«Öffentliche Verkehrsmittel? Das ist nichts für mich.»

Die Fussballlegende möchte nicht auf das Auto verzichten. Eine Begegnung mit einem wachen, lustigen und sympathischen Mann.

Es ist 14.15 Uhr an diesem ersten Mittwoch im Januar. Die Sicht vom Bahnhof Saint-Blaise NE auf den Neuenburgersee und die Alpen bietet eine atemberaubende Kulisse. Unweit der Bahnsteige parkt ein einziges Fahrzeug auf dem kleinen Bahnhofgelände, es ist ein Hyundai i30 Fastback N. Er ist grau und passt deshalb wunderbar zu den verschiedenen Grautönen der Winterlandschaft. Man fragt sich unweigerlich, ob Gilbert Gress, der Halter des Autos, das so schön in Szene gesetzt ist, auch ein guter Werbefachmann wäre. Ein schlauer Fuchs ist er ja, der letzte Meistertrainer von Neuchâtel Xamax (1987/88). Apropos: Da ist er ja. Lachend steigt er aus seinem Auto aus. Eine Begrüssung per Faustschlag, und dann geht es schon ans Boarding: Alle Mann Sicherheitsgurte anlegen! Ähm – nur der Fahrer nicht. Wir müssen ein wenig nachhaken, bis wir eine Antwort bekommen. «Das ist ­eine Gewohnheit», sagt Gress. Eine etwas knappe Erklärung angesichts des Nutzens dieser Sicherheitsvorrichtung. «Ich lege ihn manchmal an, um der Person neben mir eine Freude zu machen.» Wir haken noch ein bisschen mehr nach. «Aber es ist gefährlich, ihn nicht zu tragen, nicht?» Gilbert Gress erzählt zwei Geschichten von Menschen, die lebendig in ihrem Fahrzeug verbrannten, weil sie ihren Sicherheitsgurt nicht lösen konnten. Natürlich habe er ein paar Bussgelder kassiert, weil er den Sicherheitsgurt nicht anlege. Die letzte Busse bekam er deswegen vergangenes Jahr.

Was den Fahrstil betrifft, überzeugt der Achtzigjährige aber zum Glück. Er fährt weder zu schnell noch zu langsam, seine Bewegungen sind sicher und präzise. Also steht insofern alles zum Besten. Nun ja, das sähen nicht ganz alle so, gesteht Gress. «Meine Frau findet, dass ich entweder zu schnell, zu langsam, zu weit links oder zu weit rechts fahre. Ich könnte wie ein Gott fahren, doch sie hätte immer etwas auszusetzen. Und wenn sie selbst fährt, sagt sie mir, dass ich viel zu viel kritisiere.»

Wir sind im Hotel Palafitte angekommen, dem Ort, den Gress für das Interview ausgesucht hat. Aber auch das Fünf-Sterne-Hotel ist geschlossen. «Meine Frau sagte mir noch, dass es geschlossen sein könnte. Ich habe es nicht überprüft. Frauen haben immer recht», lacht er, als er seine gegenwärtige Beifahrerin bis zu ihrer Autotür begleitet. ­Eine galante Geste, die äusserst geschätzt wird, zumal sie sehr selten vorkommt. Wir nehmen Kurs auf das nächste Fünf-Sterne-Hotel im Stadtzentrum von Neuenburg – ohne GPS. Orientierung gehöre nicht zu seinen Stärken, gibt Gress zu. Er müsse deshalb öfter wenden. Er weiss, wo in Neuenburg man das besser nicht tut. «Schauen Sie, hier habe ich eine Busse von 100 Franken bekommen, weil ich genau das Gleiche gemacht habe wie dieser Fahrer da! Seither wende ich weiter hinten.»

Die Ausnahme: Tramfahren

Mit seinen ungefähr 40 000 Fahrkilometern pro Jahr ist Gilbert Gress kein Sonntagsfahrer. Er ist in der ganzen Schweiz unterwegs, um Interviews zu geben, Vorträge zu halten oder andere Veranstaltungen zu besuchen. «Seit Corona gibt es aber weniger Anfragen, deshalb bin ich weniger unterwegs.» Benutzt er auch öffentliche Verkehrsmittel? «Das ist nichts für mich. Und derzeit stapeln sich die Menschen in den Bussen oder den Zügen.» Vor ein paar Jahren kam Gress aber nicht um das Tram herum. Als er mit dem Auto nach Zürich fuhr, glaubte er, in der Nähe des Treffpunkts parkiert zu haben. Falsch gedacht. «Ich musste das Tram nehmen, um den Termin einhalten zu können. Ich wollte mein Billett beim Kontrolleur kaufen, aber es kam keiner.» Er lacht, während er vorsichtig in eine Tiefgarage im Stadtzentrum fährt. Wir gehen zu Fuss nach oben, um festzustellen, dass auch das Beau Rivage geschlossen ist. Uns bleibt nur noch übrig, ein Restaurant zu finden, das offen ist. Den Weg zum Hafen legen wir zu Fuss zurück.

