Reizunterflutung

Spricht man von ikonischen Audi-­Modellen, fällt ausser Ur-Quattro vor allem ein Name: RS2 Avant. Aber wird der Pionier der Sportkombis den Erwartungen noch immer gerecht?

Etwas gestutzt haben wir schon. «Wieso seid ihr alle so geil darauf, den RS2 zu fahren? Was soll an der Karre so besonders sein?», fragte einer der Journalistenkollegen, als die Schlüssel ausgehändigt wurden. Und es war nicht einer der jüngeren Generation, der noch keine Ahnung hat von Klassikern. Nein, der Kollege war wohl bei der Präsentation des Audi-­Porsche RS2 im Jahr 1994 bereits älter, als das Auto heute ist. Es folgte also eine Gedenksekunde. Ja, wieso eigentlich? Was ist der Reiz des RS2 Avant, den Audi vor bald 30 Jahren gemeinsam mit Porsche entwickelt hat? Audi selber ist sicher nicht ganz unschuldig daran, dass der RS2 zu der Ikone hochstilisiert wurde, die er heute ist. Er sei der erste Kombi mit den Fahreigenschaften ­eines Sportwagens, das erste RS-Modell von Audi und sowieso: die Geburtsstunde von Audi Sport, heisst es aus Ingolstadt (D).

Tatsache ist: Der Audi RS2 war bei der Präsentation im Jahr 1994 das allererste RS-Modell von Audi. Entwickelt wurde der RS2 gemeinsam von Porsche und Audi, weshalb man in Deutschland komplett auf eine Markenbezeichnung verzichtete. Das Auto hiess einfach Avant RS2. An der Front und am Heck trug er die vier Ringe, dazu das kombinierte Porsche-Audi-Logo, auf den Bremssätteln den Porsche-Schriftzug. Auf dem Motor prangten beide Namen. Die Nähe zum Audi S2 und dessen Basis, dem Audi 80, war aber unverkennbar, sodass man sich in der Schweiz für die Bezeichnung Audi RS2 entschied. Bereits der S2 Avant war alles andere als ein Langweilerkombi, sein Reihenfünfzylinder mit Turbolader leistete 170 kW (230 PS) und dank Overboost des Turboladers bis zu 380 Nm, und der Allradantrieb war Serie. Nicht ohne Grund galt der S2 Coupé als Nachfolger des Ur-Quattro.

Dass Audi bei dem Projekt deutlich prominenter als Porsche in Erscheinung trat, hatte wohl auch wirtschaftliche Gründe. Für Audi war der RS2 gewissermassen ein Prestigeprojekt, sollte die mit dem Quattro begonnene Linie der Alltagssportler auf ein noch alltäglicheres und trotzdem noch sportlicheres Niveau heben. Für Porsche ging es derweil vor allem darum, sich wo immer möglich noch Einnahmequellen zu sichern. Die Marke stand in den 1990er-Jahren nach den wenig erfolgreichen Kooperationen mit VW und dem alternden 993 bereits mit zwei Rädern im Strassengraben. Die Auftragsproduktion des E500, den Mercedes gegen einen ordentlichen Obolus in Zuffenhausen (D) fertigen liess, lief Ende 1994 aus, und es mussten neue Geldquellen her. Deswegen soll, so heisst es, der ewige VW-Chef und Porsche-Mitbesitzer Ferdinand Piëch persönlich die beiden Marken zusammengeführt haben in der «Arbeitsgemeinschaft Audi Porsche RS2».

Die Zeiten ändern sich

Dass man bei Audi für den RS2 wirklich auf die Hilfe aus Stuttgart (D) angewiesen war, glaubt niemand so recht. Der Einfluss von Porsche beschränkt sich mehrheitlich auf optische Feigenblätter wie die Frontschürze mit den dreigeteilten Lufteinlässen, die an die Gestaltung des 993 erinnert, sowie die Nebelscheinwerfer und die Seitenspiegel, die direkt aus dessen Produktkatalog übernommen wurden. Dazu kamen die markanten 7×17-Zöller im Cup-Design und augenfällig dahinter platziert die Vierkolben-Bremssättel mit belüfteten Bremsscheiben aus dem Porsche 968. Die Tester der AR attestierten dem Sportkombi Mitte der 1990er-Jahre Bestnoten für die «überaus effizienten und standhaften Hochleistungsbremsen». Und das will etwas heissen, schliesslich setzten die AR-Tester den Avant RS2 in direkte Konkurrenz mit dem Porsche 911 und dem BMW M3.

