Auf die harte Tour

Nach der GT-Kur kehrt der Porsche Cayenne Turbo einen völlig ­anderen Charakter ­hervor. Wir sind ­beeindruckt und haben eine Riesenfreude daran.

Die Buchstaben GT haben bei den Porsche-Fans einen ganz besonderen Klang. Sie stehen für ein höchst freudiges Trompeten, wenn die Motoren ­eines GT3 oder GT4 mit 8000 und 9000 U/min jubilieren. Die wertvollste Eigenschaft der GT-Versionen ist aber die für Strassenfahrzeuge schier unglaubliche Handlichkeit auf der Rennstrecke, damit werden die harten und gewichtsoptimierten Renner zu den begehrtesten Porsche überhaupt. Nachdem die Zuffenhausener die ehrwürdige Bezeichnung auf den Cayenne geklebt hatten, dauerte es nicht lange, bis Puristen lautstark gegen dieses Sakrileg protestierten. Zur Beruhigung der Gemüter sei gesagt, dass sich der Turbo GT – er wird zum Topmodell der Cayenne-Baureihe – gar nicht in die Gemeinde der GT2, GT3 oder GT4 einmischen will. Er sichert sich lediglich ein gewisses Mass des sportlichen Erbguts.

Tatsächlich liest sich das Datenblatt nicht sonderlich günstig, wenn der Turbo GT mit einem Gewicht von 2220 Kilogramm antreten muss. Das ist auch nicht weniger als beim normalen Turbo. Der stärkste Cayenne ist er auch nicht, mit 471 kW (640 PS) hat er 40 PS weniger als der Turbo S E-Hybrid. Dafür gewinnt der Turbo GT durch den Verzicht auf die Elektrifizierung zumindest den Gewichtsvergleich mit dem PHEV um 300 Kilogramm. Betrachtet man die praktischen Werte, dann setzt sich der GT vor alle anderen Cayenne, und zwar bei Weitem. Das Werk verspricht für den Sprint von 0 auf 100 km/h eine Zeit von 3.3 Sekunden, maximal sind 300 km/h drin. Mit einer offiziell beglaubigten Rundenzeit von 7:38.9 Minuten auf dem Nürburgring (20.832 km) ist er das schnellste SUV und lässt in der grünen Hölle selbst reine Sportler wie den 911 Carrera S von 2012 (991) hinter sich.

Auffällig und doch unauffällig

Solche spektakulären Taten waren nur möglich, weil die Techniker in Zuffenhausen ihren Cayenne Turbo aus dem Brunnen der Sportlichkeit tränkten. Der Koloss wurde um 17 Millimeter tiefergelegt, das Fahrwerk um 15 Prozent verhärtet. Die Aufmerksamkeit wurde auch auf die elektronische Stabilitätskontrolle (PDCC) gelegt, zudem wurde ein um 0.45 Grad aggressiverer Sturz der Vorderräder gewählt. Von Auge ist das nicht auszumachen, was aber nicht bedeutet, dass der Turbo GT ganz unauffällig auftritt. Sein pistentauglicher Ehrgeiz zeigt sich etwa an der mittigen Doppelrohrabgasanlage. Das Titanstück verfärbt sich mit der Hitze bläulich, vor allem bringt es aber ­eine Gewichtseinsparung von 18 Kilogramm. Unbescheiden präsentiert sich zudem der Dachspoiler mit seinen seitlichen Flügelchen. Der aerodynamische Feinschliff beschert dem Turbo GT 40 Kilogramm mehr Anpressdruck, den absoluten Wert verraten die Zuffenhausener aber wohlweislich nicht. Trotzdem fährt der GT optisch eindeutig weiter in der Spur der übrigen Cayenne, was noch deutlicher auf das Interieur zutrifft. Klar, die Logos an den Halbschalensitzen erinnern den Fahrer daran, dass er sich den wildesten der Porsche-SUV zugelegt hat, aber sonst ist nur noch das allgegenwärtige Alcantara ein weiteres Indiz.

Andererseits darf der Turbo GT als Alphawolf ein neues System einführen. Er hat die Ehre, als erster die sechste Generation des Porsche-Infotainments verpasst zu bekommen. Die Rechnerleistung hinter dem 12.3-Zoll-Bildschirm mit toller Auflösung wurde hochgefahren, Auffrischungen erfolgen künftig kontinuierlich per Internet (over-the-air), und die Anbindung von Android- und Apple-­Smartphones ist verbessert. Die Menüs und Untermenüs sind schnell erlernbar, trotzdem ist die Optionenvielfalt enorm. Das wird teils wettgemacht durch die verbesserte Stimmerkennung, welche die natürliche Sprechweise erkennt. Allerdings sind die Ohren noch nicht ganz auf dem Niveau der besten Systeme der Konkurrenz.

