Charakterkopf

Der Sportage verkörpert jede Menge von dem, was Kia auszeichnet und derzeit so erfolgreich macht. Und verpackt es in eine Hülle, die auffallend, mutig und absolut erfrischend ist.

Man darf sich vom Äusseren nicht täuschen lassen. Erst recht nicht, wenn man vor der doch sehr eigenwillig gestylten Front des Kia Sportage steht. Dass die Koreaner sich auf eine auffällige Gestaltung verstehen, die nicht zwangsläufig ins Line-up passen muss, wissen wir spätestens seit dem Hyundai Bayon. Aufgefallen ist das aber eigentlich auch schon 2017, als Hyundai den Kona durchaus mutig stylte, was massgeblich zu dessen Erfolg beitrug. Weshalb wir gerade diese beiden Modelle des Mutterkonzerns erwähnen, obschon es hier doch um Kia gehen soll, ist augenscheinlich. Von beiden Modellen übernimmt der Sportage prägnante Designmerkmale, vom Kona etwa den Schlitz über dem breiten Kühlergrill, vom Bayon die zerklüftete Einfassung rund um die Scheinwerfer. Mischt man dann noch etwas Eigenkreation bei, kommt dabei eben der neue Sportage heraus. An der Seite und hinten übrigens ist der Auftritt deutlich ruhiger, die umlaufenden Chromleisten geben die Blickrichtung dennoch klar vor.

Insgesamt ist das vor allem eines: erfrischend. Umso mehr, wenn man sich vor Augen führt, wie ein Kia noch vor zehn, teilweise auch vor fünf Jahren aussah. Erfrischend ist der Sportage auch im Vergleich dazu, was sich sonst noch so im Segment tummelt. In diesem Einheitsbrei den Überblick nicht zu verlieren, ist schwierig. Optische Extrovertiertheit hilft dem kecken Koreaner also auf alle Fälle, um aus der Masse herauszustechen.

Kaum Aussetzer

Umso mehr, als dass der Sportage ansonsten ganz vertraut daherkommt. Nicht gegenüber dem Vorgänger zwar, aber im Vergleich mit den aktuellen Modellen. Alles ist mehr oder weniger da, wo man es erwartet, wo es hingehört. Die Bedienung mittels Lenkradtasten gehört zum Logischsten, was es derzeit auf dem Markt gibt, obschon der Funk­tionsumfang ebenfalls üppig ist. So lassen sich darüber beinahe sämtliche Fahrassistenten wie der adaptive Tempomat oder die aktive Spurhaltung steuern. Beide funktionieren meist hervorragend, Aussetzer gibt es kaum zu notieren – komischerweise wies uns das Auto mehrfach fälschlicherweise darauf hin, dass wir in einer Einbahnstrase unterwegs seien –, aber sämtliche Systeme sind etwas übereifrig, wenn es darum geht, auf potenzielle Gefahren hinzuweisen. Leider allerdings dann nicht über ein Head-up-Display, denn ein solches findet sich auch in der gewohnt kurz gehaltenen Aufpreisliste nicht. Dafür wird beim Setzen des Blinkers das Kamerabild des toten Winkels direkt im digitalen Cockpit angezeigt.

Sowieso überzeugen die zu einer Einheit zusammengefassten Bildschirme mit der hohen Auflösung und dem übersichtlichen Aufbau. Die Elemente im Fahrerdisplay lassen sich anpassen, bei den Deutschen gibt es aber doch noch etwas mehr Spielraum. Das Infotainment übernimmt die Gliederung von Hyundai eins zu eins und verpasst ihm leicht andere Farben und Symbole. Darin enthalten sind grösstenteils übersichtlich gehaltene Untermenüs und eine Reihe mehr oder weniger sinnvoller Applikationen, natürlich alle umfassend vernetzt. Nur Apple Car Play funktioniert leider nicht kabellos und auch nur über die veraltete USB-B-Buchse, obschon auch USB-C vorhanden wäre, was einen Adapter vonnöten macht.

