Wahnsinnig

Der Antrieb des Mercedes-AMG One stammt direkt aus der Formel 1. Und auch sonst ist der One einfach nur extrem.

Von der Formel 1 auf die Strasse» ist der wahrscheinlich beliebteste Spruch der Marketingabteilungen der Autohersteller. Im Fall des Mercedes-AMG One erhält dieser jedoch eine ganz neue Dimension: Kein anderes Strassenfahrzeug kommt einem Formel-­1-­Boliden so nahe wie dieses Hypercar. Die Ingenieure stellten sich 2014 der Herausforderung, den Antriebsstrang von Lewis Hamiltons Formel-1- Bolide unverändert zu übernehmen: einen 1.6-Li-ter-­V6-­Turbo mit zwei E-Maschinen. «Niemand zuvor hatte jemals so etwas gemacht», sagt Marco Lochmach, der Projektleiter von One. Der erste Auftritt des Project One – so der alte Name des Autos – fand im Herbst 2017 statt, aber es dauerte weitere fünf Jahre, bis die endgültige Version auf den Markt kam. «Wir haben die Arbeit unterschätzt, die hinter der Zulassung eines Formel-1- Motors für den Strassengebrauch steckt», gibt Lochmach zu. Auf den Rennstrecken können die Autos Abgase und Lärm in die Luft blasen, so viel sie wollen. Auf der Strasse geht das nicht. Zwei Partikelfilter, vier Metallkatalysatoren und zwei Keramikkatalysatoren waren nötig, damit der Motor die gesetzlichen Anforderungen erfüllte. Die Ingenieure mussten auch die Maximaldrehzahl des Motors auf 11 000 U/min begrenzen. So soll die Zuverlässigkeit gewährleistet sein, damit der Motor mindestens 50 000 Kilometer durchhält – im Gegensatz zu den 1500 Kilometern des F1-Motors.

Neben den Zulassungs- und Zuverlässigkeitsanforderungen waren natürlich auch Leistungsanforderungen zu erfüllen: «Wir wollten den One zum schnellsten Auto in allen Bereichen machen, nicht nur auf der Geraden», sagt Lochmach. «Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir mit diesem ambitionierten Vorhaben den Zeitplan nicht einhalten konnten.» Die bestätigende Rundenzeit für die Nordschleife steht zwar noch aus, aber die Beschleunigungswerte beweisen, dass es auf der Geraden schon sehr gut läuft. Während die Beschleunigungswerte bis 200 km/h für ein Auto mit 784 kW (1063 PS) nicht überraschend sind – ein McLaren 720 S macht das genauso gut –, zeigt der One seine gigantische Kraft im Sprint auf 300 km/h: Bloss 15.6 Sekunden dauert es, um diese magische Schallmauer zu durchbrechen.

Komplexer Hybridantrieb

Diese Leistung ist das Produkt einer komplexen Antriebskonstruktion. Der One verfügt über vier Elektromaschinen, die den Benzinmotor unterstützen. Zwei Elektromotoren an der Vorderachse leisten je 120 kW. Mit ihnen kann der One wie ein normaler Plug-in-Hybrid dank der 8.4-kWh-Batterie rund 18 Kilometer rein elektrisch fahren.

Die beiden anderen elektrischen Maschinen sind die Motor-Generator-Einheit (MGU), die man aus der Formel 1 kennt. Die MGU-K, die an der Kurbelwelle befestigt ist, kann bis zu 120 kW in den Motor einspeisen und zusätzlich beim Bremsen kinetische Energie zurückgewinnen. Noch spannender wird es bei der MGU-H, dem Elektromotor, der auf die Welle des Turbos aufgepfropft ist. Dieser ist in der Lage, die Energie aus dem Abgasstrom zurückzugewinnen und die Turbine kontinuierlich bei bis zu 100 000 U /min zu betreiben. Auf diese Weise wird das Turboloch vollständig eliminiert, während das Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen erhöht wird.

Um diese Leistung unter Kontrolle zu halten, haben die Ingenieure auch am Fahrwerk Präzisionsarbeit geleistet. Das Karbon-Monocoque ist vorne und hinten mit einer Mehrlenkeraufhängung ausgestattet, die Federn und Dämpfer sind horizontal angeordnet und Zug- und Druckstufe können unabhängig eingestellt werden. Auch die Aero­dynamiker haben bei den Formel-1-Boliden abgeschaut und einen aktiven Heckspoiler entwickelt, der für monströsen Abtrieb sorgen soll. Die Ehre, dies in der Praxis zu erfahren, bleibt einer Handvoll Kunden vorbehalten: Alle 275 Exemplare sind bereits verkauft – zu einem Preis von über einer Million Euro pro Stück.

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