Ziemlich konkurrenzlos

Der Toyota Yaris Cross ist in seinem Segment einzigartig und gefällt in vielen Punkten, wenngleich er unter ­einigen entscheidenden Mängeln leidet.

Der Toyota Yaris ist ein echter Verkaufsschlager: Mit 3410 verkauften Fahrzeugen lag der japanische Kleinwagen 2021 auf Rang acht der meistverkauften Autos der Schweiz. Nach dem Fiat 500 ist er im Grunde der beliebteste Stadtwagen hierzulande. Und auch bei den Autokritikern ist der Yaris äusserst beliebt, wie seine Wahl zum Auto des Jahres durch die Car-of-the-Year-Jury im vergangenen Jahr und die hervorragende Testwertung von 80.5 von 100 Punkten durch die Redaktion der AUTOMOBIL REVUE (AR 1-2/2021) belegen. Von diesem Schwung versucht Toyota auch beim Cross zu profitieren. Denn zwar suggeriert der Name, dass es sich lediglich um eine Variante des Yaris handelt, eigentlich handelt es sich bei der zweiten, modischeren, weil höherwertigen Variante jedoch um ein eigenständiges Modell.

Der Yaris Cross wird auf Toyotas gemeinsamer Plattform für Kleinwagen, der TNGA-B, gebaut und teilt sich den Unterbau mit dem Yaris. Allerdings besitzt der Crossover ein gänzlich eigenes Design und fährt sich auch ganz anders. Darin liegt bekanntlich der Vorteil von gemeinsamen Plattformen: Sie ermöglichen es den Herstellern, ihr Angebot durch eine Vielzahl von Karosserievarianten zu diversifizieren und dabei gleichzeitig ihre Entwicklungskosten zu senken. Im Gegensatz zu vielen Abwandlungen anderer Hersteller begnügt sich der Cross nicht mit Radlaufleisten aus Plastik und ­einem Unterfahrschutz aus Metall an der Frontseite. Nein, er zeichnet sich durch eine ganz eigene Ästhetik aus, da sämtliche Karosserieteile neu ­gestaltet wurden. Ausserdem ist er relativ stattlich für seine Grösse: Die Höhe beträgt 1595 Millimeter, die Breite 1765 Millimeter und die Länge 4172 Millimeter. Der Radstand beträgt, wie beim Yaris auch, 2560 Millimeter.

Ausgereifter Hybrid …

Um das hart umkämpfte Segment der kleinen Stadt-SUV zu erobern, setzt der Japaner nicht nur auf sein äusseres Erscheinungsbild, sondern auch auf Umweltfreundlichkeit: Wie der Yaris, der sowohl mit Benzin- als auch mit Hybridantrieb erhältlich ist, verfügt der Cross über die vierte Generation der Mischhybridtechnologie von Toyota. Das bedeutet einen grossen Vorteil, da die einzigen Hersteller, die in demselben Segment ein Hybridfahrzeug anbieten, Hyundai (mit dem Kona Hybrid) und Renault (mit dem Captur E-Tech) sind. Der Antriebsstrang besteht aus einem Verbrennungsmotor, einem 1.5-Liter-Dreizylinder mit Atkinson-Zyklus, und zwei Elektromaschinen, die über ein Koaxialgetriebe, das unter anderem aus einem Planetengetriebe besteht, miteinander verbunden sind (mehr dazu in AR 46/2019). Der Verbrennungsmotor hat eine Leistung von 67 kW (91 PS) bei 5500 U/min und entwickelt zwischen 3600 und 4800 U/min ein Drehmoment von 120 Nm. Die elektrische Hauptmaschine leistet 59 kW (80 PS) und 141 Nm. Zusammen kommen der Verbrennungsmotor und die beiden elektrischen Maschinen auf eine Gesamtleistung von 85 kW (116 PS).

… und intelligenter Allradantrieb

Der Vorteil des Antriebsstrangs des Yaris Cross ist, dass er optional eine dritte, unabhängige elektrische Maschine an der Hinterachse zuschalten kann, was das SUV umgehend in ein Allradfahrzeug verwandelt. Mit dieser Ausstattung (AWD-I) ist der Yaris Cross ein aufstrebender Bestseller in der Schweiz, da er das einzige kleine SUV auf dem Markt ist, das sowohl einen Hybrid- als auch einen Allradantrieb besitzt. Ein weiterer Grund also, diese Version für unserenTest auszuwählen.

Im Fahrbetrieb arbeiten sämtliche Antriebskomponenten wie im Orchester zusammen – da Toyota seit fast einem Vierteljahrhundert (!) Hybridfahrzeuge baut, wissen die Japaner genau, was sie tun. So bietet der Antriebsstrang ein angenehmes Fahrgefühl, die Befehle werden sanft umgesetzt, die Bremsen lassen sich leicht dosieren. Im Stadtverkehr erweist sich der Yaris Cross als sehr agil und vermeidet jegliches Ruckeln, denn die Übergänge zwischen Elektro- und Verbrennungsmotor sind für den Fahrer schlicht und ergreifend nicht spürbar. Wenn es an der Ampel zur Sache gehen soll, kommt man auf den ersten Metern dank der Elektrounterstützung flott vom Fleck. Die Verteilung des Drehmoments zwischen Vorder- und Hinterachsmotor wird kontinuierlich angepasst, wobei die Verteilung variabel zwischen 100 und null Prozent und 40 und 60 Prozent erfolgt. Die Traktion ist also unter den meisten Fahrbedingungen ideal, zumal das Auto über einen neuen Snow-Modus verfügt, der in der Schweiz durchaus ins Gewicht fällt.

