Zwölfzylinder

Bentley baut ihn noch, den W12 mit riesigen 6 Litern Hubraum und zwei Turboladern. Zum Glück.

Wir haben uns auch über die Farbe unterhalten. Darf man ein so feines Fahrzeug in einer Farbe bestellen, die doch sehr, sagen wir mal, Geschmackssache ist? Wir sind zum Schluss gekommen: Man darf. Der Bentley Continental GTC Speed ist kein Auto, das sich versteckt, man darf ihn auch in Magenta fahren. Mit einer Innenausstattung in Purple. Und zwar mit Stolz, auch als Mann. Und wer sich durch die Farbe in seiner Männlichkeit bedroht fühlt, findet am GTC Speed genügend Anderes, um diese zu kompensieren. Den mächtigen W12 unter der Haube beispielsweise, den es nur noch bei Bentley gibt. Mit 485 kW (659 PS) und 900 Nm bildet der Speed die Speerspitze im Hause. Für diese Leistungswerte wäre heute kein derart mächtiges Aggregat mehr nötig, bei AMG presst man das inzwischen aus der Hälfte der Zylinder. Aber die Lockerheit, mit der die 2.4 Tonnen – rund 150 Kilogramm weniger als der Vorgänger übrigens – vorwärtsgeschoben werden, geht nicht ohne ordentlich Hubraum. Da braucht es keine hohen Drehzahlen, die 900 Nm sind bereits ab 1500 U/min präsent und ziehen durch bis 5000 U/min. Nichts am GTC Speed erinnert an ­einen Sportwagen, und trotzdem ist er in 3.7 Sekunden auf Tempo 100, dank Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe von ZF und Allradantrieb.

Mit beeindruckender Ruhe

Dank Hinterachslenkung und des fein abgestimmten Fahrwerks mit doppelten Dreiecksquerlenkern an der Vorderachse ist der Bentley auch agil. Erstaunlich agil. Die 315er-Pirelli krallen sich in den Asphalt, da schiebt gar nichts. Und die Bremsen sind monströs, bereits die 380 Millimeter an der Hinterachse sind mehr, als manch ein Sportwagen an der Vorderachse trägt. Der GTC Speed trägt seinen Namen zu Recht, ist er doch die vollendete Verkörperung des Gran Turismo. Er fühlt sich auf einer Passstrasse ebenso entspannt an wie auf der Autobahn und das auch bei Geschwindigkeiten, die bei uns weit im Bereich des Unerlaubten liegen würden. Das braucht dann schon Selbstbeherrschung und einen steten Blick auf die Instrumente, denn die Ruhe im Inneren ist trotz Stoffverdecks beeindruckend. Die vier Lagen Stoff halten Wind- und Motorengeräusche konsequent draussen, einzig beim Öffnen schlägt das Verdeck etwas gar unsanft im Kasten auf.

Was Bentley beherrscht, richtig gut beherrscht, ist die Interieurgestaltung. Und im Continental darf Bentley auch noch selbst gestalten, nicht wie im Bentayga, wo alles nach Touareg aussieht. Ja, wenn man die Knöpfe am Lenkrad kennt, erkennt man sie. Der Golf 7 hatte die gleichen. Und die Bedienung auf der Mittelkonsole stammt vom Porsche Panamera, von dem sich Bentley die Plattform geliehen hat. Aber dafür ist das Leder von perfekter Qualität, das Karbon ebenso. Und alles passt, auch wenn die Farbgebung auch hier für Diskussionen sorgen könnte. Bei der optionalen Musikanlage von Edel-Hifi-Produzent Naim mit einer Gesamtleistung von 2200 Watt drehen wir den Subwoofer aufs Minimum, sonst vibriert der Resonanzkörper im Sitz im Takt – deutlich stärker als es der sehr ruhig laufende W12 tut. Der kann die Musikanlage nur bei geöffnetem Dach und Drehzahlen über 4500 U/min ausstechen. Doch es lohnt sich, das Dach zu öffnen. Denn wenn man mindestens 310 600 Franken bezahlt für einen W12, dann soll man ihn auch geniessen. 

Testergebnis

Gesamtnote 84.5/100

Antrieb

Bewertung: 4.5 von 5.

Allein die Tatsache, dass Bentley den W12 noch baut, hat ein Lob verdient. Die Ruhe, mit der die 900 Nm das Auto mit aller Kraft vorwärtsschieben, ist einzigartig.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Der Continental GTC Speed wiegt 2.4 Tonnen und fährt sich trotzdem so agil, als sei er ein Sportwagen.

Innenraum

Bewertung: 4.5 von 5.

Neben dem Motor ist der Innenraum der Star des Bentleys. Die Verarbeitung ist einwandfrei, das Hifi-System grosse Klasse.

Sicherheit

Bewertung: 4.5 von 5.

Keramikbremsen mit einem Durchmesser von 440 Millimetern an der Vorderachse und 410 Millimetern hinten: Viel besser wird es nicht mehr.

Budget

Bewertung: 3 von 5.

Über 300 000 Franken sind viel Geld für ein Auto. Aber ein Porsche 911 Turbo S kostet auch so viel, und der ist deutlich weniger exklusiv.

Fazit 

Für einen Preis von mehr als 300 000 Franken sind die Erwartungen an den Continental GTC Speed hoch. Die Speerspitze von Bentleys Modellpalette kann diese aber problemlos erfüllen, nicht zuletzt dank des souveränen W12-Turbobenziners. 

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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