Unerwartet frenetisch

Unsere Ohren freuen sich jedenfalls am Sound des stärksten Serien-V8, den Porsche je gebaut hat. Der Vierliter-Biturbo erwacht mit einem langen Aufheulen zum Leben. Was dann folgt, zeigt eindrücklich, dass der GT nicht nur eine überarbeitete Version des normalen Turbo darstellt. Beim Tritt auf das Gaspedal versetzt das Heck den Turbo GT auf nasser Fahrbahn, der Fahrer hat alle Hände voll zu tun, die Bestie wieder einzufangen. Der aufmüpfige Charakter wirkt wie eine Droge, wir konnten es nicht lassen, den Turbo GT auf kurviger Strecke anzuspornen, ausladende Abmessungen hin oder her. Und wieder überraschte uns das SUV, der GT eilte geradezu leichtfüssig durch Biegungen. Der schnellste unter den Cayenne weist kaum Karosserieneigung auf, verschlingt gierig alle Geraden und hat immer mächtigste Kräfte in petto. Sein Spieltrieb wirkt ansteckend, man kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wer hätte es gedacht: Ein Cayenne, der wirklich Spass bereitet!

Die wenigen, geglückten Eingriffe genügen, die Pfunde vergessen zu machen und dem SUV einen ganz anderen Charakter zu verleihen. Aber alle Kunstgriffe wären umsonst, wenn unter der Motorhaube kein aktiver Vulkan am Werk wäre. Der Biturbo-V8 explodiert ab den ersten Kurbelwellenumdrehungen und lässt seine Kräfte ungebändigt bis zum Einsetzen des Drehzahlbegrenzers walten. Der Achtzylinder macht beim Beschleunigen eine kleine Verschnaufpause, gerade lang genug, dass das Getriebe den Gang wechseln kann, und weiter gehts mit dem erbarmungslosen Vorwärtsdrang. Der Allradantrieb ist der Energie gewachsen und wandelt diese in Tempo um, statt die Gummis durchdrehen zu lassen. Die Bremsen mit enormen Keramikscheiben und Zehn-Kolben-Sätteln vorn schaffen es auf brachiale Art, die Fuhre zu bändigen. Der Turbo GT kommt aus 100 km/h nach nur 32.7 Meter zum Stehen. Solche Werte würden auch erklärten Sportwagen gut anstehen. Im brutalen Einsatz lässt sich natürlich auch ein gewisses Fading provozieren. Ebenfalls ein wenig Nachholbedarf sehen wir bei der Lenkung. Sie arbeitet sehr spontan, aber mit etwas wenig Rückmeldung. Auf der AR-Normrunde ermittelten wir ­einen Verbrauch von 11.2 Litern pro 100 Kilometer, der Durchschnitt über die gesamte Testdauer betrug 14.8 l/100 km. Auf den ersten Blick sind das hohe Werte, aber vergessen wir nicht, dass wir es mit einem Monster mit 640 Pferdchen zu tun haben. Zuletzt muss noch ein Wort zum Konzept Sport-SUV-Coupé gesagt werden – eigentlich eine Absurdität. Der Cayenne Turbo GT kann diese Widersprüche nicht ausmerzen, aber wenn einer das Beste aus der Marketingidee machen kann, dann ist es der Ausnahmekönner aus Zuffenhausen.

Testergebnis

Gesamtnote 84/100

Antrieb

Bewertung: 4.5 von 5.

3.6 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h sind eine Ansage: ­Motor, Getriebe, Kraftübertragung – alles ist in Höchstform.

Fahrwerk

Bewertung: 4.5 von 5.

Der V8 ist ein Schmuckstück, aber die Fahrwerksabstimmung ist vielleicht das grösste Highlight des GT. Seine Handlichkeit setzt in dieser Klasse neue Massstäbe, ohne dass der Komfort völlig ausgeklammert würde.

Innenraum

Bewertung: 4 von 5.

Das Infotainment ist auf dem neusten Stand, nur der etwas umständliche ­Menüaufbau des Vorgängers treibt weiter sein Unwesen. Wichtig zu wissen: Den Turbo GT gibt es nur als Vierplätzer.

Sicherheit

Bewertung: 4 von 5.

Die Fahrerassistenzsysteme arbeiten unauffällig, was gut zum Charakter des Wagens passt. Die Bremsen sind brachial.

Budget

Bewertung: 3.5 von 5.

Mit mehr als 250 000 Franken lässt sich der Cayenne Turbo GT seine ­Tugenden fürstlich entgelten. Immerhin hält sich Porsche in diesem Fall bei der Aufpreisliste zurück.

Fazit 

Ein echtes Mitglied der GT-Familie ist der Cayenne Turbo GT nicht, er bringt aber auch keine Scham über die Bezeichnung. Ganz im Gegenteil: Mit einigen wenigen Kunstgriffen am Fahrwerk stellten die Techniker ­einen ungemein handlichen Cayenne auf die Räder, der gerne Kurven fährt und vor allem Spass macht. Das Handling und die Leichtfüssigkeit in Verbindung mit einem Restkomfort sind der neue SUV-Standard.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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