Das Geschlecht als Risikofaktor

Comparis kritisiert ­unterschiedliche Versicherungsprämien für Männer und Frauen als diskriminierend. Sind sie das wirklich?

Auch wenn es nicht dem aktuellen Trend entspricht, aber in gewissen Bereichen sind nicht die Frauen, sondern die Männer benachteiligt. Und wir meinen damit nicht den obligatorischen Militärdienst. Wie aus einer Studie des Vergleichsdienstes Comparis hervorgeht, bezahlen Männer im Durchschnitt höhere Prämien für die Autoversicherung als Frauen. Der Unterschied ist nicht signifikant, der Aufschlag beträgt durchschnittlich bloss 1.3 Prozent. Man darf annehmen, dass dieser Nachteil von ungefähr 20 Franken jährlich das Jahresbudget der Männer nicht zu sehr belastet. Für Comparis geht die Problematik aber über diesen vernachlässigbaren Preisunterschied hinaus und wirft eine Grundsatzfrage auf: «In der aktuellen Zeit der Genderdiskussionen und Gleichstellung ist eine geschlechtsabhängige Preisgestaltung überholt», ist Andrea Auer, Mobilitätsexpertin bei Comparis, überzeugt.

Hato Schmeiser, Professor für Versicherungs-­Risikomanagement und -Wirtschaft an der Universität St. Gallen, widerspricht dieser Aussage klar. Was auf den ersten Blick nach einer Diskriminierung aussehe, sei in Wirklichkeit eine Risikoabschätzung: «Eine Diskriminierung bedeutet, dass es keinen objektiven Grund für die unterschiedliche Behandlung von zwei Personengruppen gibt.» Dies sei etwa der Fall, wenn zwei Personen die gleiche Arbeit leisteten, eine aber schlechter bezahlt werde. Bei den Versicherungen sieht Schmeiser dieses Problem aber nicht: «Im Bereich der Fahrzeugversicherung gibt es jedoch objektive Gründe, denn junge Männer verursachen höhere Schäden als junge Frauen. Eine Unisex-Prämie, wie sie in der EU-Pflicht ist, führt bei der Motorfahrzeugversicherung dazu, dass die Prämie gewisser Männer, die eigentlich mehr bezahlen müssten, von den Frauen gegenfinanziert werden.»

Anders ausgedrückt, Männer müssen mehr bezahlen, da sie statistisch betrachtet mehr Unfälle verursachen als Frauen – vor allem Unfälle mit Schwerverletzten. Gemäss Sinus-Bericht der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) sind Männer fast doppelt so oft für Unfälle mit Schwerverletzten verantwortlich wie Frauen: 29 Prozent der schweren Unfälle werden von männlichen Autofahrern verursacht und bloss 15 Prozent von weiblichen. (Bei den restlichen 56 Prozent waren nicht die Autofahrerinnen oder -fahrer schuld.)

Auch bei den Getöteten sind die Zahlen eindeutig: Doppelt so viele Männer wie Frauen verlieren ihr Leben im Strassenverkehr. Die Experten der BFU erklären diese höhere Sterberate bei Männern durch die Tendenz, sich auch einmal nach ­einem Glas zu viel noch ans Lenkrad zu setzen oder zu sehr mit dem Gaspedal zu spielen. «Diese Faktoren führen häufig zu Schleuder-/Selbstunfällen, die bei Männern häufiger registriert werden und deutlich schwerwiegender sind als Kollisionen», heisst es im Sinus-Bericht.

