Opels Schwarze Witwe – Schwarzer, böser Biedermann

Vesa Eskola | 18.04.2024

In den 1960er-Jahren schien manches so viel ­besser. Richtige Kerle waren noch stahlhart
und die Autos, die sie fuhren, ebenso. Das blieb ­zumindest so in meiner Erinnerung ...

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Die Schwarze Witwe geht bei korrekter Bedienung des Gaspedals auch ordentlich seitwärts – ein Riesenspass.

Es ist die zweite Hälfte der1960er-Jahre. Deutschland und die deutsche Autoindustrie stehen wieder in voller Blüte. Der Automarkt boomt, die Motorisierung wächst rasant. Man ist wieder wer, und mit dem Essen wächst auch der Hunger: Neben normalen Familienkutschen investieren die Autohersteller wieder in den Motorsport.

Opel bringt 1966 den Rekord C auf den Markt, im Jahr darauf taucht eine getunte Coupéversion bei verschiedenen Motorsportanlässen auf. Der rabenschwarze Wagen ist Opels einziger Botschafter im Motorsport und der erste Rennwagen, der seit dem Krieg aus Rüsselsheim (D) rollte. Alles wirkt etwas mysteriös und überraschend, kein Wunder, das Projekt entstand unter der Leitung des Opel-Designers Anatole Lapine im Geheimen, ohne die Erlaubnis der Opel-Führungsspitze oder des Mutterhauses GM. Die Ähnlichkeit mit der Geschichte eines in Wolfsburg (D) entwickelten sportlichen Golf ist offensichtlich.

Ami-Schlitten oder zumindest viele ihrer Stilelemente waren in den 1960er-Jahren in Europa in, und der Rekord C zeigte diesen Einfluss, etwa den Hüftschwung in der Gürtellinie. Dieser Opel hatte Sexappeal. Es war darum naheliegend, ihn als Botschafter für den Motorsport zu nutzen.

Getunt, modifiziert – und verschollen

Der 1.9-Liter-Vierzylinder-Benzinmotor wurde in Schweden von Ragnar Ecklund getunt und bot fast die doppelte Leistung des ursprünglichen Serienmotors. Je nach Quelle lag sie zwischen 150 und 175 PS. Das ist ordentlich Dampf für ein nur 935 Kilogramm schweres Auto. Die Hinterachse des Rekord wurde mit einem Reaktionsdreieck statt ­eines Panhardstabs aufgerüstet, um diese Leistung auf den Asphalt zu bringen.

Erich Bitter tritt mit dem Rekord in Hockenheim (D) an. Unter seiner Führung soll Opel den Legenden dieser Zeit in der Gruppe 5 – Porsche, BMW und Mercedes – Paroli bieten. Danach geht die Schwarze Witwe in österreichische Hände über, ein 20-jähriges Talent namens Niki Lauda fährt sie 1969 bei einem Rennen auf dem Flughafen Tulln-Langenlebarn bei Wien. Laudas Rennen mit der Schwarzen Witwe dauert aber nur kurz und endet mit einem Ausfall.

Kurze Zeit später verschwindet das Auto auf mysteriöse Weise, die Informationen dazu sind widersprüchlich. Bei der Schwarzen Witwe auf diesen Bildern handelt es sich also um einen Nachbau, der von Jens Cooper initiiert wurde, der im Museum auf dem Gelände des Opel-Werks Rüsselsheim arbeitet. Er ist einer von drei Opel-Enthusiasten, die Opels historische Autosammlung hegen und pflegen. Zum Glück für Jens Cooper lebte der Vater des Wagens, Anatole Lapine, in den 2000er-Jahren noch und lieferte wichtige Informationen, die einen authentischen Nachbau garantierten. Das Auto basiert auf demselben Modell und Baujahr wie die originale Schwarze Witwe. Das Projekt nahm drei Jahre in Anspruch, 2012 wurde der Nachbau fertig.

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Jens Cooper baute dank präziser Informationen die Schwarze Witwe bis ins Detail nach. Im ausgeräumten Innenraum dominieren die brettharten Schalensitze, der Auspuffsound ist infernalisch. In den 1960er-Jahren waren Renntourenwagen – der Opel startete in der Gruppe 5 – noch nahe an ihren Serienpendants. Die bildschöne Karosserie des Opel Rekord C blieb der Schwarzen Witwe ohne Veränderungen erhalten.

