The ICE: Historie, Pelz und Dekadenz hart am Begrenzer

Markus Kunz | 02.02.2026

Das ICE in St. Moritz gilt mittlerweile als eines jener Highlights, die man im Jahreskalender eintragen muss. Und müssen tun vor allem jene, die Gefallen an der Reizüberflutung finden. Optisch wie akustisch wird hier so einiges geboten. Nicht zuletzt auch die eine oder andere Verfehlung der berühmten ersten Kurve, fahrerisch wie auch stilistisch. Ein Erstbesuch.

THEICE2026 Keine Handschuhe

Das «Goodwood der Alpen». Eine Metapher, die auf dem zugefrorenen See durchaus fruchtbaren Boden findet. Historische und auch neuzeitliche Exklusivitäten drehen wohlklingend und vor allem wohlriechend ihre Runden.

Weniger denn um auf Zeitenjagd zu gehen, vielmehr um der Schau gerecht zu werden. Und das petrophile Publikum feiert diese Darstellung von Autos hart, welche man im Leben vielleicht das erste und auch letzte Mal in ihrer komfortablen Reiseflughöhe zu Gesicht bekommt.

Umso paradoxer scheint der Umstand, dass diese Fahrzeuge dermassen den eisigen Elementen ausgesetzt werden. Und es bestätigt, so mancher Oldtimer ist nicht dieses fragile Konstrukt, welches man nur mit Samthandschuhen im klimatisierten Autotresor anfassen darf.

Keine Handschuhe. Dafür Drifts und Spass

Die Veranstalter des ICE haben definitiv Benzin im Blut. Die Verbrennungsmaschine wird auf dem See gefeiert, zu Boden wie auch in der Luft. Dass die Patrouille Suisse an beiden Tagen am stahlblauen Himmel ihre Künste vorgeführt hat, scheint wie selbstverständlich.

THEICE2026 Opener

Und als Besucher hat man hier keine ruhige Minute, die Motoren dröhnen, die (Privat)Jets schiessen über den See und die Subwoofer des DJ’s atmen kleine Handtaschenhunde ein. Optisch wie akustisch ist das alles ganz grosses Kino.

Das ICE ist aber, wie es der Name schon sagt, ein International Concours of Elegance und da gibt es auch den einen oder anderen Sieg zu holen, ohne dass man auf dem See den Schnee in den Himmel hat fliegen lassen.

Die Sieger beim  International Concours of Elegance

THEICE2026 Legendary Liveries Lancia Stratos 1976

Legendary Liveries: Lancia Stratos (1976). Weitere Gewinner auf den Pfeil klicken!

THEICE2026 Open Wheels Maserati 4 CLT 1949

Open Wheels: Maserati 4CLT (1949)

THEICE2026 Birth of the Hypercar Jaguar XJ220 1993

Birth of the Hypercar: Jaguar XJ220 (1993)

THEICE2026 Barchettas on the Lake Ferrari 750 Monza 1955

Barchettas on the Lake: Ferrari 750 Monza (1955)

THEICE2026 Icons on Wheels Talbot Lago T150 C SS Teardrop 1937

Icons on Wheels: Talbot-Lago T150C SS ‘Teardrop’ (1937)

THEICE2026 Best Sound Award Pontiac Vivant 1965

Best Sound Award: Pontiac Vivant (1965)

Alle diese Autos holten sich Ihre Siege in den jeweiligen Kategorien verdient. Speziell, der Best Sound Award wurde von dem High-End-Audio-Hersteller Bang&Olufsen vergeben. Spitze Zungen würden jetzt behaupten, der Hersteller kenne sich mit Bässen aus, deswegen der amerikanische V8 als Gewinner? Hat für mich gestimmt.

Und gerade die neu geschaffene Kategorie Birth of the Hypercar hat mich persönlich mehr als begeistert. Dass der XJ220 sich hier den Sieg geholt hat, schien wie egal, seine Mitbewerber waren nicht weniger spektakulär.

