Le Mans: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Jean-Claude Schertenleib | 06.06.2024

Le Mans Die 92. Ausgabe des ­berühmtesten aller Autorennen steht an. Eine Zeitreise in die Vergangenheit des 24-Stunden-Rennens.

102652

Faszination Le Mans: Der Langstreckenklassiker fasziniert die Massen seit über einem Jahrhundert (Bild: Ausgabe 1952).

Die offizielle Geschichte des 24-Stunden-Rennens von Le Mans (F) ist exakt 101 Jahre alt, aber sie reicht viele Jahre weiter zurück in die Vergangenheit. Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es diese Rennen von einer Stadt zur anderen, damals moderne Epen, in denen man viel Ruhm ernten konnte, oft aber auch nur Schmerz. Welche Technologie – das Wort gab es damals noch nicht – würde siegen? Die Dampfkraft, die Elektrizität oder der Verbrennungsmotor, der seinem Namen oft genug in mehrfacher Hinsicht gerecht wurde? Die Protagonisten hiessen Amédée Bollée, Daimler, Peugeot und bald auch Renault.

Am 26. und 27. Juni 1906 gibt es einen ersten Vorgeschmack auf das, was später zu den legendären 24 Stunden von Le Mans werden sollte. Der Automobile-Club de l’Ouest (ACO), ein neu gegründeter Regionalverband des Automobile-Club de France, veranstaltet einen ersten Grand Prix de vitesse für Kraftfahrzeuge. Er wird in Le Mans, der Hauptstadt des Departements Sarthe, ausgetragen. Es dauert aber noch lange 16 Jahre – inklusive des Ersten Weltkriegs – , bis der Klassiker aus der Taufe gehoben wird.

Ein Prüfstand für die Strasse

Der ACO-Stab will ein Ausdauerrennen auf ­einer geschlossenen Rennstrecke. Über 1000 Kilometer? Über zwölf Stunden? Nein, es sollte 24 Stunden dauern. «Meine Herren, das Rennen muss ein Prüfstand für die Strasse sein. Wenn der Motorsport nicht die Verbesserung aller Techniken des Autos und insbesondere der Sicherheitsvorrichtungen zur Folge hat, dann ist er durch nichts anderes gerechtfertigt als durch die sinnlose Lust am Wettbewerb», soll Charles Faroux, Journalist der Zeitung «Vie Automobile» und der eigentliche Vater des berühmten Rennens, gesagt haben. Am 26./27. Mai 1923 gewinnt der Chenard & Walcker von André Lagache und René Léonard den Grand Prix d’Endurance de 24 heures. Was ist 101 Jahre später von all dem übrig geblieben?

102644

Porsche ist Le-Mans-Rekordsieger (19 Siege), die Porsche-Teams von Penske (v.) und Jota haben 2024 in der Langstrecken-WM schon gesiegt.

Ein legendäres Rennen, das als Flaggschiff der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) gilt und mit einer wachsenden Zahl von Herstellern (neun in der Königsklasse der Hypercars, ebenso viele in der LMGT3-Klasse) zu neuem Leben erwacht. Wie lässt sich diese Renaissance erklären? Die Antworten sind vielfältig und stammen von Marketingleuten – am Sonntag gewinnen und am Montag verkaufen, indem man vom Imagegewinn profitiert –, Technikern und Schauspielern.

Während anfangs die Scheinwerfer in diesem Rennen einen idealen Prüfstand fanden und die Scheibenbremsen grösstenteils in Le Mans entwickelt wurden, spricht man heute von Energierückgewinnung und der Entwicklung synthetischer Kraftstoffe, die keine fossilen Bestandteile mehr enthalten. Und man spricht von Wasserstoff. Eine eigene Kategorie für diese Technologie ist für 2026 geplant. Der ACO engagiert sich mit seiner Mis­sion H24 direkt in diesem Bereich, wie Präsident Pierre Fillon erklärt: «Dieser 15. Juni 2024 wird in die Geschichte des 24-Stunden-Rennens von Le Mans eingehen. Zum ersten Mal werden Wasserstoff-Prototypen auf der grossen Rennstrecke fahren. Neben unserer Mission H24 wird auch Ligier mit seinem JS2 RH2 die Herausforderung annehmen. Mit dem Wasserstoff bereitet die Ausdauer den nachhaltigen Wettbewerb vor.»

Herausforderung für die Hersteller

Der Langstreckensport erlebt gerade eine Hochphase. Immer mehr Hersteller sind auf der Strecke dabei. Aus diesem Grund wurde der Kleinkrieg zwischen ACO und der nordamerikanischen Meisterschaft Imsa beendet, und man hat sich auf gemeinsame Regeln geeinigt, damit die neuen Autos sowohl in der Langstrecken-Weltmeisterschaft als auch auf der anderen Seite des Atlantiks eingesetzt werden können. Mit gemeinsamen Plattformen, um die Kosten unter Kontrolle zu halten.

