Vom Himmel gefallen

Obwohl Maserati lange Zeit nicht unter den Supersportwagen vertreten war, sorgte der MC20 vergangenes Jahr für eine Überraschung. Der Cielo, die offene Variante, setzt noch einen drauf.

Maserati traf 2021 ins Schwarze, als die Marke mit dem MC20 erneut in die Arena der Supersportwagen stieg. Der Gladiator mit dem Dreizack war weder der stärkste noch der schnellste Supersportwagen, aber einer der agilsten, und er gehörte zu denen, die am meisten Spass machten. Das schlichte Aussehen ohne Spoiler verbirgt in Wirklichkeit eine ausgefeilte Technik, die aus einem «Non plus ultra»-V6-Biturbo und einem Monocoque-Chassis aus Karbon besteht.

Die Einführung des offenen Modells Cielo (it. für Himmel) liess befürchten, dass diese Exzellenz durch die Entfernung des Daches beeinträchtigt werden könnte. Ein eingeschnittener Rahmen bedeutet eine weiche Struktur, die wieder versteift werden muss. Maserati gelang jedoch das Kunststück, die Gewichtszunahme des MC20 Cielo auf 65 Kilogramm zu begrenzen. Dies entspricht dem Gewicht des versenkbaren Glasdachs und des dazugehörigen Mechanismus, während das Mono­coque-Chassis aus Karbon nicht ein einziges Kilogramm mehr wiegt. Federico Landini, der bei Maserati für Sportmodelle zuständig ist, erklärt den Trick: «Wir haben dort, wo es notwendig war, mehr Karbonschichten in den Rahmen eingearbeitet und an anderen Stellen wieder entfernt.» Die stark beanspruchten Bereiche wurden mit Strukturschaum gepolstert, während die Türen mit Kevlarstangen durchzogen sind. Diese Rohre übertragen bei einem Frontalaufprall Kräfte auf die Rückseite des Rahmens. «Ohne diese Stäbe würden die Türen bei einem Aufprall explodieren», sagt Federico Landini.

Um die zusätzliche Masse zu tragen, wurden die Federn rund ums Autos gestrafft. Im GT-Modus sind die Stossdämpfer noch weicher, um den Charakter des MC20 Cielo als Fahrmaschine nicht zu verderben. Die Maserati-Designer, die davon besessen sind, das Cockpit von allen Knöpfen zu befreien, haben die Dämpfereinstellungen mithilfe eines neuen Drehrads mit Touchscreen in den Fahrmodus integriert. Das klingt kompliziert – und ist es auch: Das System absorbiert die Aufmerksamkeit des Fahrers zu stark.

Leider hat Maserati die gleiche schlechte Idee auch für das Cielo-Cabrio übernommen, bei dem das Dach über den zentralen Touchscreen ein- und ausgefahren werden muss. Der Finger muss zwölf Sekunden lang an derselben Stelle des Bildschirms kleben bleiben, was bei fahrendem Auto schwierig ist, obwohl das Öffnen des Dachs bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h durchgeführt werden kann.

Ungebrochene Gewalt

Bevor wir uns auf die Strassen Siziliens rund um Catania begeben, entledigen wir uns also im Stand des Oberteils des MC20 Cielo. Noch intimer wird dann die Verbindung zu Nettuno, dem 463 kW (630 PS) starken V6-Biturbo, der nur wenige Zentimeter hinter den Ohren der Insassen sitzt. Das stürmische Triebwerk erwacht mit einem höllenartigen Schrei und bleibt bis zum Erreichen des Drehzahlbegrenzers bei 8000 U/min eher kehlig als melodisch. Das maximale Drehmoment von 730 Nm setzt bereits bei 3000 U/min ein und hält bis 5500 U/min an. Laut Maserati hat der Cielo im Vergleich zum Coupé nichts an Gewalt eingebüsst, da er immer noch in 2.9 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt – und das trotz kleinerer Traktionsverluste bei niedrigen Drehzahlen.

Im mittleren Bereich des Drehzahlmessers entfaltet der Nettuno seine enorme Vehemenz, während er im oberen Bereich eine gewisse Linearität an den Tag legt. Diese Eigenschaft macht den italienischen Supersportwagen auch wegen seines fantastischen Fahrwerks zu einem idealen Jäger von Strassenkurven. Die Art und Weise, wie sich der MC20 progressiv und geschmeidig abstützt, erinnert an die angeborene Agilität und Anmut von Raubkatzen auf der Jagd, wobei jede Pfote mit unglaublicher Präzision platziert wird. Die Lenkung trägt mit ihrer Präzision und exquisiten Schärfe zur dynamischen Hatz bei. Der einzige Kritikpunkt sind die Karbon-Keramik-Bremsen: Ihre Kraft ist nicht in Frage gestellt, aber das Pedalgefühl fühlt sich einfach nicht richtig an.

Natürlich gibt es Supersportwagen, die schärfer, direkter und effizienter sind als der MC20, aber kaum einer bringt den Sonntagsfahrer so zum Schwärmen wie er – dank seiner Leichtigkeit, seiner Agilität und der Art und Weise, wie er Vertrauen schafft. Der MC20 ist wie ein Gran Turismo, der sich in den Rahmen eines Supersportwagens zurückzieht, eine Eigenschaft, die durch die Cielo-­Variante noch gesteigert wird. Mit ihr sind die Sterne tatsächlich zum Greifen nah. 

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