Heritage statt Nostalgie: Mercedes-Benz blickt nach vorn

Michael Schenk | 23.07.2026

140 Jahre nach Bertha Benz’ Fahrt nach Pforzheim will Mercedes-Benz seine Geschichte nicht nur bewahren, sondern als Orientierung für die Zukunft nutzen. Marcus Breitschwerdt, Leiter der Mercedes-Benz Heritage GmbH, erklärt, warum Heritage mehr ist als Nostalgie – und weshalb ein W124 heute wieder junge Menschen begeistert.

Stadt Apotheke Wiesloch

Im August 1888 verlässt Bertha Benz mit ihren Söhnen Eugen und Richard Mannheim und fährt mit dem Patent-Motorwagen ihres Mannes Carl Benz nach Pforzheim. Es gibt weder Tankstellennetz noch Servicedienst noch Navigationshilfe. Dafür braucht es Improvisation: In Wiesloch beschafft sie Ligroin, einen Reinigungsbenzin-Ersatz, in Bauschlott lässt sie die Bremsklötze mit Leder belegen, eine verstopfte Leitung reinigt sie mit ihrer Hutnadel.

Die Fahrt gilt heute als erste erfolgreiche Langstreckenerprobung eines Automobils. Für Marcus Breitschwerdt, CEO der Mercedes-Benz Heritage GmbH, steht sie aber auch sinnbildlich für das, was Heritage ausmacht: «Heritage ist nicht einfach das, was war. Es geht darum, aus der Vergangenheit Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen.»

Damit unterscheidet sich Heritage von reiner Historie. Archive bewahren Dokumente, Museen zeigen Exponate. Heritage soll Wissen nutzbar machen – für Technik, Design und Markenentwicklung.

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Marcus Breitschwerdt, CEO der Mercedes-Benz Heritage GmbH

Vom Archiv zur strategischen Aufgabe

Die Mercedes-Benz Heritage GmbH wurde 2023 gegründet, um verschiedene historische Aktivitäten des Unternehmens zu bündeln. Dazu gehören Museum, Fahrzeugsammlung, Classic-Aktivitäten, Ersatzteilversorgung, Veranstaltungen und die Betreuung der internationalen Sammlerszene.

Zuvor waren diese Bereiche organisatorisch getrennt. «Es ging darum, die Kräfte zu bündeln und Heritage als eigenständigen Bereich weiterzuentwickeln», erklärt Breitschwerdt. Nostalgie stehe dabei nicht im Vordergrund. «Wir machen keine Retro-Politik.»

Das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart zeigt rund 160 Fahrzeuge, die Sammlung umfasst rund 1200 weitere Exponate. Hinzu kommen Werkstätten, Ersatzteilversorgung und internationale Auftritte bei Veranstaltungen wie der Mille Miglia, dem Goodwood Festival of Speed oder der Villa d’Este.

Auch die Dokumentation historischer Fahrzeuge gehört zum Aufgabenbereich. Mercedes erstellt zwar keine klassischen Wertgutachten, kann aber anhand der Werksunterlagen detailliert nachvollziehen, ob ein Fahrzeug noch dem Auslieferungszustand entspricht. Gerade bei wertvollen Klassikern ist diese Dokumentation ein wichtiger Faktor.

Gottlieb Daimler im Motorwagen und im Kreis seiner Familie um 1885, Werkspilot Hans Hermann, der Mille-Miglia-Rennwagen von Sterling Moss, Rudolf Uhlenhaut am SL. Zum Vergrössern anklicken!

140 Jahre Innovation: Mehr als nur eine Rückschau

2026 steht bei Mercedes-Benz im Zeichen von «140 Years of Innovation». Für Breitschwerdt ist das Jubiläum mehr als eine Rückschau. Die Geschichte könne Impulse für aktuelle Produkte liefern – etwa bei Proportionen, Gestaltungselementen oder der Interpretation bekannter Designmerkmale.

Dabei gehe es nicht um Kopien vergangener Ikonen. Ein neuer Mercedes müsse nicht aussehen wie ein 300 SLR oder ein Flügeltürer. Entscheidend sei vielmehr, welche Prinzipien dahinterstehen: technische Kompetenz, Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit.

