McLaren war bei Saisonauftakt der Formel 1 in Australien wie erwartet stärkste Kraft. Lando Norris siegte (gr. Foto), Oscar Piastri blieb wegen eines Ausrutschers noch zurück. Aber auch die Konkurrenz kämpfte in Melbourne bisweilen noch mit Anlaufschwierigkeiten.
Es ist klingt so harmlos, und ist dennoch das Schlimmste, was einem Rennfahrer vom eigenen Team angetan werden kann: «Hold positions.» Eine höflich formulierte Anweisung vom Kommandostand, die nichts anderes bedeutet als einen Nicht-Angriffs-Pakt. Stallorder also. Genauso hat die neue Formel-1-Saison für Lando Norris und Oscar Piastri vom McLaren-Team begonnen. Im Wetterchaos von Melbourne war der den Spitzenreiter angreifende Piastri drauf und dran als erster Australier ein Heimrennen zu gewinnen. Doch die Führung wurde ihm verwehrt, vermutlich war es dem McLaren-Kommandostand Angst und bange geworden, wenn sich die beiden etwa gleich starken Piloten im stärksten Auto sitzend bekriegt hätten.
Auch wenn das den so genannten «papaya rules» widersprach, laut denen beiden noch am Samstag nach der Qualifikation zum Saisonauftakt freie Fahrt gewährt worden war. Zur Rennmitte aber galt das erst wieder, als Piastri sichere drei Sekunden zurücklag. Am Ende gewann Norris seinen ersten Grand Prix des Jahres, Piastri wurde Neunter – was aber nicht dem internen Überholverbot, sondern einem Fehler geschuldet war, der ihn tief in die Auslaufzone bugsierte.
Sieger beim Australien-GP: Lando Norris von McLaren.
Wird um den Titel kämpfen müssen: Weltmeister Max Verstappen, Red Bull.
Ehe unerwartet auf dem Podest: George Russell (Mercedes).
Nummer Eins und Nummer zwei beim Top-Favoriten scheinen damit klar,
gleichwohl Teamchef Andrea Stella gern den Heiligenschein der
Gleichbehandlung trägt. Doch Sieger Norris hatte schon über die richtige
Reifenwahl während der Wolkenbrüche gesagt: «Wir haben aus unseren
Fehlern vom letzten Jahr gelernt.» Da hatte sich das britische Team zu
spät auf Norris als Titelkandidaten festgelegt. Es scheint so, dass
Norris wieder bevorzugt wird. Piastri, der vor dem Grand Prix von
Australien mit einem langfristigen Vertrag (vermutlich bis 2029)
ruhiggestellt worden war, konnte in seiner Heimatstadt nicht gross
dagegenhalten – zu schwer wog für ihn sein Fahrfehler, der ihm einen
sicheren Podiumsplatz kostete. Jetzt hat er 23 Punkte Rückstand auf
seinen härtesten Rivalen, das erscheint als gewaltiger Nachteil. Norris
aber lobt das Zusammenspiel mit seinem direkten Gegner: «Es ist zwar
noch ein bisschen früh für Vorhersagen, aber wir sind die Favoriten und
das Team, das es zu schlagen gilt. Vor allem deshalb, weil wir zwei
Fahrer sind, die sich gegenseitig unter Druck setzen.»
Karten neu gemischt
Bei Grand Prix von China an diesem Wochenende werden die Karten neu
gemischt, überall. Die untypische Strecke im Albert Park und das
verheerende Wetter machen es schwer, eine Analyse über die wahren
Kräfteverhältnisse in der Königsklasse zu treffen. Abseits von McLaren
waren Red Bull und Mercedes stärker als erwartet, Ferrari hingegen
deutlich schwächer. Der zehnte Platz für Lewis Hamilton ist ein harter
Aufprall mit der Realität für den Rekordweltmeister. Vor dem Wochenende
war der 40-Jährige noch gefragt worden, was er für sein Debüt in Rot
erwarte. Zunächst hatte er «in die Punkte fahren» geantwortet, was ihm
dann doch zu wenig erschien, und auf «unter die ersten Fünf» erhöhte.
