Kultiger Nachfolger

Nach Jahren von Ankündigungen bringt VW mit dem ID Buzz endlich den elektrischen Nachfolger des VW-Busses. Er hat grosses Potenzial, zum nächsten Kult-Bulli zu werden.

Vier Mal. Vier Mal hätten wir den ID Buzz auf der Stelle verkaufen können während des halben Tags, an dem wir mit dem Auto unterwegs waren. Da soll noch einer sagen, Elektromobilität sei nicht sexy. Hätte uns Volkswagen nicht drei Jahre lang auf die Folter gespannt mit der angekündigten elektrischen Neuauflage des Bulli und die Elektrifizierung mit einem funktionierenden (!) ID Buzz lanciert anstatt mit dem problemgeplagten ID 3, die Verkaufszahlen wären wohl durch die Decke gegangen. Wir wagen sogar zu behaupten: Wahrscheinlich hätten einige Käufer erst bei der Auslieferung mitbekommen, dass das Auto gar keinen Verbrennungsmotor mehr hat. Denn der Bulli ist Kult, und Kult funktioniert immer. Und zum ersten Mal seit 40 Jahren hat VW mit dem ID Buzz wieder etwas, das irgendwie an den Ur-Bulli erinnert. Bei genauem Hinschauen und auf den ersten Testfahrten zeigt sich schnell, dass die Gemeinsamkeiten, ob gewollt oder nicht, des ID Buzz mit dem T1 und T2 noch weitergehen, als sein Aussehen und die entsprechend aufgegleiste Marketingkampagne vermuten lassen.

Die optischen Anleihen sind offensichtlich, und tatsächlich passt die über 70 Jahre alte Form des Bulli mit dem verhältnismässig langen Radstand und den kurzen Überhängen perfekt zu den aktuell vorherrschenden Designtrends für Elektroautos. Aber auch technisch gibt es wohl kaum eine Konstruktion, die besser geeignet ist, die Grundideen des Bulli wieder aufzunehmen, als die Elektroarchitektur. Das flache Chassis mit der Batterie im Unterboden ermöglicht einen flachen Innenboden von vorne bis hinten. Der Heckmotor direkt im hinteren Achsträger lässt eine grosszügige Platzausnutzung zu, bei der Fahrer und Beifahrer weit vorne sitzen können, da kein störender Antrieb viel Platz über der Vorderachse in Anspruch nimmt. Und dann sind da noch die bewusst gewählten Gestaltungselemente wie die (optionale) Zweitonlackierung mit dem weissen Dach und dem V-förmigen Ausschnitt an der Front oder das Emblem an der Front, das zwar nicht ganz so gross ausfällt wie beim Ur-Bulli, aber doch deutlich grösser ist als bei den übrigen E-Modellen.

Platz und Plastik

Im Innenraum ist der ID Buzz teils Ur-Bulli, teils MEB – und auch zu einem guten Stück ganz neu. Hinter dem Lenkrad befindet sich das kleine, digitale Kombiinstrument, nur ist der Fahrstufenschalter nun an der Lenksäule platziert. Was bisher der rechte Lenkstockschalter war, ist neu der linke Schalter, der Blinker und Scheibenwischerbedienung vereint. Der grosse Infotainmentbildschirm sitzt zentral zwischen Fahrer und Beifahrer, die Bedienung ist dieselbe wie bei Golf und Co., und die Schalter darunter, falls es noch jemanden erstaunt, sind weiterhin unbeleuchtet. Das Armaturenbrett wurde neu gestaltet und ist nicht an die bisherigen ID-Modelle angelehnt (mit Ausnahme aller Knöpfe und Bedienelemente). Zu einem grossen Teil kommt Kunststoff in Holzoptik zum Einsatz, die Lüftungsdüsen stechen mit den quaderförmigen Verstellknubbeln ins Auge. 

