Honda Civic S+ Shift: Mechanische Illusion

Olivier Derard | 17.09.2026

Mit ihrem neuen S+ Shift-System erfindet sich die japanische Kompaktklasse ein Getriebe, das es gar nicht gibt. Gangwechsel, Drehzahlsprünge und Zugkraftunterbrechungen: Alles ist simuliert. Und doch ist hinter der mechanischen Illusion der Fahrspass ganz real.

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Die 2021 vorgestellte elfte Generation des Civic hatte bereits 2025 im Zuge ihres ersten Facelifts einige Neuerungen erhalten. Damals wurden Scheinwerfer und Lufteinlässe neu gestaltet, zudem überarbeitete Honda die Felgen und die Farbpalette.

2026 legt der Japaner nun dezent nach. Sehr dezent sogar: Wie Honda-Vertreter einräumen, beschränken sich die optischen Änderungen auf eine neue Antenne, eine rote Zierlinie bei den «Sport»-Varianten sowie neue Bose-Lautsprecher im Innenraum. Man braucht also schon ein ausgesprochen geschultes Auge, um den neuen Jahrgang vom Vorgänger zu unterscheiden.

Unter dem unveränderten Blechkleid tut sich dagegen mehr. Zumindest die beiden höchsten Ausstattungslinien «Sport» und «Advance» können optional mit dem neuen «S+ Shift»-System ausgerüstet werden. Die erstmals im neuen Prelude eingesetzte Technologie basiert auf dem i-MMD-System (Intelligent Multi-Mode Drive).

Dieser bei Honda bestens bekannte und in sämtlichen Hybridmodellen eingesetzte, komplexe Antriebsstrang kombiniert nicht weniger als einen Verbrennungsmotor mit zwei Elektromaschinen und einer Lithium-Ionen-Batterie.

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i-MMD getunt

In groben Zügen kann dieser Antriebsstrang sowohl als Parallel- als auch als serieller Hybrid arbeiten. Im ersten Fall kann der Verbrennungsmotor die Räder direkt antreiben und/oder mit der Elektromaschine zusammenarbeiten. Im zweiten übernehmen ausschliesslich die Elektromaschinen den Vortrieb, während der Benziner lediglich den benötigten Strom erzeugt.

Da der Vierzylinder mit Atkinson-Zyklus dabei von den Rädern entkoppelt ist, kann er mit einer Drehzahl arbeiten, die weitgehend unabhängig von der Fahrzeuggeschwindigkeit ist. Und genau diese Besonderheit macht sich S+ Shift zunutze. Über neue Schaltwippen hinter dem Lenkrad – leider aus Kunststoff und nicht aus Metall wie beim Prelude – kann der Fahrer vollständig virtuelle Gangwechsel auslösen.

Das System stimmt dabei die Drehzahl des Verbrennungsmotors und die Reaktion der Elektromaschine aufeinander ab, um das Verhalten eines konventionellen Getriebes nachzuahmen. Die für den Vortrieb zuständige Elektromaschine geht sogar so weit, die Leistungskurve eines Verbrennungsmotors sowie die kurzen Zugkraftunterbrechungen bei jedem Gangwechsel zu simulieren.

Natürlich dürften Besitzer eines Civic Type R über diese teilweise elektronische Inszenierung weiterhin schmunzeln. Doch bereits nach den ersten Kilometern muss man anerkennen: Das Gehirn lässt sich erstaunlich schnell auf das Spiel ein.

Ein Zug an der rechten Schaltwippe, die Drehzahl fällt kurz ab, der Schub setzt für einen Augenblick aus und baut sich anschliessend wieder auf, während die Geräuschkulisse das Geschehen passend untermalt: Alles vermittelt den Eindruck, als wäre tatsächlich der nächste Gang eingelegt worden. Zieht man beim Bremsen an der linken Wippe, läuft das Ganze umgekehrt ab – inklusive Drehzahlanstieg, der an ein echtes Zurückschalten erinnert.

Bei zügiger Fahrt wirkt die Illusion schliesslich so überzeugend, dass man beinahe vergisst, dass es gar kein echtes Getriebe gibt.

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Die Kontrolle zurückgewinnen

Das System bringt vor allem etwas zurück, das Hybridantrieben oft fehlt: Interaktion. Während beim normalen Civic die Elektronik die Motordrehzahl selbst bestimmt – oft ohne offensichtlichen Zusammenhang mit der Geschwindigkeit –, gibt S+ Shift dem Fahrer die Kontrolle zurück. Vor einer Kurve wählt man seinen «Gang», am Kurveneingang schaltet man zurück und beim Beschleunigen wieder hoch – ganz wie in einem klassischen Verbrenner.

Natürlich werden aus den 184 PS – die Leistung bleibt gegenüber dem Vorgänger unverändert – dadurch nicht mehr, und schneller wird der Civic ebenfalls nicht. Doch das Fahrerlebnis gewinnt deutlich an Charakter, weil das System einige jener mechanischen Bezugspunkte zurückbringt, die mit der Elektrifizierung zunehmend verschwinden.

Und wer keine Lust hat, mit den Schaltwippen zu spielen, kann seinen Civic weiterhin ganz klassisch fahren. Denn letztlich bleibt S+ Shift ein Gadget, das sich nach Belieben ein- oder ausschalten lässt.

Beim Fahrverhalten gibt es dagegen absolut nichts zu beanstanden. Ganz im Gegenteil: Der Civic dürfte zu den Besten seiner Klasse gehören und nimmt Kurven mit Geschwindigkeiten, über die man besser schweigt.

Die Karosserie, geführt von MacPherson-Federbeinen vorne und einer Mehrlenkerachse hinten, bleibt dabei nahezu unbeeindruckt, während sich die Reifen – Michelin Pilot Sport im Format 235/40 ZR18 – förmlich in den Asphalt krallen.

Die Präzision der Lenkung erreicht ein Niveau, das man in einem Kompaktwagen nur selten erlebt, und auch die Rückmeldung ist schlicht hervorragend. Ebenso überzeugt die Bremse mit hoher Präzision und kompromisslosem Biss.

Wohlfühlgefühl

An Bord werden diese fahrdynamischen Qualitäten durch eine tadellose Sitzposition zusätzlich unterstrichen. Der Seitenhalt ist hervorragend, die Übersicht gut. Ansonsten bleibt alles beim Alten. Das Kofferraumvolumen beträgt weiterhin 410 Liter und wächst bei umgeklappter Rückbank auf 1220 Liter.

Auch der Innenraum überzeugt nach wie vor mit seiner hohen Verarbeitungsqualität und einer durchdachten Ergonomie. Das 10,2 Zoll grosse Kombiinstrument wirkt optisch zwar etwas in die Jahre gekommen. Doch unterm Strich fühlt man sich im Civic einfach wohl.

Zu all diesen Qualitäten kommt ein weiteres Argument hinzu: der Preis. Die «Elegance»-Version kostet 39'990 Franken, wobei davon eine Prämie von bis zu 4000 Franken abgezogen werden kann. Damit ist der Civic e:HEV bereits ab 35'990 Franken erhältlich.

Darüber hinaus offeriert Honda auch die Winterräder. Die «Sport»-Ausstattung mit dem S+ Shift-System kostet 41'990 Franken und profitiert ebenfalls von diesen Vergünstigungen. Bei diesem Leistungsumfang ist es schwierig, in diesem Segment ein besseres Angebot zu finden. Und eine sparsamere Hybridlösung dürfte ebenso schwer aufzutreiben sein.

Fotos: Honda

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