Neel Jani – Zweigleisig unterwegs

Werner J. Haller | 28.03.2024

Langstrecken-WM/Formel 1 Die Agenda von Neel Jani ist gefüllt. Der 40-jährige Berner fährt dieses Jahr die 
gesamte Langstrecken-WM, bringt aber bis 2026 auch Audis Formel-1-Motor auf Touren.

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Neel Jani fährt für das Team Proton Competition in der Langstreckenweltmeisterschaft einen Porsche 963

Als die AUTOMOBIL REVUE Neel Jani um ein Interview anfragte, meldete er sich aus Deutschland, er war gerade bei Audi. Tage später, beim Interview, war er auf der Heimfahrt, er war gerade bei Porsche in der Schweiz. Der Berner, im Dezember 40 Jahre alt geworden, ist gerade dick im Geschäft. Bei Audi arbeitet er zusammen mit den Ingenieuren am Formel-1-Motor, der ab 2026 am Start ist. Für das Team Proton Competition fährt er in der Langstreckenweltmeisterschaft einen Porsche 963. Dabei wirkte Jani vor einem Jahr mit Blick in die Zukunft noch unruhiger als heute. «Ich habe noch ein grosses Ziel, ich möchte einmal die 24 Stunden von Daytona gewinnen», sagte der ehemalige Le-Mans- und Sebring-Sieger sowie Langstreckenweltmeister damals.

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Bei Audi ist Neel Jani Teil des Formel-1-Projekts: «Ich bin ein Baustein in der ganzen Entwicklungsarbeit des Motors.»

Im Januar fehlten Neel Jani und seinen Fahrerkollegen im Proton-Porsche nach 791 Runden nur rund 45 Sekunden zum Daytona-Triumph. «Platz fünf ist ein gutes Resultat. Wir konnten sogar eine Zeit lang im Kampf um einen Podestplatz mithalten. Am Ende war aber unser Reifenmanagement ungenügend. Mir zum Beispiel fehlten zum Rennschluss hin eineinhalb Zehntelsekunden auf die schnellste Rundenzeit.» Beim Auftakt zur Langstrecken-WM am Wochenende darauf reichte es im selben Prototyp nur zu Platz zehn. «Das war enttäuschend, ich hatte mir schon mehr erhofft. Letztlich war es aber wieder eine Reifenfrage.»

Eine besondere Erinnerung

Jammern will er deshalb aber nicht, denn Porsche ist mit dem 963er gut im Geschäft. In Daytona siegte die Werkstruppe von Penske, ebenso in Katar, wo sogar alle drei Podestplätze von Porsche-Teams besetzt waren. «Porsche ist mit dem 963 sehr gut aufgestellt. Die Frage ist, ob man die Leistung im Vergleich mit der Konkurrenz über das Jahr hindurch hochhalten kann», sagt Jani. Und da sei ja auch noch die BoP, die Balance of Performance, die in der Hypercar-Klasse der WM die Leistung der Konkurrenten ausgleicht. Peugeot überraschte in Katar, hatte aber dank BoP auch den Vorteil des leichtesten Autos. Aber das bereitet dem Routinier Neel Jani keine Kopfschmerzen. «So sind die Spielregeln. Was soll ich mich dar­über aufregen, wie andere es tun? Ich kann es ja nicht beeinflussen.» Dass der Langstreckenrennsport boome, viele Hersteller in die Langstrecken-WM oder die US-Sportwagenmeisterschaft gingen, sei wundervoll, sagt der Prototypenfan Jani. «Es ist eine neue Ära, das neue Konzept mit den Hypercars funktioniert. Es ist o. k., wenn die Organisatoren der Rennserien mittels einer BoP-Regel für Chancengleichheit sorgen, das macht die Rennen spannend. Trotzdem erinnere ich mich gerne an meine erfolgreichen Jahre.»

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Weltmeister und Le-Mans-Sieger 2016: Neel Jani (M.) mit Marcel Fässler (r.), dem vormaligen Titelgewinner mit Audi.

2016 gewann er mit Porsche die 24 Stunden von Le Mans und den Titel in der Langstrecken-WM. Der Porsche 919 Hybrid war noch ein LMP1-Auto. Die Konkurrenten waren Audi und Toyota, doch die LMP1-Klasse blutete aus, die Werke gingen, weil die Kosten explodierten. «Aber es ging damals stärker als heute darum, ein Auto zu bauen und zu entwickeln. Das war schon eine tolle, sehr spannende Zeit», erinnert sich Jani.

Von der Theorie zur Praxis

Die Entwicklungsarbeit auf höchstem Level ist ihm aber erhalten geblieben. Seit letztem Sommer ist er zudem bei Audi unter Vertrag. Dort ist er Teil des Formel-1-Projekts, 2026 kommt Audi anstelle des traditionellen Schweizer Rennstalls Sauber in die Königsklasse des Motorsports. «Ich bin ein Baustein in der ganzen Entwicklungsarbeit des Motors. Ich bin ein Rennfahrer mit viel Erfahrung rund um die Hybridtechnik, die 2026 Einzug hält in der Formel 1.» Bei der Software der modernen Antriebsstränge höre sich vieles in der Theorie gut an, sagt Neel Jani. «Aber in der Praxis muss es ja dann auch funktionieren. Ich sorge für die Fahrbarkeit des Triebwerks, weshalb ich derzeit sehr viel Zeit im Rennsimulator von Audi verbringe.» Bei Sauber Motorsport in Hinwil ZH sei er aber nicht anzutreffen, sagt der vielbeschäftigte Berner.

Die Langstrecken-WM mit Proton-Porsche und die Formel-1-Entwicklungsarbeit bei Audi genügten ihm. «Ob ich weitere Rennen in den USA fahre, entscheide ich spontan. Aber eben, eigentlich möchte ich dort nur einmal noch in Daytona siegen.» 

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Sehnsucht Daytona: Beim US-Klassiker will Neel Jani noch gewinnen, dieses Jahr klappte es erneut nicht.

Fotos: Porsche, Audi, Imsa

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