Für die Marken ist dies eine grosse Herausforderung, da sie sich nicht hinter dem Namen eines Energydrinks oder Online-Wettbüros verbergen können. Aber es funktioniert, wie Porsche als 19-maliger Gewinner der Gesamtwertung und mit über 100 Klassensiegen beweist. Die Marke aus Zuffenhausen (D) ist seit 1951, also nur drei Jahre nach ihrer Gründung, an der Sarthe präsent, und erkannte schnell die Chancen, die das Rennen bot. Vor Jahren erinnerte Wolfgang Porsche daran. Der jüngste Sohn von Ferry Porsche, dessen Nachfolge er 1998 antrat, sagte: «Die GT ist sehr wichtig, denn es sind die Autos, die unsere Kunden fahren. Und unsere Kunden sind das Wichtigste für uns.» Porsche und Le Mans – eine Familiengeschichte.

102641

Mission H24 ist das in der Schweiz entstandene und vom Automobile-Club de l’Ouest betreute Projekt eines Wasserstoffautos. 2026 soll es dafür eine eigene Kategorie geben.

Und was ist mit Ferrari und später Ford? 1963, als die italienische Marke in finanziellen Schwierigkeiten steckte, machte der Detroiter Riese Ford ein Kaufangebot. Als der Verkauf fast abgeschlossen war, zog sich Commendatore Enzo Ferrari zurück und brach die Verhandlungen abrupt ab. Das war ein Schlag ins Gesicht der Verhandlungsführer aus Dearborn. Der US-Konzern antwortete auf dem Terrain, auf dem die Scuderia herrschte, indem er sein GT40-Programm startete. Nach zwei gescheiterten Versuchen 1964 und 1965 gelang im Jahr 1966 der erste Sieg.

Audi kam, gewann und ging wieder. Bei Peugeot war es genauso: Man setzte sich durch, zog sich zurück und kehrte in die neue Ära zurück. ­Eine Ära, in der Toyota die Hauptrolle spielte und der Disziplin treu blieb, während andere hin und her wechselten. Für den grössten japanischen Hersteller war die Entwicklung der Hybridtechnologie – das erste Prius-Modell ist von 1997 – die Rechtfertigung für sein Engagement zunächst in der LMP1 und später in der Hypercar-Klasse. Toyota, das lange Zeit fast allein im Rennen war und 2023 immer noch Weltmeister ist (aber in Le Mans von Ferrari geschlagen wurde), tritt nun gegen eine immer stärkere Konkurrenz an. Zur grossen Freude der Zuschauer – 325 000 waren es im vergangenen Jahr beim Rennen zum 100. Geburtstag.

Der Ort, an dem man sein muss

Die Konkurrenzdichte auch abseits der Herstellerteams ist gross. Private Teams wie Jota und Proton Competition verfügen über siegfähige Autos (in diesem Fall Porsche). Sie wollen ihr Können unter Beweis stellen und hoffen, einen neuen Hersteller davon zu überzeugen, ihnen ihr Programm anzuvertrauen. Jota wird voraussichtlich ab nächstem Jahr das Cadillac-Programm übernehmen. Die Langstrecke, die eine Zeit lang als zweitklassige Disziplin galt, in der einige ehemalige Formel-1-
Fahrer in die Verlängerung gingen, ist nun der Ort, an dem die Fahrer sein müssen. Vor allem die jüngeren Fahrer haben verstanden, dass die Formel 1 nicht mehr bezahlbar ist. Sie wenden sich den Langstreckenrennen und ihrem Mythos, den 24 Stunden von Le Mans, zu, nachdem sie sich in der Formel 3 und der Formel 2 die Zähne ausgebissen und das Portemonnaie geleert haben.

Wie es ausgeht beim 92. Rennen in Le Mans, wird man erst Mitte Juni wissen. Wie es starten wird, weiss man jetzt schon. Ein Jahr nach dem US-Basketballspieler LeBron James hat eine andere Sportlegende, der französische Fussballspieler Zinédine Zidane, die Ehre, den Startschuss zu geben und den berühmten Satz zu sagen: «Ladies and gentlemen, please start your engines.» 

102653

Auch Schweizer schrieben in Le Mans schon Geschichte: 1989 holt das Team Sauber-Mercedes einen Doppelsieg.

Le Mans 2024: Hersteller-Vielfalt 
in zwei Rennklassen

Alpine (Hypercar)

Aston Martin (LMGT3)

BMW (Hypercar, LMGT3)

Cadillac (Hypercar)

Corvette (LMGT3)

Ferrari (Hypercar, LMGT3)

Ford (LMGT3)

Isota-Fraschini (Hypercar)

Lamborghini (Hypercar, LMGT3)

Lexus (LMGT3)

McLaren (LMGT3)

Peugeot (Hypercar)

Porsche (Hypercar, LMGT3)

Toyota (Hypercar)

Fotos: Mercedes, Porsche, H24

Kommentare

Keine Kommentare