Das Ende des Individualverkehrs

Rinspeed-Chef Frank M. Rinderknecht über sein Unternehmen und die Zukunft des Automobils.

Rinspeed-Chef Frank M. Rinderknecht denkt auch mit 66 Jahren nicht an den Ruhestand – aber immerhin gedenkt er, von 200 Prozent Arbeitspensum auf 100 zu reduzieren.

Die meisten Schweizer, die das Rentenalter erreichen, geben ihre Tätigkeit auf und geniessen den Ruhestand. Nicht so Frank M. Rinderknecht. Er, der am 24. November 2021 66 Jahre alt wurde, ist der Chef von Rinspeed und macht sich weiterhin Gedanken über die Zukunft der Mobilität.

AUTOMOBIL REVUE: Sie haben das Alter erreicht, in dem man sich normalerweise zur Ruhe setzt. Wann wollen Sie aufhören zu arbeiten?

Frank M. Rinderknecht: Im Moment fühle ich mich kerngesund – und hoffe, dass ich es tatsächlich bin! Ich habe immer noch Lust zu arbeiten. Vielleicht nicht mehr zu 200 Prozent, wie das früher der Fall war, aber immer noch zu 100 Prozent. Ich möchte mich nicht zur Ruhe setzen, aber ich habe auch nicht vor, bis zu meinem Tod zu arbeiten. Ich hoffe, dass ich ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Privatleben und Beruf erreiche, zumal meine Frau und ich gerne reisen. Aber ein Rückzug aufs Altenteil ist für mich derzeit nicht vorstellbar. Ich fühle mich im Kopf noch sehr jung. Im Vergleich zu früher bin ich vielleicht etwas langsamer, aber das hat auch seine guten Seiten, denn so kann ich mehr nachdenken, bevor ich handle.

Aber sind Ihre Gesundheit und die Herausforderungen, mit denen die Branche konfrontiert ist, nicht ein Grund, um auszusteigen?

Nein, ganz im Gegenteil. In den letzten zehn Jahren ist die Arbeit für mich viel einfacher geworden. Früher war die Automobilindustrie wie ein grosser Fluss, dem man nur sehr schwer eine andere Richtung geben konnte. Heute hat die Branche jedoch verstanden, dass sie sich umstellen muss. Dies wird auch durch all die Technologien möglich, von denen die Branche profitiert. Die heutige Zeit bietet unglaubliche Möglichkeiten für Thinktanks wie Rinspeed im Automobilbereich. Natürlich ist diese Zeit des Wandels auch mit Risiken verbunden, da man schnell eine falsche Richtung einschlagen kann. Die Chancen, etwas Neues zu schaffen, sind jedoch enorm.

Würden Sie, wenn irgendwann der Moment für den Ruhestand gekommen ist, Ihr Unternehmen verkaufen?

Ich bin sehr offen für Gespräche. Der Name hat ­einen gewissen Wert innerhalb der Branche. Daher denke ich, dass er für einige Leute interessant sein könnte. Wenn mich heute jemand ansprechen und mir erklären würde, dass er an dem Namen oder bestimmten Fahrzeugen interessiert ist, würde ich mir sicher seinen Vorschlag anhören. Auch weil ich gegenüber meiner Frau und meiner Tochter die Verantwortung habe, alle meine Angelegenheiten vor dem Abtreten zu regeln. Die in meinen Augen ideale Lösung wäre es, wenn der Name Rinspeed mich überleben würde und alle die Fahrzeuge sehen könnten. Das wäre mir lieber, als wenn sie auf Auktionen an private Besitzer gingen. Für mich bedeutet Rinspeed immerhin 44 Jahre voller Schmerzen und Zweifel. Aber auch voller Innovationen und Kreativität. Und es wäre interessant, dies mit anderen zu teilen.

Was ist die wichtigste Lehre, an der Sie sich derzeit orientieren?

