VW Polo: Das Salz in der Suppe

Spätestens mit dem Facelift der sechsten Generation ist der Volkswagen Polo fast schon der bessere, wenn auch ­etwas zu heiss gewaschene Golf. Es fehlt einzig eine Prise Salz.

Mit dem Auto verhält es sich wie mit dem Kochen. Da können die feinsten Zutaten verwendet und alles perfekt angerichtet werden, wenn die entscheidende Prise Salz fehlt, dann schmeckt das Gericht am Ende nur halb so gut. Genau so ist es beim aufgefrischten VW Polo. Optisch wie auch, was die Zutaten betrifft, stimmt zwar alles, aber es fehlt dann eben doch etwas die Würze. Oder anders: Der Polo macht zwar kaum etwas falsch, der Funke springt aber nur bedingt über. Das Schlussfazit hängt zudem stark vom jeweiligen Einsatzgebiet ab. So viel sei gesagt: Wer ein kleines bis mittelgrosses Auto sucht, das mit bewährter Konzerntechnik im Alltag absolut souverän agiert, macht mit dem Polo nichts falsch. Ausser dass er dafür vielleicht etwas gar tief in die Tasche greifen muss. Feinschmecker werden mit dem Wolfsburger allerdings nur bedingt glücklich.

Das trifft zumindest für die hier getestete Einliter-Variante zu – beim Zweiliter-Vierzylinder mit 152 kW (207 PS) im GTI dürfte die Ausganglange schon wieder eine ganz andere sein. Mit 81 kW (110 PS), die der Dreizylinder entwickelt, kommt der Polo zwar locker vorwärts, wirklich dynamisch wird es dabei allerdings nie. Zudem vibriert der Motor im Stand und bei niedrigen Drehzahlen trotz Ausgleichswelle doch etwas stark, was selbst für einen Dreizylinder nicht optimal ist. Die Drehmomentkurve wiederum, auch wenn es maximal nur 200 Nm sind, geht in Ordnung und sorgt dafür, dass man in der Stadt geschmeidig mitschwimmt und auch auf der Autobahn keinesfalls Gefahr läuft, zu verhungern. Zumal die Abstimmung zwischen Motor und Getriebe, wie beim VW-Konzern üblich, butterweich gelungen ist. Das serienmässige Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe verrichtet seinen Dienst unaufgeregt und akkurat.

Dasselbe gilt für das Fahrwerk, das – wie beim Golf – bei den schwächeren Versionen hinten mit einer kostengünstigeren Verbundlenkerachse ausgerüstet ist. Auch hintere Scheibenbremsen gibt es übrigens erst ab der 110-PS-Variante, ansonsten verzögern Trommelbremsen. Schlecht muss das nicht sein, bei artgerechter Bewegung spürt man als Fahrer davon herzlich wenig. Der allgemeine Komfort ist gut, das Chassis reagiert angenehm auf Bodenwellen. Die Federung hat seine Stärken folgerichtig vor allem bei niedrigen Geschwindigkeiten, obwohl der Polo in der R-Line mit einem Sportfahrwerk inklusive einer Tieferlegung von 15 Millimetern daherkommt. Wirklich sportlich wird es allerdings trotz elektronischer Differenzialsperre und verschiedener Fahrmodi auch damit nicht. 

Das Aufregendste am Polo, das müssen wir dann schon sagen, ist vor allem in der R-Line sein Äusseres. Da besteht zumindest von Weitem durchaus Verwechslungsgefahr, so selbstbewusst wie VW das R-Logo platziert. Wenn dann in der Nacht noch das durchgezogene Leuchtband die Dunkelheit durchbricht und das weit aufgerissene Maul zu erahnen ist, macht das durchaus Eindruck im Rückspiegel. Nur eben: Heute ist längst nicht mehr überall R drin, wo R draufsteht. Und so wissen wir nicht ganz, ob das nun genau die richtige Schärfe für die etwas fade Hardware ist. Oder ob die Würze doch übertrieben ist, weil allgemein die Substanz fehlt. Fest steht: Das Auge isst mit, und dafür hat das Facelift der sechsten Generation vor allem an der Front zugelegt. Während das Profil und das Heck bis auf eine neue Lichtsignatur grösstenteils unangetastet blieben, markiert das neue Gesicht wie erwähnt mehr Präsenz. Und das nicht nur als Mini-R. Die optionalen IQ-Light-­LED-­Matrix-Scheinwerfer werden von jeweils zwei LED-Streifen eingerahmt. Die konturierte Motorhaube reicht weit nach unten. Der neu designte Stossfänger betont die Breite.

Währschafte Kost

Dabei sind zumindest die Aussenabmessungen kaum gewachsen. Das Ladevolumen bleibt unverändert bei 351 Litern, mit abgeklappter Rückbank sind es 1125 Liter. Zugelegt hat einzig der Radstand, der sich um rund einen Zentimeter auf 2555 Millimeter streckt. Klingt nicht nach viel, macht im Innern in Verbindung mit dem immer besser werdenden Packaging der MQB-A0-Plattform dann doch eine Menge aus. Anders als noch vor einigen Jahren wähnt man sich jetzt mehr in einem etwas zu heiss gewaschenen Golf als in einem ausgedehnten Up.