Die wären tatsächlich drin gewesen. Aber in der Qualifikation lief es
schon nicht, und im unübersichtlichen Rennen verloren die
Ferrari-Strategen immer wieder die Übersicht, diskutierten mit ihren
Piloten, bis diese unisono zurückfunkten, man solle sie jetzt einfach in
Ruhe lassen.
Der beste Rookie: Andrea Kimi Antonelli (Mercedes) belegte Rang 4.
Nur enttäuschender Achter: Charles Leclerc von Ferrari.
Muss bei Ferrari noch ankommen: Rekordweltmeister Lewis Hamilton.
Charles Leclerc als Achtem erging es nicht besser als Hamilton, der
über seinen Einstand sagte, es sei „noch schlimmer gekommen als
erwartet». Natürlich spielt da die Umgewöhnung, zum Beispiel am Lenkrad,
eine Rolle. Aber als ein richtiger Rookie geht ein Rekordweltmeister
natürlich nicht durch. Immerhin weiss der ehemalige Mercedes-Pilot
(dessen Nachfolger Andrea Kimi Antonelli überraschender Vierter mit dem
Silberpfeil wurde) aber, dass er keinen wirklich grossen Rückstand auf
Leclerc hat. Was dem leicht ratlosen, vor allem aber sichtlich
enttäuschten Teamchef Frédéric Vasseur noch richtig Kopfzerbrechen
bereiten wird. Zwei Fahrer solchen Kalibers aufeinander loszulassen, das
ist ähnlich gefährlich wie das Duo von McLaren. Dort hat Andrea Stella
dem am Boden zerstörten Piastri in die Hand versprochen, dass er noch
viele glückliche Momente in diesem Jahr erleben werde: «Oscar ist einer
der mental stärksten Fahrer im Feld.»
Kein Vertrauen ins Auto
Das ist Lewis Hamilton auch. Und er wird sich nicht lange taten- und
wortlos angucken, sollte sein neuer Rennstall nicht die nötigen Impulse
geben, damit sich verschenkte Chancen wie in Melbourne durch eine
falsche Fahrzeugabstimmung und Taktik nicht mehr wiederholen: «Ich hatte
keinerlei Vertrauen ins Auto, und hätte ein paarmal fast die Mauer
geküsst», klagte Hamilton, der für einen kurzen Moment im Chaos sogar
auf Rang eins gespült worden war, «wir müssen besser werden, vor allem
in der Kommunikation».
Schon erste Punkte für Sauber: Nico Hülkenberg.
Resultate
Grand Prix von Austalien. Melbourne, 1. Lauf (von 24): 1. Lando Norris (GB), McLaren-Mercedes, 57 Runden, 1:42:06.304 Stunden (=176.786 km/h). 2. Max Verstappen (NL), Red Bull-Honda, 0.895 Sekunden zurück. 3. George Russell (GB), Mercedes, 8.481. 4. Andrea Kimi Antonelli (I), Mercedes, 10.135. 5. Alex Albon (T), Williams-Mercedes, 12.773. 6. Lance Stroll (CDN), Aston Martin-Mercedes, 17.413. 7. Nico Hülkenberg (D), Sauber-Ferrari, 18.423. 8. Charles Leclerc (MC), Ferrari, 19.826. 9. Oscar Piastri (AUS), McLaren-Mercedes, 20.448. 10. Lewis Hamilton (GB), Ferrari, 22.473. 11. Pierre Gasly (F), Alpine-Renault, 26.502. 12. Yuki Tsunoda (J), Racing Bulls-Honda, 29.884. 13. Esteban Ocon (F), Haas-Ferrari, 33.161. 14. Oliver Bearman (GB), Haas-Ferrari, 40.351. – Ausfälle: Liam Lawson (NZ), Red Bull-Honda (46. Runde, Unfall); Gabriel Bortoleto (BR), Sauber-Ferrari (45., Unfall); Fernando Alonso (E), Aston Martin-Mercedes (32., Unfall); Jack Doohan (AUS), Alpine-Renault (1., Unfall); Carlos Sainz (E), Williams-Mercedes (1., Unfall); Isack Hadjar (F), Racing Bulls-Honda (1., Unfall). – 20 Fahrer gestartet, 14 klassiert.