Grundform

Ein Kombi wie aus dem Musterbuch, quadratisch, schnörkellos und ohne Extras – das ist dieser Passat Variant von 1979.

Es gibt diese Momente, bei denen man trotz eines anderen Fokus von etwas unnachgiebig angezogen wird. Dieser VW Passat Variant in der Farbe «VW LA1A Mandarin Orange» springt einem förmlich ins Auge. So eine Lackfarbe ab Werk aufzutragen, traut sich heute höchstens noch ein Hersteller von Supersportwagen. In den 1970er-Jahren aber war dies normal und dieser Farbton gerade bei Volkswagen recht häufig anzutreffen. Vermutlich ist es einfach ein grosses Glück, dass dieser recht bescheidene Passat, ein nahezu nackter Variant L mit dem kleinen 1.3-Liter-Motor, die Zeit so unbeschadet überstand. Er stammt aus erster Hand und diente von 1979 bis 1998 als Familienauto. Danach behielt er seinen Stammplatz in der Garage, während sein Ersatz unter freiem Himmel zu stehen hatte. Auch dies war – Glück.

Die Geschichten gleichen sich manchmal, selbst wenn es solche vom Sonderfall, von der Ausnahme sind. Auch der Passat sollte nach langem Dornröschenschlaf irgendwann Platz machen. Dass er aber doch so lange Zeit untätig seine Zeit mit jener Familie teilen durfte, liegt wohl an seiner grundehrlichen Art. Der Passat B1 entstand lange vor der Idee, dass auch normale Gebrauchsautos aus Wolfsburg – in unserem Fall stammt der Wagen aus dem Werk in Emden, wo der Passat ab 1977 gebaut wurde – mit einem Premiumanspruch daherkommen sollten. Passat und Co. waren die Normalität, in gewisser Hinsicht vielleicht auch der Massstab. Und das will noch nicht einmal heissen, dass der Passat zwingend besser war. Nein, es heisst schlicht auch, dass die Wahl eines Passat uninspiriert war, auf der sicheren, aber eher langweiligen Seite. Jemand, der sich als ausgefuchster Rappenspalter verstand, kaufte sich damals vielleicht einen Japaner. Wer höhere Ansprüche an Komfort und Eleganz stellte, einen Franzosen. Wer nach Sicherheit suchte, kaufte sich einen Schweden. Eines ist klar, die Familie, die sich unseren Passat 1979 frisch vor das Haus parkierte, wurde damit gewiss nicht zum Quartiergespräch. Und dennoch, oder gerade deshalb, ist dieses Auto heute umso bemerkenswerter und interessanter.

Blindes Vertrauen

So steht er also da, frisch geprüft, und wirkt nach einer umfassenden Auffrischung durch die Touring Garage von Kathrin Rau in Oberweningen ZH fast wie eine wenige Jahre alte Occasion. «Es ist erstaunlich, wie sehr diese Autos aus dem Strassenbild verschwunden sind», sagt Mechaniker Mario Niffeler, der sich um den Passat seit dem Auffinden 2019 gekümmert hat. «Für gewisse Teile, etwa die Lagerbuchsen des Schalthebels, haben wir bis nach Hamburg telefoniert, anderes findet man vorzugsweise bei langjährig bestehenden VW-Vertretungen, die mit ihrem Lagerbestand sorgfältig umgegangen sind», erklärt der Hausmechaniker der Touring Garage, selber übrigens ein Fan des VW mit NSU-Wurzeln, des K70. Seine Arbeit lässt sich sehen und vor allem spüren. Der Vergasermotor springt auch kalt bei der ersten Schlüsseldrehung an, zwei, drei Gasstösse bringen die Startautomatik in die richtige Position, sodass sich ein stabiler Leerlauf einstellt.

