Polestar 4 – Wie in einem Kokon

Olivier Derard | 01.02.2024

SUV-Coupé Polestar ­enthüllt sein neuestes Modell. Die Heckklappe kommt ohne Glasscheibe aus, die Modellbezeichnung 4 verwirrt ein wenig.

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Polestar zögert nicht, mit Konventionen zu brechen. Dies gilt insbesondere für die Nomenklatur. So entspricht die höchste Nummer nicht unbedingt dem grössten Modell, wie es bei der Konkurrenz üblich ist. Der neue Pole­star 4 liegt mit 4.84 Metern Länge zwischen dem Pole­star 2 mit 4.60 und dem Pole­star 3 mit 4.90 Metern. Damit gehört er zum D-Segment, während die beiden anderen zum C- respektive E-Segment gehören. Aber wie kam es zu dieser Zahl in der Bezeichnung? Bei Polestar werden die Modellnamen ganz einfach nach dem Zeitpunkt der Markteinführung vergeben. Und weil Volvo, die Eigentümerin von Polestar, die Zeit unterschätzt hat, die für die Entwicklung der Software des Pole­star 3 benötigt würde, musste der Produktionsbeginn des SUV Pole­star 3 verschoben werden. Der 4 erhielt den Vortritt.

Der Pole­star 4 übernimmt die Designcodes des Precept-Konzepts, das 2020 vorgestellt wurde. Abgesehen von den geteilten Frontscheinwerfern, dem sanft beleuchteten Polestar-Emblem (das aus rechtlichen Gründen während der Fahrt erlischt), den versenkbaren Türgriffen und den rahmenlosen Fenstern ist die grösste Neuerung das Heck des Fahrzeugs, wo die Heckklappe ohne Glasscheibe auskommt und durch ein undurchsichtiges Karosserieteil ersetzt wird.

Der Pole­star 4 wird auf der SEA-Plattform (Sustainable Experience Architecture) zusammengebaut, die von der Muttergesellschaft Geely in China entwickelt wurde. Dieses Chassis, das bereits vom Zeekr 001 und vom Ji Yue 01, zwei weiteren Produkten des chinesischen Konzerns, verwendet wird, ist in Europa in zwei Leistungsstufen erhältlich. In der Einstiegsklasse gibt es zunächst die Version mit Hinterradantrieb. Sie verfügt über einen Elektromotor mit Permanentmagneten auf der Hinterachse, der 200 kW (272 PS) und 343 Nm maximales Drehmoment leistet. Bei der 4×4-Version arbeitet eine zweite, gleich starke Maschine auf der Vorderachse. Damit liegt die Systemleistung bei 400 kW (544 PS) und 686 Nm Drehmoment. Für den Sprint von 0 auf 100 km/h benötigt die Variante mit Heckantrieb 7.1 Sekunden, der 4×4 schafft ihn in 3.8 Sekunden.

Grosse Batterie mit 94 kWh netto

Die Batterie hat eine Bruttokapazität von 100 kWh und eine Nettokapazität von 94 kWh. Das reicht für eine Reichweite von 610 Kilometern bei der Version mit Heckantrieb und für 580 Kilometer bei der 4×4-Variante (nach WLTP-Zyklus). Mit Gleichstrom am DC-Schnelllader kann die Batterie in 30 Minuten mit bis zu 200 kW Leistung von zehn auf 80 Prozent aufgeladen werden, an Wechselstromladesäulen sind es 5½ Stunden von 0 bis 100 Prozent, wenn die Säule 22 kW Leistung liefert. Mit der typischen Elf-Kilowatt-Wallbox dauert es doppelt so lange. Der Pole­star 4 ist mit zwölf Kameras, einem Radar und zwölf Ultraschallsensoren ausgestattet und macht somit autonomes Fahren der Stufe zwei möglich.

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Das ist die grosse Innovation, die der Pole­star 4 einführt: Er kommt ohne Heckscheibe aus. Eine Kamera sorgt für die Sicht nach hinten.

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Das ist die grosse Innovation, die der Pole­star 4 einführt: Er kommt ohne Heckscheibe aus. Eine Kamera sorgt für die Sicht nach hinten.

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Der Pole­star 4 zeichnet sich mehr durch Technologie als durch die Qualität der Verarbeitung aus. Auf der Rückbank fühlen sich die Insassen durch das Fehlen einer Heckscheibe wie in einem Kokon. Die Sitzfläche lässt sich elektrisch verstellen.

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Der Pole­star 4 zeichnet sich mehr durch Technologie als durch die Qualität der Verarbeitung aus. Auf der Rückbank fühlen sich die Insassen durch das Fehlen einer Heckscheibe wie in einem Kokon. Die Sitzfläche lässt sich elektrisch verstellen.

Hinten eine Höhle

Die AR durfte den Pole­star 4 zwar noch nicht selbst fahren, aber immerhin im Innenraum Platz nehmen. «Wir haben den Pole­star 4 als SUV-Coupé konzipiert, das den Komfort und das Erlebnis der Passagiere auf den Rücksitzen zelebriert», sagt Thomas Ingenlath. Der Geschäftsführer von Pole­star bezieht sich dabei auf das Fehlen einer Glasscheibe im Heck. Dadurch sitzt man auf den hinteren Plätzen wie in einem Kokon – um nicht zu sagen wie in einer Höhle. Trotz des integralen Glasdachs, das sich über die Köpfe erstreckt, ist der Innenraum eher dunkel. Aber das ist ein gewollter Effekt, der dem SUV ziemlich gut steht. Zumindest ist es einzigartig auf dem Markt. Vor allem aber geniessen die Fondpassagiere in dieser intimen Umgebung einen königlichen Komfort. Das Platzangebot ist beeindruckend dank des gigantischen Radstands von drei Metern, die Sitze lassen sich elektrisch verstellen, und ein zweiter Bildschirm zwischen den Vordersitzen dient zur Steuerung des Infotainmentsystems und der Klimaanlage.

Da die Sicht nach hinten nicht mehr möglich ist, wurde der Innenspiegel durch einen hochauflösenden Bildschirm ersetzt, der die Bilder einer auf dem Dach montierten Rückfahrkamera in Echtzeit zeigt. Dies könnte bei Nacht zu Problemen führen, da die Nähe der umliegenden Fahrzeuge für den Fahrer schwer einzuschätzen ist. Das digitale Bild kann auch deaktiviert werden, damit der Fahrer einen Blick auf die Kinder auf dem Rücksitz werfen kann. Ansonsten ist auch der Pole­star 4 markentypisch unterwegs – auch im negative Sinn. Er leidet unter rezyklierten Materialien, die sich nicht besonders gut anfühlen, und ­ausserdem einer deutlich verbesserungswürdigen Verarbeitungsqualität. Die Kunststoffe sind an einigen Stellen eher schlecht zusammengesetzt. Das 10.2-Zoll-Kombiinstrument bietet derweil alle notwendigen Informationen (Geschwindigkeit, Batterieladestand und Reichweite), das 15.4-Zoll-Infotainmentsystem ist riesig.

Da der Pole­star 4 in der Geely-Fabrik in Hangzhou Bay (China) gebaut wird, ist er mit 62 900 Franken und 70 900 Franken für die 4×4-Version vergleichsweise günstig. Das ist zweifellos ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. 

Fotos: Polestar

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