Elmar Brümmer | 24.11.2025
Zwei Grand Prix und ein Sprint stehen noch aus. 58 Punkte gibt es für einen Fahrer maximal noch zu gewinnen. Und Las-Vegas-Sieger Max Verstappen liegt nur noch 24 Zähler hinter WM-Leader Lando Norris, der beim drittletzten GP der Saison wie sein McLaren-Teamkollege Oscar Piastri disqualifiziert wurde. Verstappen ist plötzlich ein ganz grosser Titelkandidat.
Die Künstliche Intelligenz war sich sicher, noch am Tag vor dem Grand Prix von Las Vegas, dass die Chancen für eine Titelverteidigung von Max Verstappen bei 0.7 Prozent liegen. Nach dem Rennen durch die Neon-Wüste glaubte Lando Norris, der 20 Sekunden hinter dem Niederländer ins Ziel kam, schon eine Hand am WM-Pokal zu haben. Dann folgte die Disqualifikation der McLaren-Rennwagen, und plötzlich ist alles anders, alles neu, alles offen: 24 Punkte Vorsprung hat Norris nach der Ergebniskorrektur noch auf Verstappen und seinen internen Rivalen Oscar Piastri. Immer noch ein ordentlicher Abstand, gewiss. Aber bei zwei ausstehenden Rennen und einem Sprint ist in diesem WM-Finale alles drin, ein echter Dreikampf. Unabhängig vom Punktestand: wie Titelverteidiger Verstappen fährt, redet, sich benimmt – das ist echte Champion-Manier.
Hamiltons schlimmste Saison
Einer, der genau die gleiche Aura ausgestrahlt hat, ist Lewis Hamilton. Ist noch gar nicht so lange her. Und selbst, als es bei Mercedes richtig schlecht lief für den Rekordweltmeister, legte er eine gewisse Aura an den Tag, bewies Grösse und (Durchhalte-)Willen. All das wird jetzt bei Ferrari auf eine Probe gestellt. Als Letzter in das Neon-Rennen von Las Vegas zu gehen, das war schon eine Demütigung, da half auch kein aufmunterndes Küsschen von Beyonce. Nach 50 Runden hatte sich der Brite zwar auf den zehnten Platz hochgekämpft, aber auch das wollte ihm die Nacht nicht retten: «Ich fühle mich furchtbar. Das ist die schlimmste Saison in meinem Leben. Egal was ich probiere, es wird immer noch schlechter.»
Hamiltons beschleunigte Midlife-Crisis ist ein Spiegelbild des
fortgesetzten Ferrari-Desasters. Bei der Scuderia hängt der Haussegen
weiter schief – nicht nur, weil die erste sieglose Saison seit 2021 droht. Die Fans sind verärgert, fordern Wiedergutmachung.
Firmenchef John Elkann hat sich kürzlich die Fahrer vorgeknöpft: «Sie täten gut daran, weniger zu reden und sich stattdessen mehr auf
ihren Job zu konzentrieren.» Die Botschaft kann auch so übersetzt
werden: Mehr an Ferrari und weniger an sich denken. Weniger labern, mehr
leisten. Ungewöhnlich offene Worte, das zeigte Wirkung in Maranello –
sie wirkten wie ein Brandbeschleuniger. Bei Ferrari ist reichlich Feuer
unter dem Dach, und der nicht unumstrittene Kommandant Frédéric Vasseur muss
es schleunigst löschen.
Auf Schmusekurs
Öffentlich gingen die kritisierten Piloten, nachdem Mechaniker und
Ingenieure ausdrücklich gelobt worden waren, auf Schmusekurs mit dem
Oberboss. «Ich verliere mein Ziel nicht aus den Augen», versprach der
strauchelnde Hamilton. Teamkollege Charles Leclerc gab sogar den Musterschüler: «John hat es
nur gut mit uns gemeint. Er wollte alle nur wachrütteln, damit wir
besser werden.» Tatsächlich darf man die Frage stellen, ob Ferrari die
richtigen Fahrer hat. Aber umgekehrt ist es noch eindeutiger: haben
die Fahrer auch das richtige Auto?
Es ist ein Spiel auf Zeit, zwei lange Grand-Prix-Wochenenden noch.
Mit dem Neuschnitt der Regeln soll alles besser werden. Für Hamilton auf
jeden Fall, der mochte die Ground-Effect-Autos noch nie. Auch für
Leclerc wird sich dann weisen, ob er weiterhin loyal bleibt, oder ob er
ins Grübeln kommt, seine Karriere zu verschwenden? Der
alt-weltmeisterliche Rat von Hamilton beschwört die Einheit, auch wenn
sich gerade seine Diskussionen mit dem Kommandostand über Boxenfunk
häufig anders anhören: «Wir alle ziehen an einem Strang, um das Schiff
in eine bessere Richtung zu drehen. Aber es braucht seine Zeit, grosse
Dampfer in eine andere Richtung zu stossen.»
Mit Abstand der Beste
Max Verstappen wäre auch in dieser Hinsicht kein schlechtes Vorbild.
Der Niederländer ist nicht nur der mit Abstand beste und konstanteste
Fahrer der zweiten Saisonhälfte, er hat vor allem den
Red-Bull-Technikern die richtigen Impulse vermittelt. Egal, wie es in
Katar und Abu Dhabi am Ende auch ausgehen mag, für ihn ist es eines der
besten Rennjahre seiner Karriere gewesen. Weltmeisterlich eben, mit oder
ohne Titel.
Resultate GP Las Vegas (vor Disqualifikation Norris/Piastri)
Fahrer-WM
Konstrukteurs-WM
Fotos: Red Bull, Mercedes, McLaren, Ferrari