Gress erzählt von seinem Leben zwischen Strassburg, der Stadt, in der er geboren wurde, seinem ersten Vertrag als Fussballer beim Racing Club und Saint-Blaise neben Neuenburg, wo er für den FC Xamax spielte, bevor er dreimal während insgesamt 15 Jahren Trainer war. «Meine Frau wollte in der Schweiz leben, ich aber bloss zu 90 Prozent. Ich gehe gern nach Strassburg zurück. Dort spiele ich regelmässig mit meinen Freunden Tarock. Ich spiele Karten, seit ich Fussball spiele. Auf Reisen durch Frankreich habe ich Stunden mit Kartenspielen verbracht. Heute haben die Fussballer Kopfhörer auf und jeder ist für sich.»

Der versteckte Mercedes

Genauso hat sich das Verhältnis von Fussballern zu ihren Autos – oder besser: super teuren Luxusschlitten – mit der Zeit gewandelt. In den 1960er-­Jahren protzte man nicht, wie Gilbert Gress weiss: «Ich spielte in Stuttgart und hatte mir einen Mercedes SL gekauft. Der Klubpräsident bat mich, nicht mit meinem neuen Sportwagen zum Stadion zu kommen. Ich musste 200 Meter davon entfernt in einer Garage parkieren. Dort holte mich ein Kollege ab. Der Präsident sagte zu mir: ‹Es ist nicht selbstverständlich, dass du ein neues Auto fährst. Die Fans dürfen dich nicht sehen!› Können Sie sich vorstellen, dass jemand Neymar oder Messi bittet, ihre Autos 200 Meter vom Stadion entfernt abzustellen?» Der Ex-Trainer lacht, als er sich an seine Zeit im Schwabenland erinnert: «Arbeiten, sparen, ein Haus kaufen. Das war das Motto.»

Das erste Auto von Gilbert Gress war ein Simca Aronde. Als er vom VfB Stuttgart verpflichtet wurde, wechselte er auf einen Peugeot 504 Coupé. «Ich war viel zwischen Strassburg und Stuttgart unterwegs. Die anderen machten sich über mein Auto lustig, sie fuhren ja Mercedes. Eines Tages gab der Motor meines Peugeot den Geist auf, also kaufte ich einen Mercedes – eben den, den ich verstecken musste.» Der Hyundai-Botschafter Gilbert Gress gibt zu, dass er sich nicht allzu sehr für die Technik eines Fahrzeugs interessiert: «Das Wichtigste für mich ist, dass mir ein Auto gefällt und  dass ich keine Panne habe. Mein Hyundai sieht schick aus und ist angenehm zu fahren.»

«Die Paare, die ich mitnahm, hatten Tonnen an Gepäck dabei»

Das Frage-Antwort-Spiel von Marcel Proust ist weltberühmt. Bei der AR wird aus Proust Prost.

Automobil Revue: Wer ist Prost für Sie? 

Gilbert Gress: Ein Autorennfahrer. Ich kannte auch einen Fussballer, der Prost hiess. Georges Prost war Verteidiger. Prost, das war auch ein französischer Gelehrter. Sie haben also die Wahl.

Ihr erstes Mal im Auto?

Mein Patenonkel hatte einen Renault 4CV gekauft und kam bei meinen Eltern zu Besuch. Damals gab es drei Autos in der Strasse, in der wir wohnten. Er setzte seine Ehefrau und seine Schwiegermutter ab und sagte zu mir: «Komm, wir drehen eine Runde!» Ich war ganz stolz darauf, eine Spritztour im Auto zu machen. Damals waren Autos rar. Alle spielten Fussball auf der Strasse. Meine war 1500 Meter lang. Wir spielten Quartier gegen Quartier. Heute ist das nicht mehr möglich.

Ihr erstes Auto?

Ein Simca Aronde mit einem roten Dach. Ich habe ihn mit der Prämie gekauft, die ich erhalten hatte, als ich meinen ersten Vertrag beim Racing Club in Strassburg unterzeichnet hatte. Ich erhielt 7500 französische Francs, also ungefähr 1200 Schweizer Franken, was eine ordentliche Summe war. Man muss dazu sagen, dass es mein Kindheitstraum war, für diesen Klub zu spielen.

