Bentley Torcal: Das erste Elektroauto nach Bentley-Art

Olivier Derard | 06.07.2026

Mit dem Torcal tritt Bentley offiziell in das Zeitalter der Elektromobilität ein. Als erstes emissionsfreies Modell in der Geschichte der Marke läutet dieses SUV eine neue Designsprache, eine völlig neue technische Plattform und zahlreiche Innovationen ein. Eine grundlegende Frage bleibt jedoch offen: Wird es der Marke aus Crewe gelingen, die Seele ihrer prestigeträchtigen Gran-Turismo-Modelle zu bewahren, während die Marktanforderungen die Silhouette eines SUV vorschreiben?

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Am 23. September schlägt Bentley ein neues Kapitel seiner Geschichte auf: An diesem Tag präsentiert die britische Luxusmarke mit dem Torcal ihr erstes vollelektrisches Modell. Als vierte Baureihe neben dem Continental GT Coupé, der Flying Spur Limousine und dem Bentayga wird auch der Torcal als SUV auf den Markt kommen.

Nach mehr als vier Jahren Entwicklungszeit wird der Torcal selbstverständlich in Crewe, dem traditionsreichen Stammsitz von Bentley, produziert (bei 2:15 Min. im untenstehenden Video fährt Travis Pastrana bereits durch die neue Produktionshalle).

Obwohl Bentley das endgültige Design seines neuen Modells noch unter Verschluss hält, hat die Marke bereits einen ersten Blick auf das Heck freigegeben und der Redaktion die Möglichkeit gegeben, den Torcal im Rahmen einer statischen Studio-Präsentation exklusiv vorab vollständig zu begutachten. Der erste Eindruck überrascht: Der Torcal führt eine komplett neue Designsprache ein und verabschiedet sich damit vom erst kürzlich eingeführten Stil des Continental GT zugunsten neuer gestalterischer Akzente.

Diese knüpfen gekonnt an die Designgeschichte der Marke an und greifen unter anderem Elemente ikonischer Modelle wie des Arnage auf. Die lange Motorhaube, der grosszügige Radstand, die kurzen Überhänge, die markant modellierten hinteren Kotflügel sowie die Heckklappe, deren Form an einen klassischen Kofferraumdeckel erinnert, zitieren traditionelle Bentley-Proportionen. Das Ziel ist klar: Trotz seiner SUV-Architektur soll der Torcal optisch eher an einen eleganten Gran Turismo als an einen klassischen Geländewagen erinnern.

Eine deutlich elegantere Silhouette

Dank kompakterer Proportionen wirkt der Torcal deutlich eleganter als sein grösserer Bruder, der Bentayga. So ist er 50 Millimeter flacher und 120 Millimeter kürzer, ohne dabei auf einen grosszügigen Radstand zu verzichten. An der Front hält Bentley trotz des geringeren Kühlbedarfs eines Elektroantriebs an seinem markanten Kühlergrill fest.

Dieser präsentiert sich jedoch in völlig neuer Form: Statt einer klassischen Öffnung besteht er aus einer beleuchteten Fläche mit hinterleuchteten Kristallelementen, die scheinbar auf einem schwarzen Hintergrund schweben. Das Konzept erinnert unweigerlich an den optionalen Crystal Face des Skoda Enyaq vor dem Facelift.

Obwohl die Inszenierung aufwendig gestaltet ist, wirkt das Ergebnis nicht ganz so hochwertig wie erhofft – vom zeitlosen Charme des traditionellen verchromten Bentley-Kühlergrills ist man ein gutes Stück entfernt.

Dafür überzeugen die neuen Scheinwerfer umso mehr: Die vier charakteristischen Rundscheinwerfer weichen vier vertikalen Lichtsignaturen, die das klassische Bentley-Gesicht auf beeindruckende Weise neu interpretieren. Auch das Heck zeigt sich aufgeräumt und modern, mit schlanken, horizontal angeordneten Rückleuchten.

Im Innenraum dominiert ein grosses, gebogenes Zentraldisplay, dessen Gestaltung an den Porsche Cayenne erinnert, auch wenn ein anderes Infotainmentsystem zum Einsatz kommt. Im Gegensatz zum Porsche lassen sich beispielsweise keine zwei Anwendungen gleichzeitig darstellen. Auf einen separaten Beifahrerbildschirm verzichtet Bentley bewusst, um die klare Linienführung des Armaturenbretts zu bewahren.

