Berg SM – Der Meister zweifelt

Werner J. Haller | 06.06.2024

Marcel Steiner Der Schweizer Bergmeister sieht schwarz. Gut möglich, dass der Titelgewinner erstmals
seit 2010 nicht Marcel Steiner oder Eric Berguerand heisst.

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Aus den Startlöchern: Marcel Steiner beginnt die Berg-SM 2024 mit dem letztjährigen Meisterauto.

Vergangene Woche staunte die AUTOMOBIL REVUE, als sie durch ein Fenster der Steiner-Garage in Oberdiessbach BE blickte. Hinten rechts in der Garage stand der Lobart – aber in Weiss, nicht etwa in Schwarz. Mit der weissen Karosserie hat Marcel Steiner im vergangenen Jahr in der Schweizer Bergmeisterschaft den Titel in der Kategorie Rennsportwagen geholt. Anfang April überraschte Steiner in den sozialen Medien mit Bildern aus Turin (I), die ihn neben einem schwarzen Sportwagen zeigten. «Das Auto ist dasselbe, nur die Karosserie ist neu», beruhigte Steiner die Fangemeinde. «Letztlich geht es nur um eine neue Aerodynamik am Auto.» Ende April war sich Steiner sicher, dass er wieder auf sein Meisterauto aus dem Vorjahr zurückgreifen würde.

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Marcel Steiner: Der sechsmalige und aktuelle Schweizer Bergmeister hat schlechte Aussichten.

Motivation ist gewichen

«Bei den Testfahrten in Bresse merkte ich, dass die Aerodynamik nicht funktioniert. Wenig später, beim Bergrennen im österreichischen Rechberg, funktionierte eigentlich gar nichts mehr richtig. Die Laufzeiten waren langsamer als im Vorjahr – und schon damals war ich sehr langsam», erinnert sich Steiner. «Der Titelgewinn 2023 hat mich sehr motiviert für die bevorstehende Saison. Meine Stimmung ist aber inzwischen gekippt.» Ob Steiner 2024 alle sieben Läufe zur Berg-SM fährt, ist unwahrscheinlich. Beim Saisonstart in Hemberg SG dieses Wochenende und danach in La Roche FR sei er sicher dabei, sagt er. Reitnau AG müsse er aber aus Termingründen auslassen. Die schwarze Karosserie ist mit ein Grund.

Die schwarze Karosserie werde er sicher nicht einsetzen, das wisse man bei Lobart, dem italienischen Hersteller von Karbonfaser-Bauteilen. Allein auf die weisse Karosserie setzen kann Steiner aber nicht, weil er den Sportwagen zu Präsentationszwecken – mit dem schwarzen Anstrich natürlich – abtreten sollte. «Deshalb kommt es zu Terminkollisionen mit zwei Bergrennen. Das sorgt für Differenzen», erklärt Steiner. Und einfach so das Auto hergeben will er nicht. Er ist seit 2016 Lobart-Pilot, die Italiener wählten den Berner damals aus drei möglichen Piloten aus. Wofür er dankbar sei: «Lobart kam auch mir damals gelegen.» Aber dieses Jahr einfach nur vereinzelt Bergrennen zu fahren ohne Aussicht auf einen Titel, komme für ihn nicht in Frage, sagt der 48-jährige Garagist. Eigentlich habe er auch daran gedacht, vielleicht noch diese Saison zu fahren und so einen sauberen Strich unter seine Karriere zu ziehen. «Aber so kann ich nicht abtreten!»

Rennwagen, die 2024 nicht im Einsatz sein werden: Eric Berguerand (l.) steht nach einem ­Motorschaden an seinem Lola FA99 im Vorjahr am Gurnigel nicht am Start, der Lobart von Marcel Steiner wird sicher nicht die im Winter vorgestellte, schwarze Karosserie aufweisen.

Sicher ist, dass Eric Berguerand, Steiners grösster Herausforderer, dieses Jahr nicht an der Berg-SM teilnimmt. Der Walliser müsste den Motor seines Lola FA99 nach einem Schaden am Gurnigel-Bergrennen 2023 überholen lassen, dazu fehle ihm aber das Geld, sagte er Anfang Mai. Seit 2010 hiess der Schweizer Bergmeister in der Kategorie Rennsportwagen ausnahmslos entweder Marcel Steiner (2010–2012, 2017, 2018, 2023) oder Eric Berguerand (2013–2016, 2021, 2022). Seit 2010 gab es 95 Läufe zur Berg-SM, 80 davon – oder 74.4 Prozent! – gewannen allein die beiden Dominatoren. Die restlichen 15 Siege teilen sich Joël Volluz (7 Siege), Florian Lachat (2), Jean-Jacques Dufaux, Tiziano Riva, Joel Grand, Marcel Maurer, Thomas Amweg und Robin Faustini (je 1).

Faustini oder Amweg?

Vor allem Faustini hatte in den vergangenen drei Meisterschaften stets das Nachsehen im Titelkampf. 2023, 2022 und 2019 (in den Pandemiejahren 2020 und 2021 wurde keine Berg-SM gefahren) belegte er jeweils hinter Steiner und Berguerand den dritten Gesamtrang. Der Aargauer fährt nicht zuletzt deshalb ab dieser Saison anstelle des bisherigen Osella FA30 neu einen Nova NP01 (AR 15/2024). Auch Thomas Amweg, 2019 Sieger am Gurnigel-Bergrennen, sitzt neu in einem Nova NP01 (AR 16/2024). «Wenn du eine Chance auf den Sieg haben willst, musst du ein solches Auto wie den Nova NP01 fahren», erklärte der Aargauer den Umstieg vom Formelauto auf den Sportprototyp. Er wolle dieses Jahr im Unterschied zu vorherigen Saisons regelmässig am Start stehen. Faustini und Amweg seien zweifellos Titelkandidaten, meint Marcel Steiner. «Aber sie fahren neue Autos, die müssen sie erst kennenlernen», sagt der Routinier. 

Die Schweizer Bergmeisterschaft 2024
8./9. Juni Hemberg SG
15./16. Juni La Roche–La Berra FR
29./30. Juni Reitnau AG
17./18. August Les Rangiers JU
24./25. August Oberhallau SH
7./8. September Gurnigel BE
14./15. September Les Paccots FR

Neue Rennwagen: Robin Faustini hat seinen Osella FA30 auf diese Saison hin gegen einen Nova NP01 getauscht (l.), genauso wie Thomas Amweg seinen Reynard 93D Formel 3000.

Die letzten Titel­gewinner am Berg

Schweizer Meister der Rennsportwagen

2023 Marcel Steiner, Lobart-Honda/Helftec

2022 Eric Berguerand, Lola FA99

2019 Eric Berguerand, Lola FA99

2018 Marcel Steiner, Lobart-Mugen

2017 Marcel Steiner, Lobart-Mugen

Schweizer Meister der Tourenwagen

2023 Bruno Sawatzki, Porsche 991 Cup

2022 Reto Meisel, Mercedes-Benz SLK 340

2019 Andy Feigenwinter, Lotus Exige 430

2018 Frédéric Neff, Porsche 996 Cup

2017 Frédéric Neff, Porsche 996 Cup

Bergpokalsieger

2023 Stephan Burri, VW Scirocco

2022 Martin Bürki, VW Polo

2019 Philip Krebs, Renault Clio 2

2018 Martin Bürki, VW Polo

2017 Giuliano Piccinato, Honda Integra Type-R

Fotos: Werner J. Haller, Steiner Motorsport, Susanne Kaspar

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