Eine graue Angelegenheit

Drei Viertel der Autos in der Schweiz sind grau, schwarz oder weiss. Auch global betrachtet, sieht die Welt des Autos nicht viel bunter aus.

Wie bunt ist die Automobilindustrie? Eigentlich überhaupt nicht. In der Schweiz und weltweit sind drei von vier Autos grau (einschliesslich silberfarben), schwarz oder weiss. Rot, die erste leuchtende Farbe in der Klassierung, liegt bloss auf dem fünften Platz der meistverkauften Autos in der Schweiz und in Europa. Daher erstaunt es nicht, dass die Farbpalette bei einigen Herstellern eher an «50 Shades of Grey» als an den Karneval von Rio erinnert.

Der Grund für diese Zurückhaltung – oder vielmehr Trostlosigkeit – lässt sich leicht erklären. «Die Menschen in der Schweiz wollen keine zu auffälligen Farben, sondern eine Farbe, die sich leicht wiederverkaufen lässt», sagt René Mitteregger, Produktmanager von Auto-i-Dat. Auch der Wert eines Occasionsfahrzeugs unterliegt dem universellen Prinzip von Angebot und Nachfrage, es ist viel einfacher, einen grauen Škoda Octavia zu verkaufen als einen orangen Mercedes S-Klasse. Und die Auswirkungen einer zu ungewöhnlichen Farbe auf den Wiederverkaufswert sind gemäss Auto-i-Dat auch alles andere als rosig: Es ist mit einem Verlust von 25 bis 50 Prozent im Vergleich zu einer konservativen Farbe zu rechnen. Um den Schaden in Grenzen zu halten, muss man geduldig auf den richtigen Käufer warten. «Wer nicht zu viel Geld verlieren will, muss einen Kunden finden, der genau diese Farbe sucht», erklärt René Mitteregger.

Bunte Kleinwagen

Welche Farben garantieren denn einen besseren Wiederverkaufswert, wenn man nicht zu viel Zeit mit der Suche nach einem passenden Käufer verlieren möchte? Unvergängliche Farben wie Grau, Schwarz und Weiss sind eine sichere Sache. Doch Vorsicht: Der Fahrzeugtyp kann die Voraussetzungen ändern. «Marken wie Ferrari zum Beispiel sind deutlich beliebter in Rot als in Grau», erklärt René Mitteregger. Gemäss den Zahlen des deutschen Lackherstellers PPG sind bunte Farben in Europa vor allem bei Kleinwagen und SUV zu finden: acht Prozent in der Farbe Rot, zwei Prozent in Orange und ein Prozent in Gelb.

In der Mittelklasse, also beispielsweise bei ­einem 3er BMW, kommt Rot auf gerade einmal zwei Prozent. In der oberen Mittelklasse (5er BMW) wird es noch trister. Hier sind Rot, Orange und Gelb so gut wie nicht vorhanden. Es dominieren alle Variationen von Schwarz und Grau, die ungefähr 65 Prozent aller verkauften Limousinen in Europa ausmachen. Doch trotz der Tendenz zu dunklen Farben bedeuten bunte Farben nicht unbedingt ein finanzielles Desaster beim Wiederverkauf. «Man kann zum Beispiel einen Audi RS6 in Gelb kaufen, ohne beim Wiederverkauf zu sehr dafür büssen zu müssen, denn es handelt sich um einen Sportwagen. Für einen normalen A6 in dieser Farbe wäre es hingegen sehr schwierig, einen Käufer zu finden», so René Mitteregger. Allen, die ihren Mercedes E-Klasse aber unbedingt als gelben Kanarienvogel möchten, empfiehlt der Experte von Auto-i-Dat, das Fahrzeug mit Klebefolien zu bestücken (Wrapping) und diese dann vor dem Wiederverkauf zu entfernen. «Das bietet ausserdem den Vorteil, dass die Originalfarbe geschützt wird. Bei teuren Fahrzeugen macht diese Technik sicherlich Sinn», fügt René Mitteregger hinzu. So ein Wrapping kostet je nach Fahrzeuggrösse zwischen 2500 und 4500 Franken.

Der Fall der Grünen

Während die Farben Grau, Schwarz und Weiss seit Jahrzehnten zu den zeitlosen Klassikern gehören, haben andere Farben erst glorreiche Zeiten erlebt und sind dann in Vergessenheit geraten. Das ist insbesondere bei der Farbe Grün der Fall, die von den 1970er- bis in die 2000er-Jahre 15 bis 20 Prozent der Fahrzeuge zierte. Heute macht dieser Farbton gemäss PPG nur noch ein Prozent des Marktes aus, bei den Sportwagen sind es immerhin drei Prozent. Andere einst marginale Farben erleben hingegen aktuell ihre besten Zeiten. «Orange galt vor einigen Jahren noch als Nischenfarbe. Heute ist es eine der Grundfarben und in den Farbpaletten der meisten Hersteller fest integriert», verrät Reiner Müller-Körber, Leiter für Farbtonentwicklung von PPG Europe.

Und welche Farben wird die Zukunft haben? Der Experte von PPG zeigt uns ein paar Trends. «In unserer Branche dauert es zwei bis drei Jahre von der Idee bis zur Marktlancierung. Wir arbeiten aktuell an neuen Blautönen, die 2025 auf den Markt kommen werden.» Grün wird ein Comeback erleben und die Farbe Rot ihre Präsenz verstärken. Doch auch deutlich exotischere Farben dürften in Zukunft vermehrt aufkommen. «Wir stellen fest, dass die Farbe Altrosa wieder in Mode kommt. Diese wirkt mehr Grau als bunt und wird eher technisch interpretiert», erklärt Reiner Müller-­Körber. Diese Farben sind wieder im Trend, wie wir auch in anderen Lebensbereichen, wie dem Interior Design oder bei den Videospielen sehen.»

Gleichwohl gibt sich der Experte vorsichtig, was die Akzeptanz dieser mutigen Farbe betrifft. «Was Farben angeht, ist der Automarkt ein eher konservativer Bereich. Es bedarf grosser Überzeugungskraft um aussergewöhnliche Farben im Automobilbereich zu etablieren, da die Farbe stets auch das Markenimage unterstreichen muss. Aus diesem Grund wird die Farbe auch immer vom Topmanagement abgesegnet», erklärt der Spezialist von PPG.

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