Letzte Runde?

Der Huracán hat eine weitere ­Variation erhalten. Der Tecnica bietet viel Detailverfeinerungen und eine grosse Menge an ungefiltertem Fahrvergnügen.

Bis 2024 will Lamborghini den Huracán noch bauen. Doch selbst wenn er bereits seit acht Jahren auf dem Markt ist, möchte man den kleinen Lamborghini nicht als alten Bekannten bezeichnen, denn er bleibt so auffällig wie immer. Aber ist er auch noch so aufregend wie früher?

Im Cockpit empfängt einen ein moderat beladenes Lenkrad mit Bedieneinheiten für Blinker und Scheinwerfer zur Linken und Scheibenwischer zur Rechten, eingelassen in die Speichen. Einen Spurhalteassistenten und dergleichen gibt es nicht. Auf der unteren, dritten Lenkradspeiche liegt der Wählschalter für die drei Fahrmodi Strada, Sport und Corsa. Der von Hand verstellbare Sitz unserer Ausstattungsvariante sorgt dafür, dass die beste Sitzposition ultraschnell gefunden ist, und erinnert daran, dass treffende Handgriffe mit ihrer Zielgenauigkeit jeden Elektrohilfsmotor ausstechen. Darum zum Teufel mit all den Helferlein, schnell sein heisst manuell sein! Der Huracán hat aber ohnehin nur wenige Helferlein, und die bedürfen keiner besonderen Erwähnung. Die Bildschirm­armaturen im Huracán sind gross und übersichtlich und um eine Galaxie besser als das, was von der englischen und italienischen Konkurrenz geliefert wird, dasselbe gilt für den Infotainmentteil.

Übersicht und Handlichkeit

Die Windschutzscheibe verläuft weit vor dem Gesicht der Insassen, die Fahrzeugfront ist nicht einsehbar. Die A-Säulen enden aber direkt über den Vorderrädern, womit sich die Fahrzeugdimensionen bestens einschätzen lassen. Auf den engen Inselstrassen Sardiniens (I), wo wir dem Huracán Tecnica die Sporen gegeben haben, sind 1.93 Meter Breite gerade noch erträglich, der Radstand von etwas über 2.6 Metern verspricht dazu gute Handlichkeit.

Hat der Fahrer Platz genommen, den Schutzbügel hochgeklappt und den Startknopf gedrückt, werden mit den Vibrationen des startenden 5.2-Liter-V10-Motors viele Fragen zur automobilen Fortbewegung hinfällig. Der Fahrer verspürt hinter dem Lenkrad nur noch eines: das Bedürfnis loszufahren. Die so direkte wie kultivierte Art, mit der es gelingt, diesen Italiener durch eine 30er-Zone zu lenken, und wie sehr sich dessen Charakter ändert, wenn die freie Wildbahn erreicht ist – oder die Landstrasse –, ist verblüffend. Bald schon führt eine Kurve über eine kleine Kuppe, dahinter tut sich ein Stück gerade Strasse auf, die mit leichtem Schwung in eine Rechtskurve mündet. Der Schalter am Lenkrad steht derweil auf Sport, der brillante V10 gibt seinen grossartigen Klang von sich. Auf ein Fingerschnippen wechseln die Gänge, das Auto folgt den Lenkbefehlen, als wäre es einige Hundert Kilogramm leichter. 

Die Gehirnströme oszillieren in der Frequenz der Tourenzahl. Der Gedanke, dass der Huracán seinen Look gar nicht braucht, um irgend etwas zu kompensieren, schiesst einem durch den Kopf – es ist alles da! Die Art, wie die Keramikbremsen zubeissen ist atemberaubend im Sinne des Wortes, die Lenkpräzision und das Feedback erlauben es, das Auto mit Leichtigkeit auf der Strasse zu platzieren, die unmittelbare Drehzahlveränderung auf kleinste Bewegungen des Gaspedals – ein Sauger halt – sind eine wahre Freude. Und in Sachen Akustik reicht es, ehrfürchtig zu schweigen! Den gehonten, verfeinerten und sportlich geschärften Huracán Tecnica begleitet nur ein einziger negativer Gedanke: Er ist ein Schritt mehr hin zum Ende des reinen Verbrennungsmotors aus Sant’Agata Bolognese. Der Blick zurück ist erbaulicher, der Huracán ist mit über 20 000 Einheiten der erfolgreichste Lamborghini-Sportwagen aller Zeiten. Dazu kommen 500 Rennwagen.