Für die Fondpassagiere gibt es logischerweise Besseres, weil Geräumigeres. Und trotzdem lässt es sich hier ziemlich gut aushalten, da die Rückbank weder zu steil noch zu hoch oder tief angebracht ist. Der Kofferraum verliert nur 30 Liter im Vergleich zum Golf, was ansehnlich ist. Und vorne  steht der Polo der höheren Klasse in nichts nach und bietet ein ausserordentliches Raumgefühl. Ganz ehrlich, man wähnt sich wirklich beinahe schon im Golf.

Ein Haar in der Suppe

Zumindest so lange, bis der Blick auf den zentralen Touchbildschirm fällt oder die Finger während der Fahrt versuchen, irgendeine Funktionstaste zu erfühlen. Das ist auch im Polo alles andere als einfach, zumindest aber etwas leichter als im grossen Bruder. Aber auch nicht mehr so leicht wie in der Version vor dem Facelift. Zentrales Element bleibt weiterhin das bis zu 10.25 Zoll grosse, digitale Fahrerdisplay, dessen drei Grundlayouts individualisiert werden können. Ein Head-up-Display gibt es weiterhin auch gegen Aufpreis nicht, genauso wenig wie – wieso auch immer – eine Lenkradheizung. Das Infotainment folgt der allgemeinen Betriebslogik (oder Unlogik) des Konzerns und bietet Schnellwahltasten am Rand des Neun-Zoll-Bildschirms. Ebenfalls wird hier, wie bei anderen kleineren Modellen im Konzern, die Lautstärke über zwei berührungssensitive Flächen gesteuert. Doch nichts wird so heiss gegessen wie gekocht: Die Radiobedienung gelingt auch über das neu gestaltete Lenkrad, was den Kritikern zumindest etwas Wind aus den Segeln nimmt.

Keine zwei Meinungen dürfte es über die neue Steuerung der Klimaanlage geben. Ging das bisher über Tasten und Drehknöpfe, weht nun ein anderer Wind. Oder aber einer, den man gar nicht haben möchte. Denn Fehleingaben sind mit dem neuen System nicht nur an der Tagesordnung, sie sind die Regel. Die Kombination aus Fühlen, Drücken und Wischen ist nicht das Gelbe vom Ei und funktioniert in diesem Bereich überhaupt nicht, da hilft auch keine Eingewöhnungszeit. Vor allem deshalb nicht, weil der Blick durch die ultratiefe Positionierung weit von der Strasse abschweifen muss.

Und so ist es eben doch wieder wie beim Kochen: Ein Haar in der Suppe verdirbt zwar nicht gleich das gesamte Menü, hinterlässt aber doch ­einen fahlen Beigeschmack. Da können auch die – für dieses Segment – üppig vorhandenen Assistenzsysteme die Suppe nur bedingt auslöffeln. Mit den neusten Updates hat nun auch der Travel-Assist keine Tomaten mehr auf den Augen und erkennt Verkehrsschilder immer zuverlässiger. Dass VW jedoch auch nur mit Wasser kocht, zeigt die Tatsache, dass die Software nach wie vor ziemlich fehleranfällig ist. Abwarten und Tee trinken: Die Ladezeiten des Systems beim Start des Fahrzeugs munden so gar nicht.

Trotzdem schöpft der Polo aus dem vollen Konzernregal und richtet mit der grossen Kelle an. Bleibt aber etwas unausgewogen in der Würze.

Testergebnis

Gesamtnote 75/100

Antrieb

Bewertung: 3.5 von 5.

Das Doppelkupplungsgetriebe ist top. Und eigentlich arbeitet auch der kleine Motor munter. Die Vibrationen aber sind selbst für einen Drei­zylinder teils zu stark, das stösst etwas sauer auf.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Hier macht der Polo fast alles richtig und überzeugt mit einer herzhaften und schmackhaften Abstimmung. Selbst die leichtgängige Lenkung passt.

Innenraum

Bewertung: 3.5 von 5.

Platzangebot und Raumgefühl sind ansprechend. Der wohnliche Innenraum wird durch das touchbasierte Bedienkonzept etwas gestört. Bitter ist, dass die Klimasteuerung nicht mehr über physische Knöpfe geschieht.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Die vielen Assistenzsysteme sind in diesem Segment nicht selbstverständlich, versüssen die Fahrt und tragen endlich auch aktiv zur Sicherheit bei.

Budget

Bewertung: 3.5 von 5.

Wer sich im Konfigurator austobt, bekommt eine gesalzene Rechnung. Die Basis startet bei 23 600 Franken, für unseren Testwagen wurden bereits 33 990 Franken verlangt. Das ist beinahe Golf-Niveau!

Fazit 

Liebe geht bekanntlich durch den Magen. So gesehen fällt das Fazit für den aufgefrischten VW Polo durchzogen aus. Weil von allem etwas dabei ist. Das neue Bedienkonzept ist teils harte Kost, die schwer auf dem Magen liegen kann. Alles andere macht der Polo grösstenteils gut, nur fehlt hie und da eben etwas die Würze. Was am Ende schwerer aufliegt, muss man selbst herausfinden. Wirklich falsch machen kann man nichts.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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