 Besucher. Wie kam es, dass die deutsche Ausstellung stattfand? «In München hat BMW ein Heimspiel. Die anderen deutschen Marken haben mitgezogen», meint Launaz. «Die deutschen Hersteller haben viel Geld investiert, damit die IAA auch stattfindet.» Und Mesquita fügt hinzu: «Die GIMS muss arbeiten, damit die Marken auch kommen. Die IAA wird immer von den grossen deutschen Marken gestützt werden.» Zum Nachteil für die GIMS hat der italiensch-französisch-amerikanische Konzern Stellantis, der der IAA fernblieb, beschlossen, die Mondial Paris zu seinem Territorium zu erklären, anstatt nach Genf zu kommen. Somit wendete sich die berühmte Neutralität des Genfer Salons – lange Zeit eine Stärke dieser Veranstaltung – diesmal gegen ihn.

Keine Reaktion auf die Absage 2020

Für die Veranstalter hat der Albtraum der Absage von 2020 mit dem Fernbleiben der Hersteller für 2022 nichts zu tun. Die grossen Automobilmarken hatten damals Millionen Franken aufgrund der kurzfristigen Absage durch den Bundesrat verloren. «Wir haben den Ausstellern von 2020 eine Reduktion von 50 Prozent auf den Mietpreis der Ausstellungsfläche angeboten. Diese Geste wurde von den Marken positiv aufgenommen.» Hinter den Kulissen gaben sich jedoch einige Hersteller in Anbetracht der extrem hohen verlorenen Summen nicht zufrieden mit der angebotenen Lösung. «Wenn einige Marken nicht mit der angebotenen Lösung zufrieden sind, dann bin ich immer zu Gesprächen bereit», so die eindringlichen Worte von Sandro Mesquita. Launaz erinnert seinerseits daran, dass «die Verträge sehr eindeutig waren», die Aussteller hätten keinen Anspruch auf Entschädigung: «Unsere Geste war kulant und wurde von einigen Marken eher als grosszügig betrachtet. Für andere war es wahrscheinlich nicht genug.»

Verstimmte Parteien

Die plötzliche Absage der GIMS 2020 war auch der Beginn der Störungen in der Beziehungen zwischen der ausrichtenden Stiftung des Salons und Palexpo, der Eigentümerin der berühmten Genfer Messehallen. Der Disput endete vor den Gerichten, bevor beide Parteien den Dialog wieder aufnahmen, um gemeinsam die Veranstaltung 2022 vorzubereiten. Jetzt besteht die Befürchtung, dass die erneute Absage zu einer weiteren Verstimmung zwischen beiden Parteien führt. «Ich bin mir der Tragweite dieser Absage für Palexpo bewusst und bedauere diese natürlich sehr», gibt Sandro Mesquita zu. Die Verantwortlichen der Genfer Messehallen wollten sich nicht zu unseren Fragen äussern und antworteten lediglich mit einer nüchternen Mitteilung: «Die anderen langjährigen Kunden von Palexpo SA sind seit dem Wiederbeginn der Aktivitäten im August 2021 erneut dabei. Auch wenn die geplanten Ausstellungen (…), was Anzahl Aussteller und Besucher angeht, wahrscheinlich kleiner sein werden, so sind sie wieder präsent und unterstreichen ihre Bedeutung auf einem beeinträchtigten Markt.» Dabei spielt Palexpo auf die Uhrenmesse Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) an, die Ende März 2022 unter dem Namen «Watches and Wonders» wieder stattfinden soll. Doch GIMS-Direktor Sandro Mesquita glaubt trotz dieses erneuten Rückschlags an eine Versöhnung: «Palexpo wird immer in unsere Überlegungen für zukünftige Projekte integriert. Wir sitzen im selben Boot.»

Aber die Zukunft des Genfer Automobilsalons ist so ungewiss wie noch nie. «Wenn eine Austragung abgesagt wird, ist das kompliziert. Eine zweite Absage ist schwerwiegend, und die dritte ist ganz einfach enorm!», beschreibt Ivan Slatkine, Präsident des Verbands der Westschweizer Unternehmen (FER). Ist das Risiko, dass die Geneva International Motor Show nach drei aufeinanderfolgenden Absagen ganz einfach verschwindet, nicht zu gross? «Wir sind uns des Risikos bewusst, dass der Salon verschwindet», gibt François Launaz zu. Auch Sandro Mesquita hat keine beruhigenden Worte: «Ja, es besteht das Risiko, dass der Salon stirbt. Aus diesem Grund habe ich alle unsere Kräfte darauf konzentriert, dass der Salon 2023 wieder stattfindet. Aber eine schlechte Veranstaltung des Automobilsalons hätte langfristig einen grossen Schaden verursacht.» Ivan Slatkine hat dennoch keine Zweifel, dass «der Genfer Salon, so wie wir ihn kannten, gestorben ist».

Fokus auf dem Automobil behalten

Für Slatkine als Chef eines Verlagshauses muss der Ansatz der Überlegungen breiter sein: «Im Verlagswesen stellen wir uns auch die Frage, ob solche Grossveranstaltungen noch Sinn machen. Die Automobilsalons können allerdings in einer neuen Form wiederkehren. Die Organisatoren müssen sich neu erfinden.» Sandro Mesquita blickt trotz der sehr heiklen Lage positiv in die Zukunft: «Heute wird nicht das Konzept des exklusiven Automobilsalons hinterfragt. Es ist vielmehr ein Konjunkturproblem.» Der Veranstaltungsdirektor arbeitet bereits an einer neuen Formel für 2023: «Wir müssen uns noch mehr in Richtung Business to Business bewegen, mit weniger Publikumstagen und mehr Tagen für die Presse und Fachbesucher.» Mesquita hält allerdings nichts von einer Neupositionierung des Salons in Richtung allgemeiner Mobilität wie dies die IAA Mobility in München vollzogen hat: «Der Fokus auf dem Automobil ist unserer Meinung nach richtig. Wir müssen nicht unsere Positionierung, sondern unser Format ändern.» Der Direktor denkt dabei an eine Diskussionsplattform, wo jeder Leader der Automobilbranche «seine Visionen» zum Thema Auto von morgen vorstellen könne. «Die Automobilbranche braucht Plattformen wie den Genfer Salon, um sich Gehör zu verschaffen. Der Sektor hat seine Führungsrolle eingebüsst, die Agenda wird mittlerweile von der Politik bestimmt. Heute muss die Automobilbranche mit einer Stimme sprechen.»

Die Mitarbeiter von Sandro Mesquita legen ihre Hände aber nicht bis 2023 in den Schoss, sondern bereiten schon für 2022 einen anderen Event zum Thema Automobil vor. «Es ist noch verfrüht, Einzelheiten zu verraten, aber diese Veranstaltung wäre eine Initiative mit dem Ziel, das Auto und die gesamte Diskussion zu diesem Thema in der Schweiz voranzubringen», gibt Sandro Mesquita einen Ausblick. Eine Art Überbrückung bis ins Jahr 2023 also – mit der Hoffnung, dass der Salon bis dahin wieder auferstehen kann.

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