Die Herausforderung für eine Traditionsmarke sei, Vergangenheit und Zukunft miteinander zu verbinden. «Heritage darf nie nur Selbstzweck sein», sagt Breitschwerdt. Die Geschichte müsse glaubwürdig bleiben und dürfe nicht allein zur Vermarktung genutzt werden.

Eine der prägnantesten Aussagen des Gesprächs fällt im Zusammenhang mit der industriellen Heimat von Mercedes-Benz: «Stuttgart ist nicht Detroit.»

Breitschwerdt versteht dies nicht als Vergleich zweier Städte, sondern als Hinweis darauf, dass industrielle Stärke nicht selbstverständlich ist. Produktionsstandorte müssten sich kontinuierlich weiterentwickeln, investieren und ihre Kompetenz bewahren.

Gerade in einer globalisierten Automobilindustrie sieht er regionale Verwurzelung als wichtigen Faktor. «Erfolgreiche globale Marken brauchen eine starke lokale Herkunft.»

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Warum der Mercedes W124 junge Menschen begeistert

Dass klassische Mercedes-Modelle wieder bei jüngeren Generationen beliebt sind, überrascht Breitschwerdt nicht. Fahrzeuge wie W201, W124 oder W140 seien mehr als alte Autos. Sie stünden für Langlebigkeit, Reparierbarkeit und eine andere Form von Automobilkultur.

Mercedes wolle deshalb auch die Youngtimer-Szene stärker unterstützen – nicht nur Besitzer besonders wertvoller Sammlerfahrzeuge. Dazu gehören technische Informationen, Ersatzteile, fachgerechte Reparaturen und Unterstützung bei der Erhaltung dieser Fahrzeuge.

Der W124 zeigt dabei, wie sich die Wahrnehmung eines Autos verändern kann. Einst als zu konservativ oder unspektakulär betrachtet, gilt er heute als Klassiker. Auch der W140, der bei seiner Einführung wegen seiner Grösse kritisiert wurde, wird inzwischen zunehmend geschätzt.

Können Elektroautos Klassiker werden?

Ob auch Elektroautos einmal Kultstatus erreichen können, beantwortet Breitschwerdt mit einem klaren Ja. Entscheidend sei nicht die Antriebsart, sondern die Bedeutung, die ein Fahrzeug für eine Generation entwickle.

Auch frühere Ikonen seien nicht von Beginn an Klassiker gewesen. Der 300 SL oder der W140 hätten ihre heutige Stellung erst mit der Zeit erhalten. Deshalb könne niemand heute sicher beurteilen, welche aktuellen Fahrzeuge in einigen Jahrzehnten dieselbe emotionale Bedeutung besitzen werden.

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Mit Moss im Mercedes 300 SLR die Mille Miglia fahren

Wenn Breitschwerdt eine Szene aus der Mercedes-Geschichte selbst erleben könnte, wäre es die Mille Miglia 1955 – als Beifahrer von Stirling Moss im 300 SLR.

Damals fuhr Moss gemeinsam mit Denis Jenkinson einen legendären Sieg ein. Jenkinson navigierte mit einem selbst entwickelten Rollsystem, auf dem er Kurven, Gefahrenstellen und Richtungswechsel der Strecke notiert hatte. Das analoge Navigationssystem half Moss dabei, die 1600 Kilometer lange Strecke in etwas mehr als zehn Stunden zu bewältigen.

Es ist eine Geschichte über Technik, Vorbereitung und menschliche Fähigkeiten – genau jene Verbindung, die auch Bertha Benz’ Fahrt Jahrzehnte zuvor geprägt hatte.

Denn die erste grosse Reise des Automobils entstand nicht im Museum, sondern auf der Strasse. Bertha Benz wartete nicht auf perfekte Bedingungen. Sie machte sich auf den Weg und bewies, dass die Idee funktionieren konnte.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft von Heritage: Vergangenheit ist dann wertvoll, wenn sie Bewegung erzeugt.

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Im Gespräch: AR-Redaktor Michael Schenk (links) und Marcus Breitschwerdt, CEO der Mercedes-Benz Heritage

Fotos: Schenk, Mercedes-Benz

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