Schützenhilfe oder Schnapsidee?

Das ­Bundesamt für Energie gibt Millionen aus, um den Verkauf von Elektroautos zu propagieren. Das kann die Branche selber genau so gut.

Nur eine Bildmontage: Der Bund macht «keine Werbung» für Elektroautos. Eine Kampagne dafür hat er aber trotzdem lanciert.

Das Projekt hat grosse Chancen, in der Rangliste der unsinnigsten Staatsausgaben einen der vordersten Plätze zu erklimmen: Das Bundesamt für Energie (BFE) will mit einer millionenteuren Kampagne den Kauf von Elektroautos in der Schweiz fördern. Dafür gibt es in den ersten drei Jahren je 900 000 Franken aus. Mit einer Option auf Verdoppelung der Laufzeit. Am Ende werden die Steuerzahler dafür also wohl gegen 5.5 Millionen Franken bezahlen müssen.

Das Projekt mit dem Titel «Fahr mit dem Strom» gehört zum Programm Energie Schweiz. Unfreiwillig verrät das BFE damit, dass die Millionenausgaben völlig überflüssig sind. Denn wer derzeit ein E-Auto kauft, schwimmt oder fährt tatsächlich mit dem Strom. Entsprechend gewunden ist die Argumentation des Bundes. «Viele Automobilistinnen und Automobilisten wollen auf die Elektromobilität umsteigen oder haben diesen Schritt bereits getan. So breitet sich die Elektromobilität in der Schweiz immer mehr aus: Allein in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres waren 16.3 Prozent der Neuzulassungen Elektroautos», schreibt das BFE in der Medienmitteilung zur Lancierung der Kampagne. Dennoch fragten sich viele, «ob jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für den Umstieg ist, oder ob ein Elektroauto überhaupt zu ihren spezifischen Mobilitätsbedürfnissen passt». Deshalb wolle der Bund die Automobilistinnen und Automobilisten bei ihrem Kaufentscheid unterstützen. «Fahr mit dem Strom» richte sich «gezielt an Menschen, die über die Anschaffung eines neuen Autos nachdenken oder sich bereits im Kaufprozess befinden», so das BFE.

Man wolle damit keine Werbung machen, teilte Marianne Zünd, Pressesprecherin beim BFE auf Anfrage der AUTOMOBIL REVUE mit. «Die Kampagne soll unabhängige und aktuelle Informationen rund um energieeffiziente Personenfahrzeuge liefern. Sie fokussiert also nicht nur, aber dennoch hauptsächlich auf das Elektroauto», so Marianne Zünd weiter. Das «hauptsächlich» ist aber wohl sehr grosszügig interpretiert für eine Kampagne, die «Fahr mit dem Strom» heisst, untertitelt ist mit «Elektromobilität für alle» und illustriert mit Stromkabeln. Auf der reichhaltigen Webseite zur Kampagne fanden wir denn neben sehr umfangreicher Reklame für das Elektroauto auch nur einen einzelnen Satz, der sich mit dem Verbrenner beschäftigt: «Wenn Sie jedoch täglich mehr als die Reichweite des Elektroautos zurücklegen, sind Sie vielleicht mit einem energieeffizienten herkömmlichen Auto besser bedient.» Eine Erwähnung anderer alternativer Antriebe wie Wasserstoff? Fehlanzeige. Auch die wichtigste aller Fragen, nämlich ob dereinst noch genügend Strom zur Verfügung steht, damit alle elektrisch fahren können, wird nicht beantwortet.

Anstieg um 86 Prozent

Natürlich ist es keine Staatsaufgabe, bestimmten Branchen beim Verkauf ihrer Produkte zu helfen. Über diese generelle, ordnungspolitische Feststellung hinaus scheint die BFE-Kampagne aber auch deshalb so verfehlt, weil der Elektromarkt in der Schweiz bereits boomt wie nie zuvor. Wie die Zulassungszahlen der Importeursvereinigung Auto-­Schweiz belegen, stieg der Verkauf von Elektroautos in den ersten drei Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr kumuliert um sagenhafte 86.2 Prozent. Bekannt ist, dass der Model 3 von Tesla im letzten Jahr das meistverkaufte Auto der Schweiz war. Damit lag erstmals ein E-Auto an der Spitze der jährlichen Verkaufscharts.

Die Branche weiss selbst am besten, wie sie ihre Autos an die Kundinnen und Kunden bringt. Sie hat das grösste Interesse daran, und punkto Know-how ist sie den Beamten in den Berner Verwaltungsstuben wohl auch voraus. Wenn sich jemand für ein neues Auto interessiere, «dann sollte sie oder er sich idealerweise und gut informiert für ein sauberes und energieeffizientes Modell entscheiden», schreibt das BFE gouvernantenhaft. «So können der Energieverbrauch und die CO2-Emissionen des privaten Personenverkehrs gesenkt werden.» Als ob die Kundinnen und Kunden das nicht selbst wüssten und mit ihren Kaufentscheiden längst dokumentiert hätten. Ebenso könnte man sagen: Die Automobilbranche hat ihre Hausaufgaben gemacht und bringt laufend attraktive Modelle mit E-Antrieb, aber auch mit anderen alternativen Antriebsformen auf den Markt. Die Kampagne des Bundesamtes für Energie wirkt wie ein hoffnungsloser Spätzünder.

Und was ist mit der Ladeinfrastruktur? 

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Kampagne ist eine Schnapsidee. «Informiert auf die Elektromobilität umsteigen», wie es das BFE propagiert, können Interessierte auch ohne Nachhilfe des Bundes. Zumal die Informationen nicht über alle Zweifel erhaben sind. So schreibt das BFE, dass es «heute bereits einen Kleinwagen mit über 300 Kilometern Reichweite für knappe 20 000 Franken» gebe. Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, welches Modell das sein soll, tappt das BFE wohl genauso im Dunkeln wie wir.

Wenn es etwas braucht, um die Elektromobilität weiter voranzutreiben, dann ist es ein Ausbau der Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum. Hier besteht ein Bedarf und nicht beim Verkauf von E-Autos. Genau hier sieht aber Marianne Zünd die öffentliche Hand nicht in der Pflicht: «Selbstverständlich ist die Ladeinfrastruktur wichtig, und der Ausbau erfolgt ja derzeit auch in rasantem Tempo. Dafür ist allerdings mehrheitlich die Privatwirtschaft verantwortlich.»

Es fehlen Lademöglichkeiten in den Städten, entlang der grossen Verkehrsachsen und in Mehrfamilienhäusern. Wenn der Bund etwas tun will, dann hat er hier ein Betätigungsfeld, das viel eher eine Staatsaufgabe darstellt – schliesslich geht um Verkehrsinfrastruktur. Bisher beschränkt sich der Bund aber auf die 100 Rastplätze entlang den Autobahnen, die mit Schnellladestationen ausgerüstet werden. Der Zeithorizont dafür reicht allerdings noch bis 2030, man lässt sich also reichlich Zeit damit. Die Werbetrommel für Elektroautos zu rühren, die sich heute bereits verkaufen wie warme Weggli, ist da wohl die einfachere Massnahme.

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