Die Wunderkugel

Zumindest fast. Der Micro­lino wurde in der Schweiz erdacht und gehört in die Kategorie der Leichtfahrzeuge. Doch das ist längst nicht alles, wie eine erste Proberunde ergeben hat.

Was kann denn schiefgehen, wenn aus Spass – einem recht unbedarft hingezauberten Konzeptwägelchen – Ernst werden soll? Im Prinzip alles und noch einiges dazu. Die Geschichte des Microlino und dessen zwei Anläufe, bevor wir uns an ­einem heissen, sonnigen Tag damit vom Microlino-Hauptquartier in Küsnacht ZH auf eine Spritzfahrt nach Zürich wagen konnten, tönen wie ein Krimi. Gut möglich, dass sich dereinst jemand finden lässt, der sie für Vater Wim und seine Söhne Oliver und Merlin Ouboter, die Microlino-Macher, niederschreibt. Doch das Magische an einem, nun, Auto ist in diesem Fall ein grosses Wort, an einem Fahrzeug also ist, dass es einen all die Mühe und Pein vergessen lässt, sobald es fährt. Der prächtigen Laune von Merlin und Oliver Ouboter bei unserem Besuch und der Testfahrt nach zu schliessen, gilt das auch in diesem Fall. Und auch für uns, wie wir alsbald feststellen durften.

Zweieinhalb Meter grosser Strassenfloh

Das Erstaunliche bei der lang ersehnten, ersten Begegnung mit dem Bubblecar in Blech – denn genau daraus besteht der Microlino, der gebaut ist wie ein Grosser! – ist das überzeugende Package. Das Fahrzeug hat keine optische Schwachstelle. Natürlich wirkt die Front wie eine historische Kühlschranktür. Aber das verrät, woher die Macher ihre Inspiration hatten. Dem Microlino stand die Isetta Pate. Diese stammte aber nicht von BMW, um das zu betonen, sondern vom ehemaligen italienischen Kühlschrankproduzenten Renzo Rivolta mit seiner Firma Isothermos, die später zu Iso Rivolta wurde. Inspiration ist gut, in Realität ist der Microlino von der seligen Isetta allerdings so weit entfernt wie der VW ID 3 von einem Brezel-Käfer.

Merlin Ouboter zeigt uns, wie sich die Tür des Microlino wie von magischer Hand selber öffnet: «Sie hat auch eine Zuziehhilfe, denn es steckt aus raumökonomischen Gründen eine Menge Elektronik in der Tür, häufiges Zuschlagen schien uns da keine gute Idee.» Allerdings wirkt diese Warnung wie so vieles beim Auftritt von Microlino wie zu viel falsche Bescheidenheit. Denn alles scheint hier bestens zusammengefügt zu sein, da klappert und wackelt nichts, auch in den Winkeln und an nicht sofort sichtbaren Stellen ist der Microlino gut verarbeitet. Hat man sich hinter dem feststehenden Lenkrad eingefädelt, sitzt man ganz passabel. «Wir haben uns die wegschwenkende Lenksäule der alten Isetta angeschaut, doch das ist eine wacklige Angelegenheit, darum ist sie beim Microlino fix», bemerkt Oliver Ouboter dazu. Der Einstieg gelingt dennoch ohne grosse Verrenkungen, man schreitet buchstäblich ins Fahrzeug hinein, dreht sich um und setzt sich, voilà!

Schlicht schön

Wir legen die Hand ans Lenkrad, drehen den Schlüssel, stellen das Drehrad auf Position D, lösen die Handbremse und sind abfahrbereit. Nein, halt, noch nicht ganz, ein lockerer Schwenker mit der rechten Hand öffnet das kleine Faltdach. «Der Stoff ist derselbe, wie ihn ein süddeutscher Sportwagenbauer verwendet», so Oliver. Und wir öffnen auch beide Seitenscheiben, so wie beim ersten Mini oder der Dyane von Citroën: mit einer gleitenden Handbewegung nach hinten. Das geht schnell, leicht und war – man staunt – laut Ouboters keine billige Lösung: «Einen elektrischen Fensterheber hätten wir von manchem Zulieferer für kleines Geld einkaufen können, die Gleitschienen und der Fensterbeschlag mit allem, was dazu gehört, kosten unter dem Strich deutlich mehr. Und es war gar nicht so leicht, etwas Passendes zu finden.» Der Grund für die Schiebefenster waren also nicht die Kosten, sondern schlicht der fehlende Platz in der Seitenwand des Microlino.

Dafür glänzt die kleine Raumkapsel mit der schlichten Eleganz ihrer Konstruktion. Der kleine Screen hinter der Lenksäule liefert die nötigen Infos wie Ladestand und Geschwindigkeit, an der Säule selbst sitzt lediglich ein Lenkstockhebel für Blinker, Licht und Hupe. Alles weitere – ja, es gibt sogar eine Heizung – lässt sich mit einem Touchdisplay in der Grösse ­einer Bleistiftschachtel in der Türmitte unter der Frontscheibe bedienen. Die Skepsis verfliegt schnell, es gibt nicht allzu viele Bedienpunkte, und die Symbole sind selbsterklärend. Die Sitzbank erinnert mit der fehlenden Konturierung und dem relativ straffen Polster an jene einer Seilbahngondel. In der Breite reicht sie für zwei moderat gebaute Menschen. Zur Linken wünschte man sich eine Armauflage, die Seitenwand lässt so viel Luft, dass der Ellbogen ins Leere fällt.