Seiner Philosophie bleibt Bentley dennoch treu und setzt für die wichtigsten Funktionen weiterhin auf physische Bedienelemente. So steht der Kontakt zu hochwertigen Materialien weiterhin im Vordergrund und nicht eine vollständig digitale Bedienung.

Gleichzeitig feiert eine Reihe neuer Materialien Premiere: Dazu gehören gemeinsam mit Fox Brothers entwickelte Merinowolle – das erste für den Automobilbau zugelassene Textil aus 100 Prozent Wolle –, ein mehrschichtiges Nussbaumfurnier mit feinem Farbverlauf sowie dreidimensional gebürstete Aluminiumoberflächen.

Digitalisierung mit einem Gefühl von Authentizität

Insgesamt hinterlässt der Torcal einen ausgesprochen eleganten Eindruck, auch wenn sich bei dieser ersten Begegnung zeigt, dass Bentley einzelne Details im Vergleich zu seinen übrigen Modellen etwas vereinfacht hat. So lassen sich die markentypischen «Bullseye»-Luftdüsen nicht mehr vollständig über die traditionellen Metallregler bedienen – einige Funktionen wurden in den Touchscreen verlagert. Dennoch bemüht sich Bentley, der Digitalisierung ein Gefühl von Authentizität zu verleihen. So basieren die Bildschirmanimationen nicht auf computergenerierten Effekten, sondern auf echten Lichtspielen, die durch Kristalle des britischen Herstellers Cumbria Crystal gefilmt wurden.

Dem gleichen Gedanken folgt auch das Klangkonzept. Zwar hätte Bentley bei seinem ersten Elektroauto konsequent auf Stille setzen können, doch die Marke betrachtet Geräusche als wichtigen sensorischen Bezugspunkt für Fahrer und Passagiere. Sie helfen dabei, Beschleunigung, Verzögerung und Haftung intuitiv wahrzunehmen und können gleichzeitig das Risiko von Reisekrankheit verringern. Im Torcal orientiert sich die Klangkulisse am Charakter des V8-Motors des Bentley Turbo R.

Anstatt jedoch den legendären 6,75-Liter-V8 künstlich zu imitieren, liess Bentley Musiker dessen Rhythmus und Emotion mit akustischen Instrumenten neu interpretieren. Der erste Eindruck ist vielversprechend – ein endgültiges Urteil wird allerdings erst nach einer Probefahrt möglich sein.

Bentley Torcal

SUV statt GT-Coupé ist eine Frage der Marktchancen für den Bentley Torcal

Der Torcal trägt eine grosse Verantwortung: Er muss beweisen, dass Bentleys Einstieg in das Elektrozeitalter nicht zulasten jener Werte geht, die den Ruf der Marke begründet haben. Genau deshalb hinterlässt die Entscheidung für einen SUV einen leicht unvollendeten Eindruck. Die verschiedenen EXP-Studien, insbesondere jene, die in Genf präsentiert wurden, zeichneten schliesslich das Bild einer elektrischen Zukunft in Form eines prachtvollen Grand-Tourisme-Coupés – des natürlichen Erben der legendärsten Bentley-Modelle.

Mit der Entscheidung, sein erstes Serien-Elektromodell nun doch als SUV auf den Markt zu bringen, erinnert der britische Hersteller an eine ernüchternde Realität: Selbst im absoluten Luxussegment haben wirtschaftliche Überlegungen inzwischen Vorrang vor den Idealen und der Romantik, welche die Marke Bentley über Jahrzehnte geprägt haben.

Bis zur Weltpremiere des Torcal am 23. September in London will Bentley im Laufe des Sommers schrittweise weitere Informationen veröffentlichen. Der Preis ist zwar noch nicht bekannt, dürfte aber leicht unter jenem des Bentayga liegen.

Herkunft des Namens «Torcal»

Bentley bleibt seiner Tradition treu und benennt auch sein neues Modell nach einer aussergewöhnlichen Naturlandschaft. Nach Bentayga, Bacalar und Batur verweist der Name Torcal auf El Torcal de Antequera in Andalusien, das für seine spektakulären, über Jahrmillionen von der Erosion geformten Kalksteinformationen bekannt ist.

Gleichzeitig hat der Name einen sprachlichen Ursprung im lateinischen torquere («drehen» oder «winden»). Davon leitet sich das englische Wort torque («Drehmoment») ab – ein subtiler Hinweis auf die sofort verfügbare Kraftentfaltung, die einen Elektromotor auszeichnet.

Fotos: Bentley

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