Männer in der EU von Frauen finanziert

Die Versicherungsgesellschaften weisen die Behauptung zurück, dass Männer mehr zahlen als Frauen, und verweisen auf den Risikobegriff. «Aus unserer Sicht ist es keinesfalls diskriminierend», erklärt Bernd de Wall, Sprecher der Allianz. «Unser Ziel ist es, jedes Risiko so gerecht wie möglich einzupreisen. Dafür haben wir entsprechende Risikogruppen. Diese enthalten zahlreiche  Faktoren oder Variablen wie zum Beispiel technische Daten des Fahrzeugs, Staatsangehörigkeit, Alter, Benutzung oder Leasing. Jeder Faktor, auch das Geschlecht, kann eine Auswirkung auf die Prämie haben.» Bernd de Wall fügt ausserdem an: «Diese Unterscheidung nach Geschlecht ist gängig in der Schweiz und wird bei allen Versicherungsanbietern praktiziert.» In der Schweiz ist es erlaubt, Männer und Frauen unterschiedlich zu behandeln. Im Gegensatz dazu hat der Europäische Gerichtshof am 1. März 2011 entschieden, dass in der EU jegliche geschlechtliche Diskriminierung gesetzeswidrig ist. «Das ist eindeutig eine politische Entscheidung», bedauert Hato Schmeiser von der Universität St. Gallen. Die Versicherer hätten auch bereits ein Schlupfloch gefunden, um dieses Verbot zu umgehen, erklärt Schmeiser: «Die EU hat nicht berücksichtigt, dass das Geschlecht für die Festlegung ­einer Prämie nicht zwingend erforderlich ist. Einige Fahrzeugtypen oder Farben werden oft von Männern oder Frauen bevorzugt, somit kann das Geschlechtskriterium fast vollständig substituiert werden. Die Regulierung erzeugt damit nicht die gewünschte Wirkung, und die Regulierungskosten zahlen zuletzt alle Kunden.» Das Problem verschiebt sich: Die Prämie jener Männer, die mehr bezahlen müssten, wird somit von der Prämie der Frauen gegenfinanziert. Schmeiser kritisiert die Unisex-Prämie auch als Nachteil für die Frauen, weil zur Bekämpfung einer vermeintlichen Ungerechtigkeit eine neue Ungerechtigkeit geschaffen werde. Jetzt bezahlten die Frauen in der EU nämlich mehr, als es das von ihnen dargestellte Risiko rechtfertige. 

Dass die Männer riskanter fahren als Frauen und den entsprechenden Preis dafür zahlen, ist nicht in Stein gemeisselt: Die von Comparis erstellte Tabelle zeigt, dass Frauen bei Generali mehr bezahlen. Auch die Vaudoise-Versicherung bestätigt auf Nachfrage, dass die Prämien für Frauen teurer sind: «Unsere Statistiken zeigen, dass Frauen öfter in kleine Unfälle verwickelt sind. Somit zahlen Frauen eine leicht höhere Prämie», erklärt Valérie Beauverd, Sprecherin bei Vaudoise.

Das Individuum, nicht die Gruppe

Jetzt kann man sich die Frage stellen: Warum ist bei der Risikokalkulation das Geschlecht weniger akzeptiert als andere Kriterien wie das Alter oder die Nationalität? «Die Berechnung einer Prämie nach Staatsangehörigkeit ist ebenso diskriminierend wie die Festlegung nach Geschlecht», wirft Andrea Auer von Comparis ein. «Beim Alter verhält es sich anders. Die Erfahrung am Steuer spielt eine Rolle.» Hato Schmeiser sieht hingegen auch ein Risiko bei älteren Autofahrern: «Ein älterer Fahrer ist ein grösseres Risiko. Warum sollte man diesen Punkt nicht berücksichtigen und damit andere Versicherungsnehmer zur Kasse bitten?» Der Professor weist in diesem Zusammenhang auf die Besonderheiten der Automobilversicherung hin: «In einigen Bereichen wie zum Beispiel der Krankenversicherung gibt es Quersubventionen, die gesetzlich vorgeschrieben sind, denn man kann seinen Gesundheitszustand nur in gewissen Grenzen beeinflussen. Im Bereich der Automobilversicherung werden Preisdifferenzierungen nach zahlreichen Kriterien von Kunden eher akzeptiert als in der Krankenversicherung, denn man kann seine Fahrweise und damit das Risiko in erheblichem Masse selbst beeinflussen.»

Bestimmte Datenerfassungssysteme – die berühmte Blackbox der Versicherer – ermöglichen die Aufgabe des Modells der Gruppendiskrimierung zugunsten einer persönlichen Differenzierung. Somit bezahlt jeder Fahrer nur für das von ihm dargestellte Risiko und nicht für seine Nationalität oder sein Geschlecht. Und wenn man der Versicherung solche Angaben gar nicht machen möchte? Schmeiser: «Selbstverständlich ist es nachvollziehbar, dass Kunden bestimmte Infor­mationen nicht mit dem Versicherer teilen wollen, dazu kann auch das Geschlecht gehören. Aber auch diese Gruppe wird nicht ausgeschlossen, da es Anbieter am Markt gibt, die weniger Infor­mationen nachfragen.» Die Prämien werden dann auch entsprechend höher ausfallen. Die Freiheit, auch im Versicherungssektor, hat immer ihren Preis.

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