Der Porsche Cayenne Electric ist ein Destillat der modernen Autoindustrie und genau deshalb so absurd und gleichzeitig faszinierend: Er ist teurer als sein praktischerer Bruder, emissionsfrei unterwegs, aber 2.6 Tonnen schwer und bis zu 1156 PS stark, er ist Geländewagen, Reiseauto und Supercar in einem – und er ist in der Porsche-Welt fast schon ein Sonderangebot. Wie passt das alles zusammen?
Wenn wir AR-Redakteure im Archiv in unseren Katalogen blättern, ist da alles schön nach Fahrzeugkategorien gegliedert: Limousinen, Sportwagen, Geländewagen, und so weiter. Nicht zuletzt dank des Siegeszuges elektrischer SUVs verschwimmen diese Grenzen heute, jedes Auto kann ein bisschen von allem. Und nichts destilliert all das hochkonzentrierter als der neue Porsche Cayenne Coupé Electric. Denn:
Was als Geländewagen begann, wurde als SUV zum Familienauto und in der Coupé-Form zum Lifestyle-Objekt – immer noch höhergelegt
Das Coupé hat weniger Stauraum, ist aber 4500 Franken teurer als die SUV-Version
Er ist elektrisch, aber statt «Welt retten» als oberstes Ziel fährt er mit bis zu 850 kW (1156 PS) und fast drei Tonnen Lebendgewicht vor
Trotz allem ist der Cayenne Coupé Electric Geländewagen, Reiseauto und Supercar in einem – und jede dieser Rollen spielt er überzeugend
Und dann ist das Auto in der Porsche-Welt fast noch ein Sonderangebot
"Nur" das Basismodell
Etwas entschärft wird die Sache durch den Fakt, dass wir hier das «Einstiegsmodell» Cayenne Coupé Electric fahren. Das Turbo-Topmodell haben wir parallel ebenfalls getestet. Was das abliefert, ist nicht mehr von dieser Welt. Gemessene 2.3 Sekunden von null auf 100 km/h pressen den letzten Kubikmillimeter aus der Lunge, man ist ständig darauf bedacht, nur minimal Gas zu geben, um ja nicht im Knast zu landen. Immens, aber auf Dauer auch irgendwie anstrengend. «Vollgas gibt man im Cayenne Turbo Electric zweimal: einmal für sich, einmal um den Nachbarn zu beeindrucken, und dann nie mehr», sagte uns ein Porsche-Sprecher damals bei der Präsentation im Studio.
Launch Control im Porsche Cayenne Turbo Electric ist fast eine Nahtoderfahrung.
Mit dem «Basis»-Cayenne ist man weiss Gott schnell genug, und mit 300 kW (408 PS) – im Overboost sogar 325 kW (442 PS) sowie 835 Nm Drehmoment bei Launch Control – muss man sich nicht schämen. Beim Turbo wird einem bei Vollgas schlecht. Die 4.8 Sekunden, die das Basismodell auf 100 km/h braucht, sind genau die richtige Mischung aus Spass und «noch nicht zu viel für den Alltag». 230 km/h Höchstgeschwindigkeit und glatte drei Sekunden von 80 bis 120 km/h sind ebenfalls nicht zu verachten. Auf Wunsch wird die Beschleunigung begleitet von einem an V8-Grollen angelehnten künstlichen Sound, der sogar ziemlich überzeugend klingt.
Fährt, wie ein Porsche soll
Wie jedes Modell der Marke fühlt sich der Cayenne Electric sofort nach Porsche an. Das liegt vor allem an der schlicht perfekten Sitzposition, die mit praktisch jeder Körpergrösse erreicht werden kann. Man sitzt schön tief, das runde Lenkrad mit echten Tasten und dem Drehregler für die Fahrmodi ideal positioniert – in den Cayenne steigst du nicht ein, du ziehst ihn dir an.
Im Cayenne Electric meinst du nicht, in einem SUV zu sitzen.
Apropos Lenkung: Lenkgefühl, Rückmeldung und Haltekräfte sind auf den Punkt. Dank der Hinterachslenkung fühlt sich der 2.6-Tonner – das Topmodell wiegt noch einmal deutlich mehr – bis zu einer gewissen Kurvengeschwindigkeit agil an. Auch ohne Porsches berühmtes Aktivfahrwerk lässt sich der Cayenne flott und mit Freude über Landstrassen scheuchen. Das 21'240 Franken teure Leichtbau-Paket, das ein Carbon-Dach, Mikrofaser-Bezüge und andere Optionen beinhaltet, kann man sich sparen.