Zunächst umständlich ist die Touch-Leiste darunter. Sie beherbergt Flächen für den Schnellzugriff auf wichtige Menüpunkte. Oder mit einem gezielten Touch weitere Einstellungsmöglichkeiten zur Bedienung der Klimaanlage. Das ginge auch intuitiver, aber man gewöhnt sich daran, und wer schön sein will, muss eben leiden. Der Rest der Bedienung erfolgt über Tasten in der Mittelkonsole. Zu meckern gibt es tatsächlich wenig. Am ehesten stört man sich am vielen Plastik, entweder in Hochglanz- oder Aluoptik. Oder vielleicht an den auffälligen Öffnungen für die Lüftung und die Türgriffe, die das Frontdesign wieder aufnehmen.

Das, was man erwarten darf

So aufregend sich der Sportage teilweise auch gibt, so unspektakulär gestaltet sich zunächst die Fahrt. Lenkung, Federungskomfort und Fahrverhalten entsprechen ziemlich genau dem, was man von ­einem familientauglichen Kompakt-SUV erwarten darf. Also: Alles schön ausgewogen, sanft, vorhersehbar, aber auch weich und relativ gefühllos. Das Fahrwerk mit MacPherson-Federbeinen vorne und einer Mehrlenkerachse hinten, in der hier getesteten GT-Line übrigens elektronisch kontrolliert, bügelt Unebenheiten wunderbar glatt, ohne viel an seine Insassen weiterzugeben. Ohnehin reist es sich im Sportage überraschend entkoppelt, auch weil die Geräuschdämmung grosszügig ausfällt. Was auf der Autobahn von Vorteil ist, entpuppt sich in Kurven über das Segment gesehen als immer gleicher Kritikpunkt: So komfortabel und kultiviert das Reisen mittlerweile auch in der Kompaktklasse ist, so bewegend gestalten sich Kurven. Nicht nur, dass die Lenkung sehr leichtgängig und relativ ungenau ist, die gesamte Kabine schaukelt sich auch stark auf. Kurven sind nicht seine Spezialität, man fährt im Sportage dann doch lieber geradeaus. Dabei darf man sich auch nicht von der sportlich gestylten GT-Line mit ihren Alcantarabezügen und dem Sportlenkrad mit kleinen Schaltwippen täuschen lassen.

Zwei Probleme

Diesen Eindruck hinterlässt auch der Antrieb. Mit 169 kW (230 PS) beschleunigt er mehr als ordentlich, der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in gemessenen 8.4 Sekunden, wobei es dank Allradantrieb auch bei Nässe keine Traktionsverluste gibt. Der Elektromotor schiebt aus dem Stand mit dem sofort verfügbaren Drehmoment zunächst schnell an, lässt aber genau so rasch wieder nach. Das Resultat ist, hauptsächlich im unteren Drehzahlbereich, bis der Verbrenner auf Touren kommt, ein nicht ganz lineares Beschleunigungsverhalten. Das Schaltverhalten des Sechsgang-Automaten ist fein, das gilt für alle Situationen im Alltagsgebrauch.

Doch es gibt zwei Probleme. Der bekannte, 1.6 Liter grosse T-GDI-Motor hat relativ wenig Drehmoment, im Sportage sind es 265 Nm, die zwischen 1500 und 4500 U/min anliegen. Bei einem gemessenen Leergewicht von 1740 Kilogramm ist die zusätzliche elektrische Unterstützung dadurch immer wieder vonnöten. Der Elektromotor steuert 44.2 kW (60 PS) und vor allem ein Drehmoment von 264 Nm bei, beides allerdings bei relativ niedrigen Drehzahlen. Die Kombination führt dazu, dass teilweise wild zwischen den Antrieben hin und her gewechselt wird und vor allem der kleine Turbobenziner unter Volllast lautstark zu verstehen gibt, wie überfordert er eigentlich ist.

Zudem leidet der Motor unter einem vergleichsweise hohen Verbrauch, vor allem in kaltem Zustand, was auch bei anderen Modellen mit demselben Motor beobachtet werden kann. Kurzstrecken sind deshalb, obwohl der Vollhybrid dank der 1.49 kWh grossen Batterie auch gerne elektrisch fährt, nur bedingt zu empfehlen. In der Folge purzeln die Werte dann relativ schnell, über den Testzeitraum gesehen standen an der Zapfsäule im Schnitt 6.4 Liter auf der Uhr. Auf der AR-Normrunde waren es gute 5.6 l/100 km.