Mit einer Gesamtleistung von 116 PS ist der Crossover jedoch nicht gerade ein Kraftpaket. Im Gegenteil, er erweist sich als ziemlich apathisch. Besonders auffällig ist dies in den Bergen, wo der Yaris Cross Mühe hat, das Tempo zu halten, das der Fahrer von ihm fordert. Das Überdrehen des Motors bei hohen Drehzahlen (der berühmte Gummibandeffekt), das wir schon beim klassischen Yaris beobachtet haben, ist beim SUV noch stärker ausgeprägt, da das Gewicht (1340 kg) um 200 Kilogramm höher und die Aerodynamik deutlich ungünstiger sind. Dieses Problem macht sich auch auf der Autobahn bemerkbar, wenn man zwischen 100 und 120 km/h beschleunigt. Der Motor heult ununterbrochen auf, manchmal so lange, dass es beinahe unmöglich ist, ein Gespräch zu führen, ohne lauter zu sprechen. Auf Autobahnfahrten, die länger als eine Stunde dauern, kann diese Geräuschkulisse gar sehr ermüdend sein – man hört, dass sich viele der ersten Käufer des Yaris Cross bei ihren Händlern über diesen Mangel beschwert haben. Der Yaris Cross wurde ganz sicher nicht für eine solche Nutzung konzipiert. Er scheint daher besser für den Einsatz in der Stadt oder auf dem Land geeignet zu sein, da seine um 25 Millimeter erhöhte Bodenfreiheit (170 mm) dafür sorgt, dass er auf Wegen aller Art fahren kann. Das Fahrwerk ist eher straff abgestimmt und verleiht ihm einen Anschein von Dynamik, dem der Motor und das Getriebe allerdings nicht gerecht werden.

Auf der AR-Normrunde wurde ein Verbrauch von 4.6 l/100 km ermittelt. Offiziell sind 5.1 l/100 km angegeben. Der Yaris Cross verdankt diese moderaten Werte seinem langhubigen Motor, der sich durch eine ultraschnelle Verbrennung und eine hohe Verdichtung (13.5:1) auszeichnet und mit einer Temperatur- und Drucküberwachung in den Zylindern ausgestattet ist.

Etwas trister Innenraum

Das Armaturenbrett wurde vom Yaris übernommen und entspricht im Grossen und Ganzen den ergonomischen Standards. Ein Pluspunkt ist, dass alle Versionen über einen Neun-Zoll-Touchscreen verfügen, der mit Android Auto und Apple Carplay kompatibel ist. Ausserdem bietet das SUV nach wie vor ein separates Bedienelement für die Klimaanlage, was ebenfalls zu begrüssen ist. Es ist einfach zu bedienen, sodass man schnell die gewünschten Einstellungen findet. Andere Bedienelemente sind dagegen schwer zu erreichen, da sie schlecht positioniert oder hinter dem Lenkrad versteckt sind. Ein Blick auf den Kunststoff des Armaturenbretts zeigt, dass die Qualität noch Luft nach oben hat: Alles ist etwas schlicht für ein Auto, das in der 4×4-Hybrid-Variante mindestens 29 900 Franken kostet. Die Hybridtechnologie, die in diesem SUV steckt, hat Toyota zu zahlreichen Einsparungen an anderer Stelle gezwungen. Diese Nachlässigkeit zeigt sich auch in der Austattung, zum Beispiel in der Heckablage, die aus einem einfachen Segel besteht. Was das Raumangebot betrifft, so ist der Toyota nicht gerade das geräumigste SUV für die Stadt: Die Rücklehnen im Fond stehen sehr steil, und die Beinfreiheit ist für grosse Personen etwas knapp bemessen. Bei der 4×4-Version geht Platz am Kofferraumboden verloren. Das Volumen sinkt so von 397 auf 320 Liter. Das ist für ein Fahrzeug dieser Art sehr wenig. Das ausgefallene Design, der Allradantrieb, der Hybrid­antriebsstrang und die legendäre Robustheit der Fahrzeuge von Toyota dürften dennoch zu guten Verkaufszahlen in der Schweiz führen.

Testergebnis

Gesamtnote 74/100

Antrieb

Bewertung: 3.5 von 5.

Obwohl der Antriebsstrang sehr komplex ist, funktioniert er einwandfrei. Schade, dass er nicht etwas mehr Leistung bringt.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Das Fahrwerk ist eher straff und verleiht dem Cross ein dynamisches Temperament. Angesichts der verbauten Technik ist das Gewicht annehmbar.

Innenraum

Bewertung: 3.5 von 5.

Auch wenn seine Bedienelemente leicht zu bedienen und zu verstehen sind, leidet der Yaris Cross unter einer verbesserungswürdigen Verarbeitungsqualität und einem etwas eingeschränkten Platzangebot.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Das SUV ist mit zahlreichen Fahrhilfen ausgestattet und bietet eine gute Rundumsicht. Auf Fahrspass muss der Fahrer dennoch nicht verzichten.

Budget

Bewertung: 4 von 5.

Der Yaris Cross wird ab 23 900 Franken angeboten und kommt in der Hybrid­version mit Allradantrieb auf einen Grundpreis von 29 900 Franken zu stehen. Das ist zwar deutlich mehr, aber die hochentwickelte Technologie, die in ihm steckt, relativiert den Preis.

Fazit 

Der Yaris Cross ist ein 4×4-Hybrid mit schickem Design, der viele Punkte auf der Liste des idealen Fahrzeugs für sich verbuchen kann. Er ist dynamisch in der Handhabung, muss aber mit einem Motor zurechtkommen, der für Berge und Autobahnen zu schwach ausgelegt ist. Dies dürfte dem Erfolg des Modells in der Schweiz jedoch nicht entgegenstehen, da seine potenziellen Kunden vor allem Städter sind.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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