Subtil

Die Modifikationen am Tecnica sind subtil: Die Lenkung ist angepasst, das Steuerzentrum der elektronischen Fahrdynamikhelferlein LDVI (Lamborghini Dinamica Veicolo Integrata) neu abgestimmt, Gasannahme und Schaltung sind direkter als beim Evo. Die Hinterräder lenken bis zu einem Tempo von 50 km/h gegenläufig und darüber mit den Vorderrädern mit, was den Radstand virtuell um 22 Zentimeter verlängert und die Stabilität erhöht. Zudem fallen zehn Kilogramm Gewicht, eine Marginalie, durch die Verwendung von Karbon weg. Signifikant dagegen sind der um 35 Prozent höhere Abtrieb und der um 20 Prozent geringere Luftwiderstand. Die Höchstgeschwindigkeit des Tecnica liegt bei 325 km/h. Noch mehr Zahlen gefällig? Lamborghini hat im ersten Halbjahr 2022 exakt 5090 Autos ausgeliefert und einen Umsatz von 1.33 Miliarden Euro und einen Gewinn von 425 Millionen Euro erwirtschaftet. Die durchschnittliche Wartezeit auf ein Auto beträgt 18 Monate, das betrifft Kunden in 54 Märkten oder 174 Händler. Und ja, vom Huracán sind bis auf die letzten Monate vor dem Produktionsende fast alle Kontingente verkauft.

Bereits seit acht Jahren wird der Huracán gebaut, uns beschleicht deshalb die Angst, dass er uns bald abhanden kommen könnte. Denn dieser Wagen, der so unverblümt zeigt, dass er einzig zur Freude am Fahren gemacht wird, kann vieles sehr gut, selbst wenn das Kritiker vielleicht etwas differenzierter sehen. Der Motor ist ein Traum, die Soundkulisse gehört mit zum Besten, was heutige Automobile zu bieten haben. Dank seines Chassis aus Karbon und Aluminium ist er mit rund 1380 Kilogramm im Vergleich zu anderen Sportwagen unerwartet leicht. «Wir wollen keine Rekorde brechen», meinte der Sprecher und PR-Chef Tim Bravo in der Lamborghini-Lounge in Porto Cervo auf Sardinien. Das tut der Tecnica auch nicht, aber er bietet ein unerwartet stimmiges Gesamtpaket. 

Eine Frage des Geschmacks

Ad personam, was auf Lateinisch etwa so viel bedeutet wie «auf den Leib geschneidert», steht sinnigerweise bei Lamborghini für die Individualisierungsmöglichkeiten seiner Fahrzeuge durch die Kunden. Wer bereits ein neues Haus hat bauen lassen, kann sich vorstellen, was dies bedeutet.

Über 400 Lackvarianten

Die Palette, welche bei Ad personam zur Verfügung steht, gibt eine gewisse Übersicht. Falls nötig, mischen die Lackierer bei Lamborghini einen Farbton auch selber nach einem Muster. Dazu lassen sich aussen fast alle Elemente separat lackieren, hinzu kommen Streifen oder sichtbare Karbonteile und natürlich die Felgen – gut ist, was gefällt. Allerdings versuchen gut geschulte Expertinnen die Kunden vor schwerwiegenden Fehlentscheiden zu bewahren. Das Auswahlprozedere dauert im Idealfall etwa drei Stunden, wer sich mit Ad personam etwas gönnen will, muss allerdings tief in die Taschen greifen, denn alles hat seinen Preis.

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