Laden mit bis zu 390 kW – oder kabellos
Je nach Ausstattung kommt man mit voller 113-kWh-Batterie (brutto) nach WLTP zwischen 592 und 658 Kilometer weit – knapp 20 Kilometer mehr als beim SUV wegen des geringeren Luftwiderstands. Bei moderater Fahrweise dürften 550 Kilometer realistisch sein, am Schnelllader kann man den Akku dann mit 390 kW in 16 Minuten von zehn auf 80 Prozent laden. Oder anders gesagt: in zehn Minuten ist Strom für 335 Kilometer gezogen.
An der Wallbox lädt der Cayenne mit 11 kW, optional mit 22 kW oder sogar kabellos. Gegen Aufpreis gibt es für den Cayenne Electric nämlich ein Ladepad für die Garage, womit das Auto induktiv mit 11 kW geladen werden kann.
Beim Cayenne Coupé Electric sinkt der CW-Wert von 0.25 auf 0.23.
Nicht nur die Ladeleistung und die Reichweite machen ihn langstreckentauglich, sondern auch die bequemen und zigfach verstellbaren Sitze, das nachgiebige Fahrwerk, das niedrige Geräuschniveau und Fahrmodi, die zwischen Komfort und Sport eine breite Spreizung bieten.
Fähiger Offroader
Die Rolle des Sport- und des Reisewagens spielt der Cayenne Electric also überzeugend – und die des Geländewagens ebenfalls. Okay, für das Maximum an Offroadtauglichkeit muss man das Offroad Paket für 2330 Franken bestellen, das andere Schürzen mit steileren Rampenwinkeln und Anpassungen am Fahrwerk beinhaltet, womit die Anhängelast auf 3.5 Tonnen steigt.
Cayenne Coupé Electric im leichten Gelände – das Auto kann noch mehr.
Es ist schon erstaunlich: Eben noch hängst du auf der Landstrasse Sportwagen ab und jetzt kraxelst du im selben Auto einen löchrigen Erdhang hoch. Wie viele Kunden diese Extreme wirklich ausreizen werden, steht auf einem anderen Blatt, aber das ist gar nicht die Frage. Der Punkt ist: Der Cayenne Electric kann das alles, und das ist doch die Hauptsache.
Weniger Gepäckvolumen
Zum Thema Platzangebot: Mit 534 bis 1347 Liter Kofferraumvolumen plus 90 Liter im Frunk hat auch das Cayenne Coupé Electric ordentlich Stauraum. Die abfallende Dachlinie disqualifiziert es aber als Transportmittel für voluminöse und sperrige Güter. Zudem schlägt das Design auf die Sicht nach hinten, die Heckscheibe ist eher eine Schiessscharte.
Die abfallende Dachlinie kostet Stauraum.
Das Coupé kauft man sich, weil einem die Optik zusagt. Uns gefällt das SUV besser, aber das ist Geschmackssache. In der absoluten Basis sieht das Coupé etwas nach Ford Capri aus – die Elektro-Wiedergeburt, nicht das Urgestein –, was an den geschlossenen 20-Zoll-Felgen und den Scheinwerfern liegt. Nimmt man etwas Geld in die Hand und bestellt grössere Felgen sowie das Designpaket mit sportlicheren Schürzen, sieht die Sache schon anders aus.
Knick im Bildschirm
Über mangelnden Platz können sich die Passagiere nicht beschweren, auch nicht im Fond. Das Cockpit im neuen Cayenne Electric hat Porsche richtig gut hinbekommen. Es ist eine gelungene Mischung aus qualitativ hochwertigen Materialien und Moderne in Form des neuen Infotainmentsystems mit vertikal installiertem, geknicktem Bildschirm. Die untere Fläche fungiert als weitere Bedienebene, was sich gut handhaben lässt und ebenso aussieht. Unser Tipp: Verzichten Sie aufs Beifahrerdisplay. Dadurch wirkt das Interieur überladen und es ist ein Magnet für Fingerabdrücke.
Im Cayenne Electric ist der Infotainmentbildschirm erstmals geknickt.