Man sollte nie etwas tun, nur um reich zu werden. Mit allen Geschäften, bei denen ich Geld an die erste Stelle gesetzt habe, habe ich am Ende immer Verlust gemacht. Weil ich geblendet war. Es muss ein Gleichgewicht zwischen Leidenschaft und Einkommen geben. Notwendig ist Geld aber natürlich schon, weil man es zum Leben braucht und um seiner Leidenschaft weiter nachzugehen.

Wie sehen Ihre Pläne kurz- und mittelfristig aus?

Nach der Vorstellung des City Snap Ende Juni 2021 versuchen wir, ihn in das Stadium eines Pilotprodukts zu bringen. Ich würde auch gern einen neuen Ort finden, um die Rinspeed Collection besser präsentieren zu können. Persönlich würde ich dem Unternehmen gern etwas von dem zurückgeben, das es mir geschenkt hat. Das könnte eine Lehr- oder eine ehrenamtliche Tätigkeit sein.

Auf dem Weg zum Pilotprojekt: Der Rinspeed City Snap ist ein elektrischer Lieferwagen, der auf einem Fiat Ducato basiert.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Branche?

Das Phänomen, das ich besonders bemerkenswert finde, ist die Globalisierung und der Zusammenschluss von Herstellern. Vor 40 Jahren gab es in der Industrie noch sehr viele Marken. Heute tendieren alle Hersteller dazu, sich zu grossen Einheiten wie beispielsweise Stellantis oder Volkswagen zusammenzuschliessen. Dies geschieht, um möglichst viele Komponenten gemeinsam zu nutzen, möglichst hohe Stückzahlen zu erreichen und somit möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Das grosse Problem dieser Zusammenschlüsse ist, dass ihre Grösse sie in ihrer Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt. Ein weiteres Phänomen der letzten Jahre sind die viel agileren Start-up-Unternehmen. Sie sind Milliarden wert, ohne etwas produziert zu haben, und beweisen durch ihre Bewertung, dass der Automobilsektor auch künftig Träume weckt. Und dass er noch eine lange und schöne Zukunft vor sich hat.

Apropos Zukunft der Automobilindustrie: Wie wird sich die Branche Ihrer Meinung nach kurz-, mittel- und langfristig entwickeln?

Es ist keine neue Erkenntnis, aber ich glaube, dass der Verbrennungsmotor gerade seine letzten Jahre erlebt. In Europa wird er meiner Meinung nach in den nächsten zehn bis 15 Jahren aussterben. Die Energie, die in den Autos der Zukunft verwendet wird, muss aus erneuerbaren Quellen stammen. Die Automatisierungstechnologien werden sich in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln, aber nicht in allen Modellen zum Einsatz kommen. Das wird erst in 20 oder 30 Jahren der Fall sein. Meiner Meinung nach wird diese Technologie dazu führen, dass Autofahrer die Art und Weise, wie sie ihr Fahrzeug nutzen, überdenken werden. Ich meine, dass es eindeutig in Richtung Ende des Individualverkehrs geht und wir uns auf eine stärkere Entwicklung von gemeinsam genutzten Fahrzeugen zubewegen. Diese werden jedoch weiterhin bestimmten Segmenten angehören. Es wird Luxusautos, Autos für die Allgemeinheit und schliesslich Low-Cost-Fahrzeuge geben, ein bisschen wie die erste und zweite Klasse im Zug. Schliesslich glaube ich, dass in der Branche neue Akteure auftauchen werden. Neben den erwähnten Start-ups werden auch all die grossen Akteure der Elektronikindustrie wie Nvidia, Intel, Waymo (Google – Red.), Amazon, Microsoft oder auch Uber massiv in den Automobilsektor investieren. Einige von ihnen wie zum Beispiel Foxconn gehen sogar so weit, Autos unter ihrem eigenen Label zu verkaufen.

Welche Epoche des Automobils ist Ihnen lieber: die von gestern oder die autonome und elektrische von morgen?

Geschäftlich gesehen: die von morgen. Persönlich: die von gestern. Ich liebe vor allem die Autos aus den 1960er- und 1970er-Jahren, weil alles an ihnen mechanisch war.

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