Bei vielen E-Autos muss man auch heute noch im Alltag ein wenig kompromissbereit sein. Der Kia EV4 verlangt fast keine Zugeständnisse mehr.
Kia EV4
Starke Reichweite, gutes Platzangebot, hohe Alltagstauglichkeit – der Kia EV4 ist in der Version mit dem grossen Akku ein ziemlich komplettes Elektroauto. Und könnte als starker Allrounder nicht nur dem VW ID.3, sondern auch dem konventionell motorisierten Golf gefährlich werden. Was dabei Probleme macht? Vielleicht das extrovertierte Design. Und wahrscheinlich der Preis.
Fangen wir mit den Kosten an: 41‘450 Franken will Kia für die Basisvariante Air mit der 81.4-kWh-Batterie. Will man die im Winter unerlässliche Sitzheizung, empfiehlt sich die nächsthöhere Ausstattungslinie Earth für 43‘450 Franken. Die genannten Preise sind bereits inklusive einer 2000 Franken hohen Prämie, die der Hersteller aktuell (Stand: 20. Februar 2026) gewährt.
Kia EV4
Das ist nicht wenig Geld. Aber es gibt durchaus einen ansehnlichen Gegenwert. Mit 4.43 Meter schiebt sich der EV4 bei der Länge ans obere Ende der Kompaktklasse, setzt das vor allem im Fond in sehr grosszügige Platzverhältnisse um.
Auch langbeinige Erwachsene sitzen dort zu zweit bequem, notfalls haben aufgrund des fehlenden Mitteltunnels auch drei Personen genügend Raum. Nur die Füsse sollten nicht allzu lang sein – unter den Vordersitz passen sie nämlich nicht.
Der Einstieg auf die etwas höher als bei konventionellen Autos montierte Sitzbank fällt hinten wie vorne leicht, auch der Kofferraum lässt sich dank breiter Öffnung und ebenen Zuschnitts gut nutzen.
Das Ambiente im Cockpit ist eher nüchtern und technisch, wirkt aber trotz hohen Hart-Kunststoff-Anteils solide und wertig. Beim Layout vertraut Kia auf sein breites Bildschirmband, das sowohl die Instrumente hinterm Lenkrad als auch das Infotainment zwischen Fahrer und Beifahrer vereint.
Die Bedienung läuft weitgehend über den Touchscreen oder die berührungsempfindlichen Tasten darunter, funktioniert aber meist reibungslos. Warum allerdings die bildschirmgestützte Klimabedienung ausgerechnet im toten Winkel des Lenkradkranzes untergebracht werden muss, erschliesst sich im EV4 genau so wenig wie in anderen neueren Modellen der Koreaner.
Kia EV4
Ständig verbessert hat Kia in den vergangenen Jahren die Routenplanung seines Navigationssystems. Auf sehr langen Strecken wirken die Ladestopp-Vorschläge zwar manchmal immer noch etwas umständlich und penibel, grundsätzlich lässt sich mit ihnen aber besser arbeiten als mit denen vieler Konkurrenten.
Leicht nervig und perspektivisch kostentreibend ist, dass fast alle Konnektivitätsdienste – etwa die Wettervorhersage – nur bei Abschluss eines teils kostenpflichtigen Abos gibt.
Angenehm zurückgenommen und ausgeglichen gibt sich der EV4 hingegen im Alltag auf der Strasse. Der 150 kW (204 PS) starke E-Motor an der Vorderachse hat ausreichend Kraft und gibt sie wohldosiert ab.
Das Fahrwerk agiert ausgewogen mit eher komfortabler Grundauslegung. Angenehm ist auch die gute Geräuschdämmung des Innenraums, was selbst bei höherem Tempo eine zurückhaltende Gesprächslautstärke erlaubt. Die Bedienkräfte sind gering, die Übersicht geht in Ordnung und der Wendekreis ist akzeptabel klein – für den Stadtverkehr ist das genauso gut wie die nicht allzu ausladende Fahrzeugbreite.
Kia EV4
Die grosse der beiden verfügbaren 400-Volt-Batterien (81.4 kWh) ist laut Hersteller für 625 Kilometer Fahrt gut. Bei hohem Autobahnanteil im Winter waren es rund 500 Kilometer. Das reicht bei einem ausgeglichenen Fahrstil auch für lange Strecken. Der Stromverbrauch lag zwischen 17 und 18 kWh auf 100 Kilometern – ein ordentlicher, wenn auch angesichts der relativ flachen Bauweise nicht herausragender Wert.
An der Schnellladesäule beginnt der Kia für gewöhnlich eher zögerlich, um sich dann aber stabil auf ein breites Niveau oberhalb von 120 kW aufzuschwingen – gut für das kurze Zwischenladen auf Langstrecken.
Über den gesamten Standard-Ladehub von 20 bis 80 Prozent Füllstand kommt man auf eine Durchschnittsleistung von 100 kW. Alles keine Traumwerte (vor allem im Vergleich zu den Markengeschwistern mit 800-Volt-Batterien), aber trotzdem ausreichend alltagstauglich. Kia findet hier einen guten Mittelwert zwischen Batterie-Performance und Technik-Kosten.
Kia EV4
Der EV4 ist somit ein echter Allrounder. In keiner Einzelkategorie ragt er weit heraus, gestaltet sie aber immer sinnvoll und mit Blick auf die Praxis. Das gilt für das Raumangebot genauso wie für das Infotainmentsystem und die Batterie- und Antriebstechnik.
Verpackt ist das Angebot mit Breitenwirkung zudem in eine prägnant gestaltete Karosserie, die mit den eckigen Formen der Kia-Crossover spielt, aber sie einem klassischen Kompaktwagen überzieht. Das ist beim Fünftürer ungewohnt, beim alternativ angebotenen Viertürer Fastback mindestens gewöhnungsbedürftig.
Wer damit klar kommt und das nötige Budget aufbringen will, kauft im EV4 eines der aktuell alltagstauglichsten E-Autos überhaupt. SP-X/AR
Kia EV4 Fastback. Startpreis in der Schweiz bei 44'500 Franken
Technische Daten Kia EV4
Karosserie Fünftürige, fünfsitzige Kompaktlimousine; Länge 4.43 Meter, Breite 1.86 Meter, Höhe 1.49 Meter, Radstand 2.82 Meter, Kofferraumvolumen 435 bis 1415 Liter
Antrieb E-Motor mit 150 kW (204 PS) an der Vorderachse, Drehmoment 283 Nm, Akkugrösse 81.4 kWh, Ladeleistung DC 128 kW, Ladeleistung AC 11kW, Ladedauer DC 10 bis 80 Prozent 0:31 h
Fahrleistungen 0-100 km/h 7,8 s, Höchstgeschwindigkeit 170 km/h, Verbrauch 16,2 kWh/100 km, Reichweite 584 km (GT-Line, 19-Zoll-Bereifung)