Der Kollege hatte recht. Im Ansatz zumindest. Der RS2 ist tatsächlich keines dieser Autos, die beim Fahrer schon beim Platznehmen den Boah-Geil-Reflex auslösen und bei denen sofort klar ist, weshalb sie zur Ikone wurden. Der RS2 ist einfach – ein alter Audi. Was wohl daran liegt, dass er schon bei seiner Erscheinung auf Understatement aus war. Die drei zentralen Uhren für Ladedruck, Öltemperatur und Batteriespannung geben einen Hinweis auf die Sportlichkeit, ebenso die Karbonblende mit eingewobenen blauen Fäden im Armaturenbrett. Ansonsten: Zurückhaltung. Dass die Sportsitze von Recaro mit den Mittelbahnen in blauem Alcantara passend zur Wagenfarbe Nagaroblau eine Exklusivität des RS2 waren, wissen heute bestenfalls noch Kenner. Noch schwieriger wird es für den bald dreissigjährigen Kombi, mit der Mechanik aufzutrumpfen. Die einstige Hochleistungsbremse von Porsche ist weit von der Beisskraft der heutigen Mittelklasse entfernt.

Der Fünfzylinder-Reihenmotor hat Tradition bei Audi, was aber im RS2 verbaut ist, hat nichts zu tun mit den Motoren, wie sie heute in RS3 und Konsorten stecken. Der 2.2-Liter-Turbo stammt aus dem S2 Avant, wo er 230 PS leistete. Für den RS2 gab es unter anderem einen grossen Turbolader, der Motor leistet somit 315 PS. Die Leistungszunahme sei linear über ein weites Drehzahlband, ein Turboloch kaum auszumachen, schrieben die Tester damals. Die Zeiten ändern sich, die Massstäbe auch. Tritt man beherzt aufs Pedal, geschieht erst einmal nichts. Dann nichts. Dann … immer noch nichts. Und dann kommt der Turbolader in die Gänge, die 315 Pferde schieben die Karre vorwärts. Es hat etwas Archaisches, auch wenn der Lader nicht mit derselben Härte einsetzt wie bei den früheren Quattro-Modellen.

Aber der Reiz, er ist da – wenn man weiss, welchen Entwicklungsschritt der RS2 mit seiner flachen Drehmomentkurve darstellte. Von 2800 bis 5000 U/min liegen mehr als 400 Nm Drehmoment an, die Spitze von 410 Nm wird bei 3000 U/min erreicht. Dass ein Turbolader so alltagstauglich in ­einem Familienkombi eingesetzt werden konnte, war tatsächlich ein Novum. In 5.4 Sekunden beschleunigte er auf Tempo 100, Schluss war bei 262 km/h – den Gerüchten nach soll man ihn der Reifen wegen bei dieser Geschwindigkeit abgeriegelt haben. Der sportwagenmässige Beschleunigungswert – die Tester der AUTOMOBIL REVUE unterboten die Werksangabe sogar um eine Zehntelsekunde – sei nur unter optimalen Bedingungen und mit blitzschnellen Schaltmanövern erreichbar, im Alltag sei das Auto klar weniger schnell, hiess es im Jahr 1994. Das gilt heute umso mehr. Denn um wirklich zügig durch die Kurven zu kommen, ist auch viel Handarbeit nötig am Sechsgang-Getriebe.

Eben doch besonders

Der Quattro-Antrieb war Serie, das Fahrwerk musste noch ganz ohne adaptive Feder- und Dämpferraten die Gratwanderung zwischen straffer Abstimmung und Alltagskomfort meistern – was ganz gut gelang. Selbstverständlich ist es weder das eine noch das andere, und heute geht deutlich mehr, was die Spreizung anbelangt, aber wir wollen ja nicht dauernd Äpfel mit alten Birnen vergleichen. Die Lenkung ist auch – oder erst recht – für heutige Verhältnisse äusserst präzise, und der RS2 folgt den Bewegungen sauber durch die Bögen. Als Längssperre kommt ein Torsendifferen­zial zum Einsatz, das Differenzial auf der Hinterachse lässt sich manuell sperren. So fährt sich der RS2 Avant deutlich zivilisierter als ein reinrassiger Sportwagen, auch wenn er ständig mit Porsche 911 Carrera und BMW M3 verglichen wurde.

2200 Stück des RS2 Avant wollte die Arbeitsgemeinschaft Audi Porsche RS2 eigentlich bauen, am Ende waren es mehr als 2800. Genau 99 900 Franken betrug der Basispreis für einen Neuwagen bei seiner Lancierung, heute entspräche das rund 115 000 Franken. Und der Preis hat sich erstaunlich gut gehalten. Eine Wertanlage war er nicht, aber für gepflegte gebrauchte RS2 werden auch heute noch um die 75 000 Franken bezahlt. Zuschlagen hätte man vor einigen Jahren müssen, als sich die Preise bei knapp 40 000 Franken bewegten. Wie fast jedes Kultauto hatte auch der RS2 Avant einen preislichen Durchhänger, bevor das Interesse wieder anzog. Denn der Kollege hatte eben doch nicht recht. Die Karre ist schon etwas Besonderes, auch ohne dass sie dies übertrieben kundtut. 

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