Garagistentag in Bern: Herausfordernde Zeiten, positive Signale für die Zukunft

Michael Schenk | 13.01.2026

Am 20. Tag der Schweizer Garagen in Bern liefert Manfred Wellauer, Präsident des Auto Gewerbe Verbands AGVS, keine Wohlfühlrede, sondern eine präzise Lagebeurteilung.

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Kursaal Bern, 20. Tag der Schweizer Garagen: Manfred Wellauer, seit Ende Juni 2025 Zentralpräsident des Auto Gewerbe Verband, tritt ans Mikrofon und macht gleich klar: «Die Zeiten sind herausfordernd, aber spannend.» Rütteln tut es dort, wo es Garagenbetriebe am unmittelbarsten trifft: im Alltag – Werkstatt, Aftersales, Handel, Kundenbetreuung.

Wellauer zeichnet kein abstraktes Zukunftsbild. Was früher die «Kür» war, wird zur tragenden Säule: Unterhalt, Reparatur, Serviceleistung. Nicht als nostalgischer Rückzug in alte Mechanik-Welten, sondern als neue Wertschöpfungslogik, in der Kompetenz, Prozessqualität und Vertrauen wieder harte Währung sind.

Was die Betriebe konkret umtreibt, zeigt auch eine AGVS-Umfrage zu den grössten Herausforderungen im Garagenalltag: Weit vorne steht der Dauerbrenner «kaum verkäufliche E-Occasionen» – ein Thema, das Händlern Lager- und Bewertungsrisiken aufbürdet und den Gebrauchtwagenmarkt spürbar bremst. Ebenfalls weit oben: der Fachkräftemangel. Wellauer ordnet hier allerdings ein, er spüre eine leichte Verbesserung – aber Entspannung sei das noch nicht.

Dazu kommen die ökonomischen und strukturellen Klammern: sinkende Margen, die Abhängigkeit von Herstellern (von Vorgaben bis zu Konditionen), zunehmende gesetzliche Regulierungen, die Frage der Kundenbindung in einem fragmentierteren Markt sowie der fortlaufende Druck der Digitalisierung – vom Prozess bis zur Kundeninteraktion.

Er nennt die Branche «resilient» – nicht als Beruhigungspille, sondern als Diagnose, die Disziplin voraussetzt. Der Druck ist da, und er wächst: veränderte Kundenerwartungen, neue Antriebe, neue Marken, neue Geschwindigkeiten. Umwälzungen zu meistern, sei nicht einfach. Sein Kernsatz: Setzt die Branche konsequent auf Qualität, Vertrauen, Fachkompetenz und innovative Konzepte, kann sie auch in einem Umfeld sinkender Margen bestehen. Nicht Romantik – Strategie.

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Aggressiverer Wettbewerb, auch durch den Markeintritt chinesischer Marken

Auch der Handel bleibt nicht verschont. Der Neuwagenmarkt kommt, so Wellauer, nicht richtig vom Fleck; die Immatrikulationen «stocken» seit längerem. Gerade bei E-Fahrzeugen sei die Stimmung in der Bevölkerung nicht nur im Gebrauchtwagenbereich schwierig.

Nicht die Technik allein entscheidet, sondern die Köpfe: Ladeinfrastruktur, Reichweite, Batterieleistung wirken oft wie mentale Bremsscheiben – teils ungerechtfertigt, aber hartnäckig.

Dazu verschärft sich der Preiskampf, befeuert durch den jetzt markant spürbaren Markteintritt chinesischer Marken: Der Wettbewerb werde dadurch nicht höflicher, sondern schneller, aggressiver, preissensibler.

Und als ob die Agenda nicht schon voll wäre, nennt die Umfrage weitere Reibungspunkte, die im Hintergrund ständig mitlaufen: das Versicherungsgeschäft (Komplexität, Prozesse, Abwicklung) und die Ersatzteilbeschaffung, die je nach Marke und Lieferlage zum Zeit- und Kostenfaktor wird – und am Ende immer auf den Takt der Werkstatt und die Geduld der Kundschaft durchschlägt.

Positive Signale für die Zukunft, das Thema Ausbildung bleibt zentral

Wellauer setzt aber ein Gegengewicht: Es gibt messbar positive Signale. Alternative Antriebe erreichen bei Neuwagen in der Schweiz inzwischen über 60 Prozent, besonders Plug-in-Hybride zeigen Dynamik.

Sein eigentliches Zukunfts-Asset ist jedoch nicht die Antriebsstatistik, sondern Nachwuchs: Bildung, Prüfungen, Diplome – und frisches Know-how, das bestforientiert und innovativ denkt. Die Branche ist hier immer wieder für Weltmeistertitel gut: etwa durch Nutzfahrzeug-Mechatronikerin Alina Knüsel aus Meierskappel LU, die an den EuroSkills 2025 in Herning (DK) Gold in «Truck and Bus Technology» gewann.

Gleichzeitig bleibt: Gute Fachkräfte zu finden ist schwer. Darum investiert der Verband in Weiterbildung, Ausrüstung, Information – «die Jugend ist unsere Zukunft» als Betriebssicherheit, nicht als Floskel.

Aus dieser Bilanz formt der AGVS-Präsident seine Prognose für 2026. Entscheidend sei die Haltung: «nicht warten, bis der Markt die Regeln diktiert, sondern Glück in die Hand nehmen – gestalten statt abwarten, agieren statt reagieren.» Wenn die Branche Bewegung will, muss sie selbst in Bewegung kommen.

Fotos: Michael Schenk

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