Jetzt steht der schwarz-gelbe Rekord vor dem alten Fabrikgebäude. Eine abgefahrene Szenerie, doch die Kulisse passt, hier in Rüsselsheim wurde der Rekord einst hergestellt. Während die heutigen Rallye- und Rennwagen meist wie Kitcars aussehen, die nichts mit Serienfahrzeugen zu tun haben, ist die Verwandtschaft der Schwarzen Witwe mit dem normalen Rekord offensichtlich. Wenn man das Auto betrachtet, wundert man sich nicht, warum das Rekord-C-Coupé von vielen als einer der schönsten Opel aller Zeiten angesehen wird. Das Fehlen der B-Säule verleiht dem Wagen eine unverkennbare Leichtigkeit. Der 1.9-Liter-Vierzylindermotor leistet dank aktueller Tuning-Technik sogar 200 PS. Selbst nach heutigen Massstäben ist das genug für ein Auto, das weniger als tausend Kilogramm wiegt. Auch das Interieur wurde so originalgetreu wie möglich gestaltet. Die harten, altmodischen Schalensitze ohne Kopfstützen lassen keine Gnade walten. Statt einer Rückbank gibt es einen Überrollkäfig. Die Instrumententafel zeigt mit einem grossen Drehzahlmesser im Blickfeld des Fahrers, Wasser- und Öltemperatur sowie Öldruck nur das Nötigste. Ein Tacho fehlt.

Das Fahren mit der Schwarzen Witwe ist eine witzige Angelegenheit. Sie lässt sich bestens mit dem Gaspedal lenken, Heigh-Ho! Der Motor ist hypernervös, und die Geräusche sind im Vergleich zu heute fast schon grotesk. Dank des seitlichen Auspuffrohrs geht der Sound ungedämpft zum Ohr. Das Gebrüll lässt das Herz flattern.

Und wie es das tut. Die Black Widow brennt eine schwarze Linie in den Boden. Die Lenkung ist direkt und unmittelbar – perfekt! Der Schalthebel ist lang und unübersehbar, mit nur vier Gängen bleibt die Wahl recht einfach, und die Betätigung ist mechanisch präzise. Hinter dem Lenkrad der Schwarzen Witwe braucht man sich über die Beliebtheit von Klassikern nicht zu wundern. Hier ist alles echt, es handelt sich nicht um ein Videospiel, bei dem das Gefühl zwischen Fahrer und Strasse irgendwo in den Tiefen der Fahrhilfen verloren geht. Diese Beziehung zwischen Fahrer und Auto ist aufrichtig. Wer meistens nur neue Autos fährt und bewertet, dem kann es tatsächlich passieren, dass ihn beim Fahren dieses Autos ein Mikro­orgasmus ereilt ...

Leider ist die Probefahrt nur von kurzer Dauer, denn die Zeit mit Jens Cooper ist um, der kompetente Mann hat viel zu tun, der Terminkalender voll. Da Opel endlich den Wert der Geschichte erkannt hat, wartet eine ganze Reihe vergangener und zukünftiger Klassiker darauf, restauriert und wieder präsentiert zu werden. 

Technische Daten

Opel Rekord C Schwarze Witwe 1967

Motor R4 OHV vorne längs, 2 Flachstromvergaser Weber 48, 1897 cm³, ca. 200 PS, keine Angaben zu Drehzahl und Drehmoment.

Antrieb 4-Gang Schaltgetriebe, Hinterradantrieb, Differenzialsperre.

Fahrwerk Vorne MacPherson-Federbeine, hinten Starrachse mit Längslenkern und Reaktionsdreieck, Scheibenbremsen.

Karosserie Stahlblech selbsttragend, Überrollkäfig, 2 Plätze.

Fahrleistungen Nicht bekannt.

Stückzahl 2 (Original 1969 verschollen, Nachbau von 2012).

Preis keine Angaben.

Fotos: Vesa Eskola

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