Natürlich haben wir im Auto Platz genommen, nachdem wir uns ungläubig über die makellosen, braunen Vinylpolster gebeugt hatten. Besonders in Kombination mit dem grossen Dachträger – keine Frage, ein originales Amag-Zubehör mit den entsprechenden, eingestanzten Logos auf den Verschlüssen – würde man dem Auto eine anstrengendere Vergangenheit zuschreiben, als dies der Fall gewesen zu sein scheint. Denn auch die ungeschützte, lackierte Kante in der Klappenöffnung vor dem Kofferraumboden zeigt kaum Kratzspuren. Überhaupt fragt man sich, ob es lange Aufenthalte waren, welche die Erstbesitzer in diesem Auto miteinander geteilt haben. Die Ferienfahrt in den Süden? Durchaus möglich, aber dann hat man an Bord eher gesungen als etwa Kasperli-Kassetten gehört. Der Blindstopfen des Radioschachts ist noch unberührt, und hinter dem Lautsprechergitter über dem Handschuhfach herrscht gähnende Leere. Der Dachträger war also tatsächlich das einzige Extra. Immerhin hat dieser Variant als L-Version eine Zeituhr im Armaturenbrett, wow.

Genau richtig

Viel Auto mit relativ wenig Motor: Der längs vor der Vorderachse eingebaute Dreizehnhunderter – der Passat ist ja eigentlich ein typischer Audi seiner Zeit – zieht erstaunlich kräftig aus dem Stillstand los. Bald weiss man auch, wieso, der Passat ist sehr kurz übersetzt. Gefühlt viel zu rasch erreicht man den vierten und höchsten Gang. Der Motor gebärdet sich dabei recht vernehmbar. Ja, es gibt auch Vibrationen. Man pendelt das Tempo irgendwo dort ein, wo flottes Vorankommen und das Gefühl, den Wagen stressfrei fordern zu können, miteinander im Einklang stehen. Und siehe da, dieser harmonische Mittelpunkt liegt bei etwa 80 km/h. Wir biegen aber von der Hauptstrasse ab und fahren hoch in Richtung Regensberg ZH, wo viele Werbefotos von Emil Frey in den 1960er- und 1970er-Jahren für allerlei British-Leyland-Produkte entstanden. Die Gangwechsel im Passat sitzen perfekt, die Schaltung fühlt sich an wie neu, Mario Niffeler hat perfekte Arbeit geleistet. Es beginnt leicht zu regnen, dann zu schneien, die Bedienung des Scheibenwischers, wie nicht anders zu erwarten, geschieht quasi mit dem vegetativen Nervensystem, welches auch für unsere Reflexe verantwortlich ist. Damals hatte noch niemand die Idee, über 1500 Funktionen in ein Touchscreen-System zu packen. Immerhin ist man bei VW inzwischen wieder zur Räson gekommen.

In Panik entstanden

Die Entwicklung des VW Passat kann man definitiv nicht als gut geplant und minuziös durchgeführt bezeichnen. Ende 1972 herrschte Nervosität bei VW, die Zahlen waren schlecht, das Modellprogramm veraltet, die Konkurrenz so gut aufgestellt wie noch nie. Rudolf Leidig, neu als VW-Vorstandsvorsitzender im Amt, musste handeln. Als ehemaliger Chef von Volkswagen do Brasil war Improvisation allerdings eines seiner Steckenpferde. Eine seiner Lösungen war, den 1972 bei Audi vorgestellten, topmodernen 80 für VW zu adaptieren. Dazu sollte er ein Fliessheck erhalten, in Anlehnung an den VW Typ 3, den 1600 TL. Der EA 400 genannte Wagen wurde im Mai 1973 in Zürich vorgestellt, die AUTOMOBIL REVUE berichtete vor 50 Jahren am 24. Mai 1973 über diesen neuen VW – mit dem Variant auf der Titelseite. Ursprünglich hätte der Neue 511 heissen sollen, allerdings wären, wie unser Redaktor damals bemerkte, mit diesem Namen zu viele schlechte Erinnerungen an die missglückten 411 und 412 verbunden gewesen, die wenig schmeichelhaft auch Nasenbär genannt wurden. Beim Passat hingegen zeichnete sich der kommende Weg von VW deutlich ab: die Wasserkühlung. Der Passat bot mit 1.3- und 1.6-Liter-Motoren Fahrleistungen, von denen Käfer-Fahrer bei gleichen Hubräumen und gleichem Verbrauch nur träumen konnten. Und der Passat Variant bot ein Ladevolumen, das bis dahin bei VW nur beim Transporter zu finden war.