Auf Wunsch wird das Interieur des Cayenne Electric zum Luxustempel mit beheizten Armauflagen, 18-Wege-Sportsitzen und Leder bis in die hintersten Winkel. Von der Ziernaht über die Farbe der Sicherheitsgurte bis zum Ziffernblatt der Uhr auf dem Armaturenbrett ist alles personalisierbar.
Zu fast jedem Modell und jedem Ausstattungswunsch gibt es die passende Porsche-Uhr.
Wer es ganz exklusiv mag, kann sich die passende Armbanduhr von Porsche Timepieces dazu bestellen, die man in einem eigenen Konfigurator gestalten kann. Die Uhren werden bei Porsche Timepieces in Grenchen von Hand gefertigt mit Materialien, die auch Porsche in seinen Autos verwendet. Je nach Uhr kann man schon mal 10'000 Franken oder mehr ausgeben.
Cayenne Coupé Electric mit mehr Serienausstattung
Apropos Geld: Das Cayenne Coupé Electric ist ab 124'300 Franken zu haben und damit 4500 Franken teurer als das SUV. Weniger Platz für mehr Geld ist paradox, doch man bekommt auch mehr Serienausstattung. Beim Coupé sind zum Beispiel das Panorama-Glasdach und das Sport-Chrono-Paket an Bord. Ebenfalls ab Werk sind das Infotainment, allerlei Fahrassistenten, eine Vierzonen-Klimaautomatik und ein Bose-Soundsystem verbaut. In der Schweiz werden zudem alle Porsche Cayenne Electric mit auf vier Jahre verlängerter Garantie und Assistance sowie dem Swiss Package ausgeliefert, das unter anderem die Vorbereitung für induktives Laden beinhaltet.
Damit relativiert sich der Preis etwas. Wenn man es nicht übertreibt beim Ankreuzen in der Optionsliste, kommt man mit ordentlicher Ausstattung mit rund 140'000 Franken hin. Das Turbo-Topmodell mit 1156 PS startet als SUV bei 189'000 Franken – der Turbo e-Hybrid mit 739 PS starkem PHEV-V8 kostet mindestens 213'100 Franken. Ein Schnäppchen also, der Elektro-Cayenne, oder?
Spass beiseite, das ist natürlich alles viel Geld, aber im Grunde bekommt man beim Cayenne Electric drei Autos in einem: einen Sportwagen, ein Reiseauto und einen Geländewagen. Absurd, die heutige Autowelt, aber auch echt beeindruckend.
Technische Daten Porsche Cayenne Coupé Electric (2026)
Karosserie
Fahrzeugsegment
E Luxusklasse
Länge
4985 mm
Breite
1980 mm
Höhe
1635–1720 mm
Radstand
3023 mm
Sitzplätze
5
Leergewicht (mit Fahrer)
2605 kg
Gesamtgewicht
3145 kg
Kofferraum vorne
90 l
Kofferraum hinten
534 l – 1347 l
Reifengrösse
255/55 R20 vorne, 305/45 R20 hinten
Anhängelast gebremst
3000 kg (3500 kg mit Offroad-Paket)
Bodenfreiheit
190 mm (245 mm im Sondergeländeniveau)
Böschungswinkel vorne/hinten
14.9/18.7 Grad (18.6/22.7 Grad im Sondergeländeniveau)
Antrieb
Motor hinten
Permanenterregter Synchronmotor
Motor vorne
Asynchronmotor
Antrieb
AWD
Getriebe
1 Gang
Systemleistung
300 kW (408 PS) (325 kW (442 PS) im Overboost)
Systemdrehmoment
835 Nm
Systemspannung
800 Volt
Batteriekapazität
113 kWh (brutto)
Batteriechemie
Lithium-Ionen Nickel-Mangan-Cobalt
Ladeleistung DC
390 kW
Ladezeit DC 10-80 Prozent
ca. 16 min
Ladeleistung AC
11 kW (22 kW optional)
Ladezeit AC 0–100 Prozent
11 h (5 h 45 min bei 22 kW)
Fahrleistungen und Verbrauch
0-100 km/h
4.8 s
Höchstgeschwindigkeit
230 km/h
Verbrauch 100 km (WLTP)
19.2-21.3 kWh
Reichweite (WLTP)
592-658 km
Preis
Grundpreis
119'800 Franken
Cayenne Coupé ab
124'300 Franken
Bildergalerie Porsche Cayenne Coupé Electric (2026)