Konkurrenten des Jaguar um den Hypercar-Titel: Bugatti EB110, Koenigsegg CC Prototype, Pagani Zonda C12, Porsche GT1. Zum Vergrössern anklicken!

Geschmackssache alles hier

Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Und deswegen macht der Streit über eben diesen so gut wie gar keinen Sinn. Gerade wegen der Vielfalt an Autos auf dem See birgt die Diskussion über den eigenen Gusto eine Menge Frustpotential.

So mancher ist vermutlich nur wegen der Entourage von Bugatti aufgetaucht, von der Superlative «Bolide» waren sogar gleich mehrere Exemplare auf dem See. Was nicht heissen soll, dass der Bolide nun zur Massenware verkommt, an Exklusivität ist das Auto, zumindest in der Neuzeit, kaum zu überbieten. Und vermutlich auch nicht im Preis, wer sowas haben möchte, muss zwischen fünf und zehn Millionen Euro im Portfolio transferieren.

Um so grösser die drei Schockmomente rund um die martialischen Bugattis, einmal im Graben gelandet, einmal überhitzt und einmal im Niveau auf das Level eines Unterlagsbodens abgesackt, als ein namentlich nicht bekannter Herr sich eine Zigarette im Franzosen gönnte.

Die ersten zwei gehen als Grande Malheur ab, aber die dritte Aktion setzte die Latte für zur Schau gestellte Dekadenz dorthin, wo sonst die Patrouille Suisse ihr Revier mit Rauchfahnen markierte. Schlicht: Dekadenz am Rande der Abwesenheit Geschmack und Respekt.

THEICE2026 Desaster

Das Niveau der Dekadenz

Und wenn wir gerade von Dekadenz sprechen. Ja, in St. Moritz gelten andere Regeln, was die Zurschaustellung von Reichtum und Lifestyle anbelangt, das kann man durchaus respektieren.

Aber hier unterscheidet sich das ICE auch massiv vom Goodwood Revival. Wo die Briten darauf Wert legen, dass die Besucher in zeitgenössischer und stilechter Kleidung ihre Präsenz mit der automobilen Kunst in Einklang bringen, ist in St. Moritz schon Beizenfasnacht.

Champagner, Pelz und Social Media. Zum Vergrössern anklicken!

Über den Sinn Haute Couture und Tierfell mögen sich ja ebenfalls die Geister scheiden, und man kann hier nicht mal ein abschliessendes Urteil fällen.

Denn, wo soviel Botox, Kosmetik und volumenfördernde Präparate zu sehen sind, dort kann man davon ausgehen, dass der eine oder andere Pelz auch nicht echt gewesen ist.

Es stellt sich auch die Frage, ob mehr Bilder mit der Selfiekamera oder der Frontkamera produziert worden sind. So echt und richtig wie das alles auf dem See aussieht, so gefälscht scheint es auf der anderen Seite der Streckenabsperrungen.

THEICE2026 Champagner Pelz und Social Media 3

Die Leere danach

In Summe hinterlässt der Anlass einen nachhallenden Zwiespalt: Die Schönheit und die Ästhetik der handverlesenen Autos werden im selben Masse durch manche Geschmacksverfehlung des Publikums relativiert.

Und damit ist nicht die Mode gemeint, davon habe ich so wenig Ahnung wie eine Kuh vom Fallschirmspringen. Trotzdem. Oder genau deswegen. Ich mag Autos. Jene, welche mir die Ärmel bis zu den Achseln hochziehen. Und nicht jene, welche mir die Fussnägel hochrollen. Geschmackssache halt. Wenn’s mir nicht passt, geh ich halt nach Hause.

PS: Da war noch was. Der berühmte Ritt auf der Kanonenkugel. Danke Tom! Das gibt’s dann im nächsten Magazin der Automobil Revue.

Audi

Fotos: Kunz

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