Wir nehmen den Fuss von der Bremse – und der Microlino bleibt zunächst stehen. Das simulierte Kriechen kennt er nicht. Erst ein Tritt auf das Fahrpedal setzt das Stadtcoupé in Bewegung. Der Blick nach vorne ist gut, durch die Türkonstruk­tion sind einzig die A-Säulen reichlich dick ausgefallen. Daran muss man sich zuerst gewöhnen. Durch die offenen Seitenscheiben gilt es auch, die Seitenspiegel zu verstellen. Das gelingt dank der geringen Breite für beide Seiten. Einen Innenspiegel sucht man im Microlino vergeblich, was sich allerdings verschmerzen lässt.

Den Aufgaben gewachsen

Es surrt und heult von der Achsuntersetzung. «Wissen wir. Wir arbeiten daran», sagt Oliver Ouboter. Der Zwerg zieht wacker los, in fünf Sekunden soll er Innerortstempo erreichen. In der Praxis behalten wir im dichten Verkehr regelmässig die Oberhand, ein gewichtiger Vorteil beim Spurwechsel. Die Lenkung, die keinen Servo braucht, ist sehr direkt und knackig. Es ist dem Microlino anzumerken, dass er von versierten Fahrwerkingenieuren abgestimmt wurde. Die Bremse, die ebenfalls ohne Servo nur vom Wadenmuskel des Fahrers betätigt wird, fühlt sich recht trocken an. Dank des geringen Wagengewichts von etwa 500 Kilogramm samt Batterie ist sie aber höchst effizient. Der Microlino ist straff gefedert, doch wider Erwarten alles andere als ein Schlaglochsuchgerät wie manches echte Dreirad-Leichtfahrzeug. Die hintere Spur ist so bemessen, dass ein Kanaldeckel zwischen den Rädern hindurchpasst. Die Antriebsachse operiert trotz ihrer kompakten Ausmasse mit Querlenkern und Federbeinen und ist damit um Welten aufwändiger, als man dies bei einem solchen Fahrzeug vermuten würde. Vorne gibt es dasselbe Grundprinzip. Auch dank der selbsttragenden Stahlblechkarosserie mit Aluflanken darf man vom Microlino eine angemessene Sicherheit erwarten. Und zu guter Letzt befindet sich im Heck des Wägelchens und dank einer grosszügigen Klappe leicht zugänglich ein ordentlicher Kofferraum mit 230 Litern Ladevolumen. Diese stehen selbst einem richtigen Kleinwagen gut an. Wir sind schon jetzt gespannt, auf welche Ideen künftige Besitzerinnen und Besitzer kommen werden, was man in einem Microlino alles transportieren könnte.

Eigene Produktion in Turin

Die Irrungen und Wirrungen mit dem ersten anvisierten, italienischen Produktionspartner Tazzari, der in der Folge an den deutschen Hersteller Artega verkauft wurde und woraus sich für Microlino nicht akzeptable Begehrlichkeiten ergaben, sind ausgestanden. Im Moment läuft ein eigenes Produktionsband in einer eigenen Halle beim neuen Partner Cecomp an. Das 1978 gegründete Unternehmen in Turin (I) besitzt nicht nur ein eigenes Presswerk, sondern pflegt beste Beziehungen zur Autoindustrie. Die besondere Stärke liegt im Prototyping und in der Herstellung kleinerer Serien. So stammt etwa auch die Aussenhaut der Alpine A110 von hier. Für den Microlino brachte Cecomp zudem wertvolle Inputs in Sachen Engineering ins Projekt ein. «Wir mieten bei unserem Partner unsere eigene Produktionshalle, die Produktionsstrasse ist unser Eigentum», erklärt Oliver Ouboter die Beziehungsverhältnisse. «Fast alle Kom­ponenten des Microlino stammen überdies aus Europa, nur die Batteriezellen werden mangels Alternativen aus China bezogen», fährt Ouboter fort. Aktuell verlassen die ersten Serienfahrzeuge das Werk, im Herbst wird die Produktion hochgefahren. Etwa 15 000 Microlino pro Jahr beträgt die Produktionskapazität in Turin. Die Chancen, dass diese Zahl erreicht wird, stehen gut, das Fahrzeug weckt, wo immer es auftaucht, grosses Interesse.

Weiter als gedacht

Für unseren kleinen Ausflug von Küsnacht in die Zürcher Innenstadt und zurück, eine typische Pendlerstrecke, benötigte der Microlino mit der mittleren Batterie gerade einmal zehn Prozent der Ladung. Drei Batterien stehen für den Microlino zur Wahl. Mit 6 kWh soll er 95 Kilometer weit kommen, die von uns gefahrene 10.5-kWh-Batterie bringt ihn 175 Kilometer weit. Und mit 14 kWh und 230 Kilometern Reichweite darf sich die Kugel weit aus der Agglomeration entfernen. In jedem Fall sorgt ein 12.5 kW starker Motor mit 89 Nm Drehmoment für Vortrieb, bei Bedarf bis gegen 90 km/h schnell. Mit der kleinen Batterie startet der Preis bei knapp unter 15 000 Franken. Das tönt nach viel, allerdings kann der Microlino weit mehr, als man ihm zunächst zutraut. 

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