Modellpflege

Unser Exemplar ist die modellgepflegte Version des ersten Passat, aus dem Typ 32 wurde 1977 der 32A, der bis 1980 gebaut wurde. Diese eliminierte fast alle Chromteile, brachte Kunststoffstossstangen und ein Armaturenbrett im Stil des VW Golf, der inzwischen die unnangefochtene Leaderposition im VW-Modellprogramm eingenomen hatte. Der Passat aber – und ganz besonders die Kombivariante, die die Limousine bei den Verkaufszahlen rasch überflügelte – fühlt sich auch heute noch nach mehr Auto an als sein kleiner Bruder, im Guten wie im Schlechten. So fehlt dem Passat etwas vom narrensicheren Fahrverhalten des Golf. Er übersteuert mehr, der Motor reicht deutlich über die Vorderachse hinaus, während dieser im Golf bekanntlich quer eingebaut ist. Und die hintere Starrachse des Passat zeigt mehr Eigenleben als die Verbundlenkerachse des Golf. Aber eben, in Sachen Platz spielt der Passat in einer völlig anderen Liga.

Heute ist der Passat B1 weit seltener als ein Golf. Das liegt auch daran, dass er als beliebter Firmenwagen oft Hunderttausende von Kilometern abgespult hat, bevor er in den Export gegangen ist oder gleich auf den Abbruch. Das zeigt sich auch in der weit lückenhafteren Ersatzteilversorgung im Vergleich mit dem Wolfsburger Bestseller.  Unser Exemplar hat uns durch seine Anspruchslosigkeit beeindruckt. Da fehlt zwar etwas die Sensation des Fahrens, aber wer mit seinem Klassiker auch mal eine Reise tun will oder sich mit kaprizös zu unterhaltenden und auch zu fahrenden Autos eher schwertut, ist mit dem gut zu handhabenden Passat bestens bedient.

Das Grundmuster

Nach etwas gemeinsamer Zeit mit dem VW Passat macht sich schliesslich ein eigenartiger Gedanke breit: Autos wie dieses wirken heute wie die unverfälschte Grundidee jenes Objekts Auto, wie wir es heute kennen. Alles, was darauf folgte, ist die Variation und die Modifikation dieses Grundmodells. Und heute womöglich auch die zusätzliche Komplikation. Wenn es Autos gibt, die die Vergangenheit völlig verklärt als einfachere, leichter zu begreifende Zeit und wohl auch unbescholtener erscheinen lassen, dann steht dieser Passat Variant an vorderster Front. Und noch wesentlich erstaunlicher ist, dass ausgerechnet ein Auto wie dieses – wenig spektakulär, damals noch weniger als heute, und das bestimmt nicht als sexy zu bezeichnen ist – so viele nostalgische Gefühle weckt. 

Wer in den 1970er-Jahren als Autofan aufgewachsen ist, hat vermutlich für einen Lamborghini Countach oder Ferrari 512 BB geschwärmt oder schlicht für vieles mit dem Namenszusatz Turbo. Der Passat war da nicht dabei. Jetzt aber bringt er all jene Erinnerungen an damals in Perfektion mit, das ist die bemerkenswerteste Eigenschaft diese VW Passat Variant L. Dass er überlebt hat, liegt womöglich daran, dass dies jemand weit früher bemerkt hat als wir. 

Dieser Passat wurde uns zur Verfügung gestellt von
www.oldtimers.ch
www.automobilrevue.ch

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