Erneut gibt es viel fürs Geld

Ist man sich all dessen bewusst, kann man mit dem Kia Sportage nahezu uneingeschränkt glücklich werden. Denn, wir haben es gesagt, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht noch nicht sofort funkt (oder vielleicht gerade doch, wir sind uns da auch uneins), überzeugt spätestens der zweite Eindruck. Was uns auf unserer Teststrecke im DTC in Vauffelin NE überaus positiv auffiel, waren die Feinheit und Effizienz, mit denen das Antiblockiersystem bei einer Vollbremsung eingreift. Trotz Nässe stand das Kompakt-SUV aus Tempo 100  bereits nach 34.5 Metern still, das Gefühl dabei war sicher und angenehm.

Aber eben, eigentlich ist der Sportage mehr so der Gemütliche, bei dem es viel Aufregendes und Praktisches zu entdecken gibt. So erfreut auch die zweite Reihe mit eigenen Lösungen. In die Kopfstützen der Vordersitze sind Halterungen integriert, die als Kleiderhaken oder gar zur Fixierung von Tablets fungieren können. Auf der Rückseite der Sitzschalen gibt es jeweils einen Haken zur Anbringung von Kleidungsstücken oder Taschen. Und auf den Seiten der Vordersitze sind USB-C-Buchsen integriert. Die Lehnen der beheizbaren Rücksitze lassen sich in verschiedenen Stufen neigen, die Bank ist zudem dreiteilig abklappbar, was die Variabilität stark erhöht – eine Funktion, mit der längst noch nicht alle Mitkonkurrenten aufwarten können. Das Platzangebot im Fond geht in Ordnung, mehr aber auch nicht. Grosszügig hingegen ist der Kofferraum mit einem Fassungsvermögen von 587 bis zu 1776 Litern.

Das alles zu einem Preis von ab 45 350 Franken ist anständig. Für die teuerste Ausstattungslinie GT-Line sind es dann knapp über 55 000 Franken, wobei die Aufpreisliste erneut schlank und übersichtlich ausfällt. Bei diesem Preis startet ein vergleichbarer Volkswagen Tiguan, der Klassenprimus, erst. So gesehen liefert Kia auch diesbezüglich erneut richtig ab, mit einer anderen Motorisierung als der hier getesteten wäre es vielleicht gar noch ein bisschen mehr. Und, eben, originelle Verpackungen werten doch jedes Geschenk nochmals stark auf. 

Testergebnis

Gesamtnote 77.5/100

Antrieb

Bewertung: 3.5 von 5.

Einen Hybrid muss man bewusst fahren, dann wird man mit einem guten Zusammenspiel der Antriebe und einem geringen Verbrauch belohnt. Tut man es nicht, bestraft einen die Technik mit dem Gegenteil.

Fahrwerk

Bewertung: 4 von 5.

Sanft und gut austariert. Dafür auch in Kurven in Bewegung – aber nur, wenn der Kia mit schnellen Manövern aus der Balance gebracht wird.

Innenraum

Bewertung: 4 von 5.

So verspielt wie das Äussere ist auch das Interieur. Das Bedienkonzept passt, die Materialwahl ist gut, die Verarbeitungsqualität teilweise leicht verbesserungswürdig. Platz und Variabilität gibt es überall genügend.

Sicherheit

Bewertung: 4.5 von 5.

Die Bremsleistung ist hervorragend, die Assistenten arbeiten bis auf kleine Macken grösstenteils überzeugend, wenn auch etwas nervös.

Budget

Bewertung: 4 von 5.

Der Preis ist bei Kia nicht mehr ganz so heiss wie früher. Es wird aber nach wie vor viel geboten für das geforderte Geld.

Fazit 

Den auffälligen Auftritt kann sich der Sportage definitiv erlauben. Innerorts rollt er über weite Strecken elektrisch, auf der Autobahn trumpft er mit dem sanften Fahrwerk und der hervorragenden Geräuschdämmung auf. Die 230 PS fühlen sich zwar nicht danach an, trotzdem ist auch hier genügend Substanz vorhanden. Innen überzeugt der Kia zum fairen Preis mit angenehmen Materialien, durchdachter Bedienung und eigenständigen Lösungen. Abzüge gibt es nur für all das, was dynamischer Natur ist.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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