Und überall gibt es viel Hartplastik. Grosszügig geht VW mit USB-C-Anschlüssen und mit Becherhaltern um, und auch Ablageflächen und -fächer gibt es ausreichend, speziell in der Cargo-Variante, bei der der gesamte obere Teil des Armaturenbrettes als praktisches Ablagefach ausgeformt ist. Bereits vor dem Losfahren zeigt sich ein deutlicher Unterschied zum Bulli: die Sitzposition. Diese ist nämlich erstaunlich weit hinter der Vorderachse, das Armaturenbrett nimmt enorm viel Platz ein zwischen dem Fahrer und der riesigen Frontscheibe. Auch ist das Lenkrad im PW-Stil sehr steil montiert, sodass das bus-typische Fahrgefühl eines alten VW-Busses im ID Buzz nicht so recht aufkommt. Nach vorne ist er auch nicht ganz so übersichtlich wie im ersten Moment erwartet, die Ecken sind weit weg, und der tote Winkel ist gross. Mittig ist die Windschutzscheibe oben und auch unten ausgeschnitten, dahinter sind die Sensorik für die zahlreichen Assistenzsysteme verpackt. Die flache Windschutzscheibe hat aber einen guten Grund: die Energieeffizienz. Mit dem Elektroantrieb ist auf einmal der Luftwiderstand in den Fokus der Entwickler geraten, denn je besser der cW-Wert, umso tiefer der Stromverbrauch und umso grösser die Reichweite. Und da kann der E-Bulli auftrumpfen: Gerade einmal 0.285 beträgt der cW-Wert dieser elektrischen Schuhschachtel. Zum Vergleich: Bei einem Golf beträgt er 0.30, bei einem Tiguan 0.32.

Und Platz im Fahrzeug gibt es immer noch viel. Erstaunlicherweise ist die zweite Sitzreihe weit vorne im Fahrzeug angebracht. Für die Passagiere steht zwar immer noch mehr als genügend Platz zur Verfügung, aber es ist nicht das Bus-Gefühl, wie man es aus den alten Bulli kennt. Dafür ist der Kofferraum riesig. Später soll übrigens auch noch eine Version mit verlängertem Radstand auf die Strassen rollen, in der noch mehr Platz zur Verfügung steht. Im ID Buzz Cargo ist der Laderaum geräumig, wenn auch nicht in den Dimensionen des bisherigen T6, sondern eben ganz im Stil des Ur-Bulli. Nur das Barn-Door gibt es nicht – aber lange wird es wohl nicht dauern, bis ein findiger Tuner hier den Schweissbrenner ansetzt. Das Ladevolumen für die wahlweise zwei- oder dreiplätzige Cargo-Version beträgt 3900 Liter, VW verspricht, dass zwei Europaletten quer in den Laderaum passen. Einziger Kritikpunkt: Wegen des Antriebs im Unterboden fällt die Ladekante verhältnismässig hoch aus.

Sympathischer Technologieträger

Auf der Strasse verhält sich der ID Buzz ganz ähnlich wie ein ID 4 – wenig überraschend, schliesslich gibt es bei den MEB-Fahrzeugen ohnehin kaum mehr Unterschiede im Fahrverhalten. Der Anzug aus dem Stand ist im ID Buzz dank des Elektromotors im Heck mit 150 kW (204 PS) auf jeden Fall kräftiger als je bei einem Bulli zuvor. Vorerst beschränkt sich VW auf diese eine Antriebsvariante, dass in Zukunft auch noch eine Allradvariante kommen wird, scheint aber so gut wie sicher. Der Schwerpunkt liegt wegen der hohen Konstruktion relativ weit oben, sodass der Aufbau in Kurven auch bei leerem Fahrzeug eine deutliche Wankneigung an den Tag legt. Bei Vollbesetzung dürfte das noch einmal anders aussehen. Dank der Einzelradaufhängung aller vier Räder fahren sich sowohl der normale Buzz wie auch die Cargo-Variante recht komfortabel. Für den Ur-Bulli soll Vorstandschef Heinrich Nordhoff das Leergewicht auf 850 Kilogramm festgelegt haben, um dieses Ziel zu erreichen, mussten die Entwickler am Ende noch die Heckscheibe weglassen. Davon ist der ID Buzz weit entfernt. 2.4 Tonnen wiegt er leer, 2.3 Tonnen in der Cargo-Variante. Bei einem Gesamtgewicht von drei Tonnen gibt das rund 700 Kilogramm Zuladung. 

Zu den Qualitäten eines modernen Autos gehört auch die elektronische Intelligenz. Da lässt VW den Buzz als Technologieträger fungieren: Der Travel-Assist wurde um den automatisierten Spurwechsel erweitert, er soll die Fahrbahn auch ohne Markierungen erkennen und dank Kommunika­tion mit anderen Autos von Schwarmintelligenz profitieren. Ausserdem erlernt er Parkiervorgänge und kann sie später selbständig ausführen.

Es gibt vieles, was man lieben kann am ID Buzz, aber am meisten ist es wohl die Tatsache, dass VW diesen Retro-Bus nun nach über zehn Jahren der Ankündigungen doch noch gebaut hat. Für die Early Adopters, was E-Umsteiger in diesem Segment noch immer sind, ist der Buzz wohl genau das richtige Gefährt: etwas hochpreisig zwar, dafür einfach richtig kultig. 

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