Was fahren Sie heute?

Einen Hyundai i30 Fastback N.

Ihr Traumauto?

Das Auto, das ich habe! Ich hatte Traumautos. Zum Beispiel einen Porsche Targa 4S. Aber das ist ein Auto für Egoisten. Eines Tages fuhr ich zusammen mit meiner Frau und meiner Tochter in diesem Auto in die Ferien nach Juan-les-Pins. Nach zehn Kilometern fühlte sich meine Tochter hinten im Auto so eingeengt mit dem ganzen Gepäck, dass wir anhalten mussten.

Ihre beste Fahrt im Auto?

Ich war in Marseille und wir mussten für einen Match gegen Standard Lüttich nach Le Mans fahren. Ein Kameramann, der uns regelmässig filmte, schlug mir vor, mein Auto in den Norden zu fahren, damit ich mit dem Team das Flugzeug nehmen konnte. Aber auf dem Weg zerbrach er den Schlüssel im Anlasser und liess mein Auto irgendwo bei Paris stehen. Ich bestellte einen neuen Schlüssel, aber er kam nicht. Ich wollte zurück zu meiner Frau und meinen Kindern, die in Strassburg waren. Ein Typ sagte mir, dass er mein Auto starten könne, indem er zwei Kabel zusammenschliesse. Ich war einverstanden und machte mich auf den Weg. Ich fuhr durch einen Wald, und es war stockfinster, da hatte ich eine Panne. Zum Glück hatte ich den höchsten Punkt des Anstiegs bereits erreicht. Ich liess das Auto den Abhang hinunterrollen. Plötzlich sah ich rechts ein kleines Licht und zwei Männer, die diskutierten. Es war fünf vor zwölf und sie waren dabei, die Tankstelle zu schliessen. Sie liehen mir ein Auto. Ich hatte ein riesiges Glück, aber ich war noch während Monaten traumatisiert.

Ein Alptraum im Auto?

Eines Tages in der Zeit, als ich Trainer war, schlief ich gegen 18 Uhr zwischen Neuenburg und Zürich am Steuer meines Autos ein. Ich war müde. Ich wollte an zwei Parkplätzen anhalten, aber sie waren aufgrund von Arbeiten geschlossen. Ich fuhr nach rechts und touchierte die Leitplanke.

Am Steuer Ihres Autos fühlen Sie sich …

… wohl.

Ein Leben ohne Auto? 

Das ist nicht möglich. Ich brauche es, um Einkäufe zu erledigen, an Treffen zu fahren oder um Vorträge zu halten, auch wenn die Anfragen seit Corona zurückgegangen sind. Es ist auch eine Gewohnheit. In Saint-Blaise zum Beispiel kann ich alles zu Fuss erledigen. Aber in Strassburg, wo wir während eines Teils des Jahres leben, ist meine Lieblingsbäckerei zu Fuss mehr als 30 Minuten entfernt, hin und zurück.

Ein Tempolimit von 30 km/h in allen Schweizer Städten, wäre das eine gute Idee?

Nein! Man könnte am Steuer einschlafen. Ich bin vielmehr dafür, die Autofahrer zu sensibilisieren.

Selbstfahrende Autos: Lust oder Frust?

Das ist nicht mein Ding. Das ist wie in einem Flugzeug. Am Steuer kann ich zumindest entscheiden, ich bin der Chef. Und wer wäre im Falle eines Unfalls schuld? Und diese Autos sind nicht bereit.

Wen würden Sie am Strassenrand auf jeden Fall mitnehmen?

Wird meine Frau diesen Artikel lesen? Es war in der Zeit, als ich in Stuttgart spielte. Wenn ich von Strassburg losfuhr, wo ich oft hinging, standen in neun von zehn Fällen Anhalter an der Autobahnauffahrt. Eines Tages habe ich für eine junge Frau angehalten. Ihr Freund tauchte dann aus einem Busch auf. Zwanzig Jahre später kam er in Strassburg auf mich zu und fragte: «Erinnern Sie sich an mich? Sie haben uns bis nach Karlsruhe mitgenommen.» Wen würde ich also mitnehmen? Das entscheide ich im Moment und nach Instinkt. Ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht.

Und wen würden Sie nicht mitnehmen?

Das hängt von der Statur und dem Gepäck der Person ab. Manchmal hatten die Paare, die ich mitnahm, Tonnen an Gepäck dabei. 

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