Automobil Revue | 19.10.2026
Die Carrosseriebranche steht unter Druck: Roboter sollen das Lackieren effizienter machen, Ersatzteile verteuern Reparaturen und eine Megafusion könnte den Beschichtungsmarkt neu ordnen. An der Jubiläumskonferenz von Acoat Selected ging es um die Frage, wie die Betriebe wirtschaftlich Schritt halten.
Das Branchenprogramm Acoat Selected von AkzoNobel feiert sein 50-jähriges Bestehen. An einer zweitägigen Konferenz unter dem Motto «Focus on You» standen die Zukunft der Fahrzeugreparatur, die Wirtschaftlichkeit von Carrosseriebetrieben und die Zusammenarbeit innerhalb der Branche im Mittelpunkt.
Megafusion mit neuem Unternehmenswert von 25 Milliarden US-Dollar
Für Schlagzeilen sorgte Sander Knip, bei AkzoNobel unter anderem für die DACH-Region verantwortlich. Er stellte den Namen AXANZO für den geplanten Zusammenschluss von AkzoNobel und dem US-Konzern Axalta vor. Die Fusion könnte einen der weltweit grössten Beschichtungsanbieter (Wert rund 25 Milliarden US-Dollar) hervorbringen. Die Unternehmen rechnen mit jährlichen Synergien von umgerechnet rund 550 Millionen Franken. Der Zusammenschluss steht noch unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen. Zu möglichen Verkäufen einzelner Geschäftsbereiche gebe es keine weiteren Informationen, sagte Knip. Die Agentur Reuters hatte vor wenigen Tagen berichtet, ein Verkauf des Fahrzeugreparaturlackgeschäfts von AkzoNobel sei als Zugeständnis im EU-Wettbewerbsverfahren im Gespräch.
Wie weit die Automatisierung in der Lackierwerkstatt gehen könnte, zeigte David Rau von SATA Automation. Das Robotersystem Jetstream übernimmt nach seinen Angaben bereits rund 35 Prozent der Lackieraufträge automatisiert. Langfristig soll der Anteil auf 80 Prozent steigen. Erste Erfahrungen deuteten auf rund 30 Prozent weniger Nacharbeit hin. Die Investition beläuft sich auf umgerechnet rund 250'000 Franken. Rau betonte, dass die Technik Fachkräfte entlasten und nicht ersetzen solle.
Am zweiten Konferenztag ging es um die Umsetzung im Betriebsalltag. Michele Savino und Res Witschi von Swisscom präsentierten die digitale Plattform GreenOne, die CO₂-Emissionen erfasst und Einsparpotenziale aufzeigt.
Luca Stauss-Rössner von EBP Schweiz erläuterte Fördermöglichkeiten für Carrosseriebetriebe. Über Programme wie PEIK und Colorwat können Beratungs- und Investitionsbeiträge beantragt werden. Ein vorgestelltes Praxisbeispiel zeigt das mögliche Einsparpotenzial: Fördergelder von rund 23'700 Franken ermöglichten die Modernisierung einer Lackieranlage, deren Betriebskosten dadurch um etwa 40 Prozent sanken.
Auch AkzoNobel stellte eine neue Lacklinie namens Optima vor, die Basislack, Klarlack und Oberflächenprodukte umfasst. Erste Auswertungen aus der Schweiz zeigen laut Claudio Vietri eine Abdeckung von knapp 90 Prozent der benötigten Lackrezepturen. Neben den Produkten sei der technische Support für die Betriebe entscheidend.
Reparieren statt ersetzen
In der abschliessenden Podiumsdiskussion stand die Frage im Zentrum, wie Fahrzeugreparaturen angesichts steigender Kosten wirtschaftlich bleiben. Philipp Zimmermann von auto-i-dat bezifferte den durchschnittlichen Fahrzeugschaden auf 3060 Franken. Besonders stark verteuerten sich zuletzt die Ersatzteile, deren Preise um 8.1 Prozent gestiegen seien. Orlando Luongo bezeichnete die Teilebeschaffung als eine der grössten Herausforderungen.
Ralf Käser kritisierte zudem die Diskrepanz zwischen Nachhaltigkeitsversprechen und tatsächlicher Praxis. Das Prinzip «Reparieren statt ersetzen» müsse konsequenter umgesetzt werden. Auch Elektromobilität, autonomes Fahren und neue Geschäftsmodelle prägten die Diskussion. Einigkeit bestand darin, dass Werkstätten, Versicherer und Importeure enger zusammenarbeiten müssen.
Die Konferenz machte deutlich, dass die Carrosseriebranche gleichzeitig unter technischem und wirtschaftlichem Anpassungsdruck steht. Automatisierung und Digitalisierung können Abläufe verbessern und Kosten senken. Ob sich die Investitionen rechnen, hängt jedoch ebenso von der Umsetzung im Betrieb wie von qualifizierten Mitarbeitenden und einer funktionierenden Zusammenarbeit entlang der Reparaturkette ab.